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Sonntag, 23. Juli 2017

Samstag, 15. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 16.7.2017

In meiner Kolumne in der vergangenen Woche habe ich mich mit den Krawallen in Hamburg anlässlich des G20 Gipfels befasst. Zwischenzeitlich ist in der deutschen Medienlandschaft viel über diese Ereignisse geredet und geschrieben worden. 

Um zu verstehen, weshalb der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach die Diskussionsrunde bei Maischberger empört verließ, habe ich mir den entsprechenden Clip jetzt mehrfach angeschaut. Verstanden habe ich sein Verhalten noch immer nicht. Begriffen habe ich auch das latent- sehr aufgebrachte Gebaren des CDU-Politikers Joachim Lenders nicht und empfand seine für jeden hörbare Bemerkung "Dummes Gesabbel" als beleidigend. Wieso hat Frau Maischberger hier den Diskussionsteilnehmer nicht abgemahnt? Das hätte man von ihr erwarten können.

Man muss nicht Jutta Ditfurths Position vertreten, wenn man ihr aufmerksam zuhört, um zu begreifen, weshalb nach ihrer Beobachtung es zu den gewaltsamen Ausschreitungen in Hamburg kam. Ditfurth kennt die Szene seit Jahren und beurteilt diese aus soziologischer Sicht. Hört man ihren Aussagen genau zu, so wird deutlich, dass die Gewalt sich offenbar schrittweise aufgebaut hat und vermutlich im Anfangsstadium zu wenig für die Deeskalation getan wurde. 

Dass einige Polizisten offenbar auch Journalisten, die über die Vorgänge vor Ort berichten wollten, tätlich angegriffen haben, zeugt von mangelnder Gelassenheit einzelner Polizisten und vor allem von einer Personalschulung, die diskutiert werden muss. Choleriker sollten nach meiner Ansicht bei solch sensiblen Einsätzen außen vor bleiben, weil das Eskalieren einer Situation dadurch vorprogrammiert ist. 

Schuldzuweisungen an die Politiker hörte man in der Runde ebenfalls. Sie kamen von dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges. Doch sein Ansatz löst das Problem nicht. Sofern hier jemand zu Rechenschaft gezogen werden muss, sind es die Randalierer, aber auch die Polizeiführung, die die Lage falsch eingeschätzt hat. Wenn Vermummte aus ganz Europa anrücken, um Randale zu machen und man das im Vorfeld weiß, muss man dafür sorgen, dass man die potenziellen Täter zuvor abfischt und ihnen das Recht verwehrt, an friedlichen Demonstrationen teil zu nehmen. Das gebieten kluge, präventive Maßnahmen.Wer Vermummungsutensilien und Eisenstangen im Gepäck hat, wird nachhause geschickt und so vor der eigenen Kriminalisierung geschützt.

80 Tausend friedliche Demonstranten wurden von etwa 1200 Randalierern in ihrem Recht, friedlich zu demonstrieren gestört. Vermummte aus ganz Europa marodierten brandschatzend tagelang durch Hamburg und schadeten nicht zuletzt den Bürgern dieser Stadt. Dass sich alle vernünftig denkenden Menschen von diesen Rechtsbrechern nachhaltig distanzieren, versteht sich von selbst, aber es steht auch außer Frage, dass nicht nur diese Rechtsbrecher, sondern auch Polizisten bei Amtsmissbrauch zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Mit dem Politiker Herrn van Aken teile ich die Meinung, dass man Gipfeltreffen an überschaubarere Orte verlegen sollte, allein schon um die Verkehrsnetze nicht über Gebühr zu belasten. Nicht alles ist dem Bürger zumutbar. 

Meinen Eindruck, dass Wolfgang Bosbach die Kritik Jutta Ditfurths am Verhalten übergriffiger Polizisten, die sie gegenüber Bosbachs Parteifreund Joachim Lenders (Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg) äußerte, spontan zum Schweigen bringen wollte, werde ich allerdings nicht los. 

