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Mittwoch, 19. August 2015

Helga König: Gedanken über eine Methode, die zu mehr Toleranz führt.

Die Qualität von Sentenzen bemisst sich an ihrer Allgemeingültigkeit und an ihrer Eloquenz.

Wer auf Twitter Geistesblitze Dritter kommuniziert, kann nur solche wählen, die maximal 140 Zeichen umfassen und muss sich bei eigenen Sentenzen entsprechend beschränken. Verwunderlich eigentlich, dass es noch keine Zitatensammlungen im Internet gibt, die nur Sentenzen aufweisen, die ausschließlich 140er Tweet-Länge haben? Oder gibt es sie schon? 

Weshalb twittern Menschen Gedanken von antiken Philosophen? Nach welchen Kriterien gehen sie dabei vor? 

Der Twitterer Nicolas Dierks nennt die dahinterstehenden Gedanken seiner Sentenzen –Tweets. Er twittert beispielsweise : "Die Gesellschaft ist eine Welle. Sie selbst bewegt sich vorwärts, nicht aber das Wasser, woraus sie besteht." - (R. W. Emerson, amerikanischer Philosoph) und setzt den Begriff #Wandel darunter. Die Raute ordnet das Zitat dann in eine speziellen Rubrik bei Twitter ein, auf der, sofern man auf Twitter nach dem Begriff "Wandel" sucht, das Zitat von Emerson, aber auch auf viele Tweets (Bilder und Verlinkungen) anderer Twitterer nachzulesen sind.

Dierks Motiv ist demnach ein ordnendes. Er will anderen offenbar die Suche erleichtern und einen zentralen Sinn von Sentenzen auf diese Weise vermitteln: die Begriffserläuterung. 

Andere twittern Sentenzen, die oft in keiner Beziehung zueinander stehen und wiederum andere solche Zitate, die sich widersprechen. Alle vermitteln Muster und kommunizieren indirekte Gedanken und Haltungen von sich, die zu deuten nicht immer einfach, mitunter sogar unmöglich erscheinen. 

Wenn, wie ich eingangs schreibe, die Qualität einer Sentenz sich an ihrer Allgemeingültigkeit und Eloquenz bemisst, werden einige verunsichert sein, im Hinblick auf die Qualität von Sentenzen, die sich völlig widersprechen. 

Doch Protagoras lehrt uns "Von jeder Sache gibt es zwei einander widersprechende Auffassungen."  (Protagoras aus Abdera, um 458 - 415 v. Chr., griechischer Sophist)

Sich widersprechende Sentenzen können also Allgemeingültigkeit besitzen, weil alles eine Frage des Blickwinkels ist. 

Eigene Sentenzen zu entwickeln, zeigt uns rasch unsere Grenzen auf, wenn es ums Komprimieren von Gedanken geht. Komprimieren heißt vor allem verdichten. Dies setzt ordnen voraus. 

Begriffen hat man einen Sachverhalt dann, wenn man einen allgemeingültigen Satz, der aus 140 Zeichen besteht,  entwickelt hat. In seiner Tiefe allerdings hat man ihn erst  wirklich ausgelotet, wenn man eine diesem Satz widersprechende allgemeingültige Sentenz gebildet hat. 

Auf diese Weise haben wir mit einer Übung begonnen, die uns von Rechthaberei hinwegführt, in eine ganz neue Welt, in der Platz ist für mehr als einen Standpunkt und damit Platz für Toleranz. 

 Helga König

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