Nach meiner Ansicht hätte Ditfurth sich viel klarer von den kriminellen Handlungen des Schwarzen Blocks und Lenders sich dezidierter von übergriffigem Verhalten von Polizisten distanzieren müssen. Das hätte das Diskussionsklima verbessert.

Wer deeskalieren möchte, auch bei zukünftigen Veranstaltungen, muss die Akteure beider Seiten der Barrikaden ganz genau unter die Lupe nehmen und darf sich keine Denkverbote auferlegen. Hier helfen nur schonungslose Analysen.

Frau Maischberger hat sich zwischenzeitlich bei Jutta Ditfurth in der FAZ dafür entschuldigt, dass sie die Soziologin aus der Sendung verweisen wollte, nachdem Wolfgang Bosbach den Raum verließ und damit den Fortgang der brisanten Diskussion aushebelte.

Was lief verkehrt in Hamburg? Die Frage wurde nicht ausreichend geklärt. Leider. Aber vielleicht war es genau das, was man in der Diskussion beobachten konnte. Zuhören und sich kultiviert zu verhalten, schadet nie. 

Helga König

Samstag, 8. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 8.7.2017

Die G20 Krawalle überschatteten die letzten Tage. Sie sind nicht nur das derzeitige Hauptthema in den Printmedien, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Hamburg entsetzen friedliebende Bürger, die solche Aufmärsche hierzulande nur aus Dokumentationen über SA-Kohorten in der NS-Zeit kennen. 

Was denken sich die Vermummten in der Hansestadt, wenn sie Autos ihnen unbekannter Personen anzünden, Läden plündern und mit Steinen werfen? 

Wenn ich die Bilder sehe, denke ich sofort an den 9. November 1938 und frage mich, wer sich unter der Maskerade von Kapuzen, Mützen und Sonnenbrillen verbirgt. 

Wikipedia schreibt "Kennzeichen von Schwarzen Blöcken auf Demonstrationen ist neben der Kleidung ein entschlossenes bis aggressives Auftreten. Zuweilen gingen Personen aus dem schwarzen Block offensiv gewalttätig gegen Polizei und politische Gegner vor,[7][8][9][10] errichteten Barrikaden, warfen Farbbeutel und beschädigten Geschäfte. Darüber hinaus wurden von Teilnehmern des Schwarzen Blocks auch Brandstiftungen an Fahrzeugen und Gebäuden verübt.[11][12][13][14][15] 

Die einheitliche schwarze Bekleidung und Gesichtsbedeckungen wie Kapuzen, Mützen, Sonnenbrillen und Tücher sollen die Demonstranten insbesondere vor der Erkennung durch Polizei, Staatsschutz oder politische Gegner wie Neonazis sowie vor Tränengas schützen. Früher wurden auch Motorradhelme, Gasmasken und Sturmhauben verwendet; in Deutschland stellt dies jedoch nach geltendem Recht seit Einführung des Vermummungsverbots 1985 einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz dar.“ *

Diese Umschreibung verdeutlicht, dass staatlichen Stellen nicht unbekannt ist, was man von der schwarzen Kohorte zu erwarten hat. Schaut man sich den Clip "Ein Hamburger Busfahrer und der Schwarze Block" an, wird klar, dass die Aggression, die von diesen Vermummten ausgeht, unberechenbar ist und Bedrohte oder Betroffene selbstverständlich in Angst und Schrecken versetzt. Deutlich wird aber auch, dass die angeblich politischen Motive kein Legitimationsgrund für den Vandalismus, das Brandschatzen und die Diebstähle sein können. 

Hier geht es um reine Zerstörungswut. Hier ist eine fatale Gruppendynamik enthemmter junger Männer im Spiel, mit denen man in Kontakt kommen muss, um ihnen bewusst zu machen, dass ihr Verhalten alles andere als konstruktiv ist. 

Der Neoliberalismus und seine Folgen werden nicht geringer, wenn man die Autos von Privatpersonen anzündet, Einzelhandelsgeschäfte plündert und ausraubt und ganze Straßenzüge verwüstet. Kein hungerndes Kind in Drittländern wird durch solche Aktionen satter. Das Einzige, was geschieht, ist,  dass man friedliebenden Demonstranten kein Gehör mehr schenkt, alle Protestler über einen Kamm schert und am Ende vielleicht sogar das Demonstrationsrecht einschränkt, weil die verursachten Sachschäden keiner mehr zahlen möchte. 

Die Demonstration "Grenzenlose Solidarität statt G20" am heutigen Samstag ist offenbar bislang friedlich verlaufen. Bleibt zu hoffen, dass Hamburg am heutigen Abend von dem Terror des Schwarzen Blocks verschont bleibt. 

Konstruktive Kritik benötigt keine Gewalt, um sich Gehör zu verschaffen. Konstruktive Kritik appelliert an die Vernunft und damit an die Fairness und je klüger sie dies tut, um so mehr Verbündete findet sie.

PS: Auch in der Nacht zum Sonntag kehrte auf den Straßen Hamburgs die Vernunft nicht ein, wie man den Nachrichten entnehmen kann. Die Randalierer scheinen noch sehr jung zu sein. Das wirft neue Fragen auf, die deren Eltern und Lehrer beantworten müssen.

Helga König

Samstag, 1. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 2.7.2017

Gestern endlich  wurde das umstrittene Gesetz gegen Hass und Verleumdung auf Internetplattformen verabschiedet. Wie zu erwarten, gibt es nun Proteststimmen, speziell natürlich von jenen, die als Trolle, Stalker und Mobber mit Fakeaccounts unterwegs sind, aber auch von Leuten, die ein sonderbares Verständnis von Freiheit haben, die grenzenlos, bekanntermaßen zu anarchischen Zuständen führt.

Von der Einschränkung der Meinungsfreiheit und von Zensur wird nun schwadroniert und bewusst übersehen, was sich auf einzelnen Plattformen mitunter tatsächlich abspielt und wie wenig geschützt arglose User vor Soziopathen dort tatsächlich sind.

Als persönlich Betroffene kann ich nur begrüßen, dass der Spuk mit den Mobbern nun Folgen für diese und die Betreiber der Plattformen hat, die das unbotmäßige Verhalten nicht unterbinden. 

Von 2009- 2014 erlebte ich auf Amazon Mobbing und Stalking von einer Fake-Account-Armee, die einen unglaublichen Cyberkrieg gegen mich führte, um mich aus den Top-Ten und schließlich aus den Top 100 zu vertreiben. Sobald ein Mitrezensent (m/w) gegen den Terror durch einen Kommentar Einspruch erhob, wurde er gnadenlos verfolgt und ebenfalls auf verletzendste Weise gemobbt.

Die Zustände waren pervers. Meine Versuche über die Polizei, die Staatsanwaltschaft und über einen Anwalt gegen die Schweinereien vorzugehen, fruchteten nicht. Man verwies mich an den Betreiber, der die Mobber nach vielen fehlgeschlagenen Eingriffen schließlich gewähren ließ.

Die hohe Aggressivität und die brachialen Niederträchtigkeiten der Mobber zeigten mir wie weit Menschen im Netz gehen können, wenn man sie lässt. 

Shitstorms im Hinblick auf Autoren und Journalisten sind mittlerweile vielen bekannt. Nicht grundlos werden Kommentarfunktionen eingeschränkt oder vollständig beseitigt, um Beleidigungen und Kränkungen zu verhindern.

Fakeaccounts können überall auf der Welt angesiedelt sein und sind nicht einfach aufzuspüren, haben Fachleute mir damals erklärt. Für die Betreiber der Plattformen ist es ein enormer Aufwand, all die Kränkungen zu löschen und auszuloten, wann gehandelt werden muss.

Anstelle die Täter zur Verantwortung zu ziehen, kann man natürlich auch die Opfer ausgrenzen, die werden aber dann zum Spielball der Täter mit entsprechenden Folgen.

Seit Jahren plädiere ich dafür, dass es Pflicht werden sollte, dass sich User von Internetplattformen, mit Namen und Bild zeigen müssen und jeder sich nur über eine einzige Nummer, eine Art Passnummer ins Netz einwählen kann. Diese Vorgehensweise würde viele Probleme minimieren, denn die Anonymität erst macht es möglich, dass Menschen, die sich nur aus Angst vor Strafe einbremsen lassen, wie tollwütig agieren.

Ich verstehe friedliche User, die das Internet ausschließlich privat nutzen nur zu gut, wenn sie sich zu ihrem Schutz vor Mobbern Nicknamen zugelegt haben. Doch ich denke, dies ist der falsche Weg.

Diese Vorgehensweise nämlich zeigt, dass die jetzt "Zensur" schreienden Rüpel, es geschafft haben, Menschen so sehr in eine Zwangslage zu treiben, dass diese sich wegducken, weil sie Furcht vor Verleumdung und Kränkung haben.

Die Meinungsfreiheit all der rechtschaffenen, eingeschüchterten User wird durch Mobber gnadenlos geplättet, wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet.

Auf Facebook hat man die Gelegenheit, User zu blocken, sofern sie unverschämt werden. Dies ist eine sinnstiftende Maßnahme, die von den meisten sehr geschätzt wird. Ich bin dort mit  5000 Usern befreundet und habe im Laufe von 5 Jahren 11 User geblockt, zumeist wegen Spam.

Ein wenig anders schaut es bei Twitter aus. Dort ist die Anzahl der Rüpel höher, möglicherweise weil hier massiver mit Fakeaccounts agiert wird und das Blocken solcher Rüpel wenig nützt, da die Rüpeleien nur unter großen Schwierigkeiten gelöscht werden können.

Auf Amazon ist die Ursache für das Mobben in Gier, Neid und Missgunst begründet. Speziell Autoren wissen davon ein Lied zu singen. Dort wäre u.a. das Einfrieren der Diskussionsforen ein sinnstiftende Maßnahme.

Neben den gesetzlichen Veränderungen, die ich sehr begrüße, gibt es nur eine Möglichkeit das Netz zu befrieden und zwar selbst auf schmerzhafteste Provokationen nicht zu reagieren, um auf diese Weise die Akteure an die Wand laufen zu lassen. Dazu allerdings benötigt man ein "dickes Fell".

Eine meine  Twitter-Followerinnen kommentierte das Verhalten der Provokateure wie folgt:

"Mürbe machen, so lange bis der andere so reagiert wie beabsichtigt, um das dann zu nehmen als Beleg für die Richtigkeit dessen, was sie davor getan haben, ohne Anlass."

Mit diesen Worten hat sie sehr gut das Verhalten von Mobbern umschrieben.

Helga König

Samstag, 24. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 25.6.2017

"In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst." (Torsten Wirschum)

Der saarländische Autor Torsten Wirschum, einer meiner Twitter- und Facebook-Follower, erfreut sein Netzwerk mit sehr einfühlsamen Fotos, die er auf seinen Wanderungen durch unterschiedliche Regionen in Deutschland realisiert hat. Heute Morgen nun postete er eine Aufnahme von einem geheimnisvollen Waldweg und fügte den Satz hinzu "In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst."

Diese Bemerkung macht neugierig. Man möchte Näheres über den Autor und Fotografen in Erfahrungen bringen, dem es offenbar um weit mehr geht, als um Bewegung in frischer Luft und das Ablichten dessen, was er während seiner Exkursionen sieht.

Macht man sich auf seinem Twitter- und Facebookprofil kundig, erfährt man, dass der Autor Blogger ist und dort ein "Wandertagebuch"  schreibt. Seine Texte überraschen, weil sie voller Poesie sind.

"Das grünlich schimmernde Licht auf den Blättern.
Das helle Gelb, dort, wo die Sonnenstrahlen sich im
Gras verfangen.
Das rotgoldene Licht des Spätnachmittags.
Gerüche:
Der Wald, die Erde.
Ich gehe gleichmäßig.
Im sanften Wind gehe ich, durch den schweigenden Wald.
Ich atme ein.
Ich atme aus.
Kurve folgt auf Kurve, Biegung auf Biegung."

Ein solches Gehen ist Meditation und lässt tatsächlich bei sich selbst ankommen. 

"Ich bin ohne Eile unterwegs
Es ist warm, der Himmel über mir leuchtet in einem sanften,
hellen Blau und das Gehen fühlt sich so angenehm an, als
würde ich barfuß über einen Blütenteppich dahinschreiten.
Es hat schon unbehaglichere Anfänge auf meinen Wanderungen gegeben.“

"Meine Gedanken kommen und gehen und ich versuche
nicht zwanghaft, sie festzuhalten. Kaum jemals sonst
bin ich mehr im Hier und Jetzt verwurzelt als bei einer
solchen halb ziellosen Bewegung auf einen noch fernen
Endpunkt zu, aber so etwas kommt von selbst oder es kommt
gar nicht.
Man kann es vielleicht auch so ausdrücken: Ich gehe nicht,
um etwas zu finden. Wenn überhaupt, dann finden die Dinge
mich."

Während ich diese Zeilen lese, denke ich an einen buddhistischen Mönch, denke aber auch an Goethe, Heine und all die anderen bewussten Wanderer vergangener Zeiten, die in wohlgesetzten Worten oder Bildern ihre Reiseeindrücke festgehalten haben, nicht zuletzt auch Albrecht Dürer, dessen nahezu lyrische Aquarelle offenbaren, was er auf seinen Reisen empfunden hat. 

Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist und immer wieder bewusst innehält, schaut, bewundert und darauf achtet wie alles auf uns wirkt, lernen wir zu begreifen, wie sehr wir Teil der Natur sind und weshalb wir sie nicht mit Füßen treten dürfen. 

Torsten Wirschum hat eine gewisse Anzahl Romane über das Gehen auf seinem Blog aufgelistet, darunter auch die "Harzreise" von Heinrich Heine und Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg." Die Reflektionen dieser längst verstorbenen Schriftsteller verändern ganz gewiss den Blick beim Gehen.  

Worin unterscheidet sich das "Wandern" eigentlich vom "Gehen"? 

Wandern sei eine Form weiten Gehens von mehreren Stunden, liest man bei Wikipedia. Diese sachliche Definition führt weg von dem Vorurteil, das mit der typisch deutschen Wanderlust in Verbindung gebracht wird, die sehr weit entfernt vom meditativen Gehen angesiedelt ist.

"Gehen über mehrere Stunden als Ankommen bei sich selbst zu begreifen", bedeutet ganz gewiss alleine oder schweigsam zu zweit oder mehreren, sich alles andere als im Marschschritt zu bewegen, am besten entlang eines Flusses oder um einen See, vielleicht auch irgendwo am Meer oder dort, wo viel Grün zu sehen ist. Was man sieht, muss beruhigen, wenn Gehen zum meditativen Akt werden soll.

Landschaften so zu erfassen, wie sie gedacht sind und zu erspüren, was sie mit uns machen, ist möglicherweise das Geheimnis, das man erst beim stundenlangen Gehen lüften kann. 

"Die Sonne leuchtet die Landschaft bis in den allerletzten
Winkel aus. Alles wirkt plötzlich unglaublich weit und
ich bin mittendrin in dieser leuchtenden Weite."

Stundenlanges Gehen lässt möglicherweise die leuchtende Weite in uns begreifen, die Grundlage dafür ist, das sich innere äußere Bilder ergänzen. 

"Ich durchforsche nicht etwa bewusst die Katakomben meiner
Erinnerungen, die Bilder leuchten einfach auf hinter meiner Stirn wie Lichtbündel im Dunkel."

Das ist ein Einblick in die Poesie eines Menschen, der durch seine Art zu gehen, an jene erinnert, die vormals als Pilger unterwegs waren. Doch im Unterschied zu diesen Wanderern scheint bei Torsten Wirschum der Weg das Ziel zu sein.

Helga König

Zitate: Torsten Wirschum  von seinem Wandertagebuch

Sonntag, 11. Juni 2017

Helga König, Sonntagskolumne, 11.6.2017

"Ein Bild ist weit nützlicher als tausend Worte." (Aus China) 

Heute möchte ich mich im Rahmen meiner Sonntagskolumne mit Emojis befassen, die u.a. Twitter aber auch Facebook ihren Usern zur Verfügung stellt, um Sprach- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. 

Jene Bildschriftzeichen, die Smileys und Personen zeigen, eignen sich sehr gut dazu, einen Gefühlszustand rasch zu vermitteln und dem Leser visuell zu verdeutlichen, welche momentane Stimmungslage einem Text, den man gerade gepostet hat, zugrunde liegt oder wie ein Kommentar, den wir erhalten haben, auf uns wirkt. 

Oft sagt ein lächelndes Gesicht oder dessen Gegenteil mehr als Worte und verhindert aufkommende Aggression, die sich in Zynismus, Vorwürfen, Beschimpfungen etc. in den Dialogen ausdrücken kann, sei es weil im virtuellen Gespräch Sätze missverstanden wurden oder ein Schreiber einfach nur einen schlechten Tag hatte.

Es sind nicht nur Gesichter, sondern auch Bildschriftzeichen für Hände, die man im Dialog sinnstiftend einsetzen kann, sondern auch Emojis, auf denen andere Gesten dargestellt werden, die für Lebendigkeit im virtuellen Gespräch sorgen und  Grundbedürfnisse nach Geborgenheit, Zuwendung und Verständnis virtuell vielleicht ein wenig befriedigen. 

Alle Welt spricht von sozialen Kompetenzen, die es zu kultivieren gilt. Freundlichkeit ist eine der wichtigsten Kompetenzen in diesem Bereich und unumgänglich für ein gutes Miteinander. Mangelnde Unterstützung und fehlender Zusammenhalt lassen Gemeinschaften aller Art zerbrechen. Ein positives Feedback ist nicht nur in den sozialen Medien wichtig, um dies zu verhindern. 

Deshalb verhält man sich keineswegs kindisch, wenn man ein Blümchen, ein Kleeblatt oder eine Sonne aber auch ein Herz an einen Text anfügt, um dadurch bei anderen uneigennützig Freude zu bewirken. 

Weibliche User gehen vielleicht etwas unbefangener mit den Emojis um. Möglicherweise hängt dies mit ihren Jungmädchen-Erfahrungen mit Poesiealbum-Bildern zusammen. Auch damit konnte man einst Freude bewirken und war glücklich, wenn dies gelang. 

Eine Kommunikation gilt dann als geglückt, wenn sie Freude zum Ergebnis hat, selbst nach hartem intellektuellen Ringen im Rahmen eines schwierigen Gesprächs. Das wird leider zu oft vergessen. 

Helga König

Sonntag, 4. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 4.6.2017

Ein Geist auf Zeit, der Zeitgeist. © Franz Friedrich Kovacs 

Heute am Pfingstsonntag möchte ich über den Geist auf Zeit, sprich den Zeitgeist nachdenken. Bei ihm handelt es sich um die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters. Wer schon etwas länger lebt, hatte Gelegenheit, immer neue Denk- und Fühlweisen kennenzulernen, die gesellschaftsübergreifend und auch in unterschiedlichen Generationen erkennbar, zu immer neuen Verhaltensmustern führten. 

Der Zeitgeist im Nationalsozialismus wird uns Nachgeborenen stets fremd bleiben und wir werden beim Reflektieren der Folgejahrzehnte feststellen, dass der Zeitgeist letztlich fast bis ins Jetzt hinein an unterschiedlichen Orten sehr verschieden ausfallen konnte, deutlich erkennbar in den Zeiten vor der Wende in Ost- und Westdeutschland. Erst das Internet hat den Zeitgeist tatsächlich globalisiert.

Zeigt sich der Zeitgeist aus längst abgelebten Zeiten abermals, kann er durchaus bei Ewig-Gestrigen noch Eindruck schinden, sorgt jedoch ansonsten zumeist nur für irritiertes Kopfschütteln. Dies ist keineswegs bloß in der Mode so, sondern auch in der Politik und vielen anderen Denk- und Handlungsbereichen von uns Menschen. 

Gestern twitterte ich "Unser Zeitgeist: Der Versuch, einem Gedanken nur 140 Zeichen Raum zu geben, heißt dem Barockenen abgeschworen zu haben." Peter Darth kommentierte "ohne Schnörkel" und brachte es auf den Punkt. 

Ja, wir leben in einer schnörkellosen Zeit, in der man bemüht ist, alles zu vereinfachen, um Freiräume zu schaffen für all das, was das Leben lebenswerter machen könnte. Wir unterwerfen uns keinen Modediktaten mehr und sind genervt, wenn uns Redner mit Reden ohne Inhalt die Zeit stehlen möchten. Auch wagen wir es nicht mehr, lange Briefe zu schreiben, denn wir wissen, dass der Zeitgeist dagegen steht und solche Elaborate ungelesen im Papierkorb landen. 

So nutzen wir die Zeit zu anderem. Wir entwickeln neuerdings vielleicht ungeahnte Freude beim Fotografieren, Malen, Zeichnen, bei kunsthandwerklichen Tätigkeiten, beim Gärtnern, Musizieren oder auch beim Verfassen von Gedichten und entziehen uns, den Sinn der Kreativität entdeckend, dem momentanen Zeitgeist, der alles Individuelle an uns abschleifen möchte, um uns zu suchtgesteuerten Lemmingen der Konsumgesellschaft zu machen. 

Dieser Zeitgeist, der den Narzissmus und Egoismus befördert hat, verabschiedet sich übrigens gerade. Man sieht den neuen Zeitgeist bereits am Horizont. Er ist auf  Gestalten, Teilen und Kollaborieren, auf Mitgefühl und Anteilnahme ausgerichtet. Er achtet auf die Individualität des Einzelnen, die durch das Sein und nicht mehr durch das Haben definiert wird. Gehen wir nun etwa dem Paradies entgegen?

Nein. Machen wir uns nichts vor, auch dieser Zeitgeist wird vergehen. Das entspricht seiner Natur, die Veränderung heißt. 

Fontane konstatierte einst, dass Veränderung das Los des Lebens sei und Machiavelli formulierte: "Eine Veränderung bewirkt stets eine weitere Veränderung." So tickt der Zeitgeist eben. Deshalb sollten wir uns nachstehenden Satz Dalai Lamas bewusst machen: 

"Da alles ständig im Wandel ist, kann nichts auf Dauer unverändert existieren." © Dalai Lama

Den Sinn all dessen können wir nur deuten.Vielleicht liegt er im inneren Wachstum begründet. Vielleicht ist es aber auch nur eine Spielerei des Universums...

Nehmen wir also hin, was nicht zu ändern ist: DIE VERÄNDERUNG und verändern das, was zu ändern ist: ein unschöner ZEITGEIST. 
  
Helga König

Samstag, 27. Mai 2017

Sonntagskolumne, Helga König, 28.5.2017

"Höflichkeit ist ein Merkmal eines zivilisierten Menschen." Unbekannt 

Zum Thema Höflichkeit findet man im Internet unzählige Zitate, die dem Leser verdeutlichen, dass Menschen sich schon seit vielen Jahrhunderten mit dieser Tugend befassen. Geprägt ist sie durch soziale Normen und Umgangsformen und äußerst sich nicht selten in rücksichtsvoller Distanz.

Historisch entwickelte sich die Höflichkeit im Prozess der Zivilisation (Norbert Elias) im spätmittelalterlichen Übergang zur Neuzeit, zunächst bei Hofe. Dort wurde die Rohheit und Gewalttätigkeit des Feudaladels zur höfischen Courtoisie des Hofadels gebändigt.* 

Wie verhält man sich, wenn ein Mensch sich unsäglich rüpelhaft gebärdet? Rügt man ihn? Oder sieht man besser über das unkultivierte Verhalten hinweg? Vermutlich hängt die Antwort von den jeweiligen Machtverhältnissen ab und auch davon, ob man es mit einem Psychopathen, Narzissten oder dergleichen zu tun hat, also mit einem Persönlichkeitsgestörten, der selbst die leiseste Kritik nicht vertragen kann und unberechenbar reagiert. Ist Schweigen dann ein Wegducken aus Furcht vor den Konsequenzen?  

In vormaligen Zeiten hatte nur ein Hofnarr das Privileg, Kritik zu üben. Den derzeit mächtigsten Mann der Welt "in den Senkel" zu stellen und ihn wachzurütteln, sich doch bitte mal zivilisiert zu verhalten, nicht zu Rempeln und den Pfau zu geben, empfehle ich keinem in dessen Dunstkreis, noch nicht einmal einem Hofnarren, denn selbst eingeschränkte Humorakzeptanz, bedarf gewisser Voraussetzungen. 

Duško Marković, der Premierminister von Montenegro verfügt übrigens über ein geradezu beeindruckend höfliches Verhalten, denn unbeeindruckt von der brachial wirkenden Geste Donald Trumps in Brüssel, sich einen Weg zu bahnen, blieb Markovic charmant. Montenegro, das sollte man wissen, ist Mitglied der Vereinten Nationen, der WTO, der OSZE und des Europarates. Zudem ist Montenegro Beitrittskandidat der Europäischen Union, nutzt den Euro als Währung und ist ab dem 5. Juni 2017 das 29. und jüngste Mitglied der NATO.**

Markovic war klar, dass die Rempelei nicht ihm persönlich galt. Vermutlich wäre es keinem anderen Premierminister, der Trump im Weg gestanden hätte, anders ergangen. Hätten alle so höflich und zuvorkommend reagiert wie der 59 jährige Jurist? Wir wissen es nicht. Markovic tat es spontan und augenscheinlich nicht aus Berechnung, wie man auf dem Clip, der in den sozialen Medien kursiert, erkennen kann. Das lässt ihn zu einem Sympathieträger aufgeklärter, europäischer Kultiviertheit werden.

Was treibt einen erwachsenen Menschen dazu, sich nicht um Contenance zu scheren und sein Umfeld immerfort zu brüskieren? Ein unhöflicher Mensch dokumentiert, dass er andere wenig achtet. Man findet dieses Phänomen nicht selten bei einem bestimmten Typus des Neureichen. Diesem Typus brennt die Sicherung aufgrund seines Geldes früher oder später durch. Die Folge ist, dass er mit den allseits bekannten Statussymbolen protzt und sich zum Despoten entwickelt, was für einen höflichen, gebildeten, dabei durchaus nicht unbegüterten Menschen undenkbar ist. Respekt und Zurückhaltung sind nicht grundlos Prinzipien der britischen Internatserziehung.  

An gewissen spektakulären Plätzen auf der Welt hat man Gelegenheit  das Verhalten von besagten Neureichen, denen Geld alles und Bildung kaum etwas wert ist, ausgiebig zu studieren. Schaut man sich die Kopfhaltung aller genauer an, so fällt stets der arrogant hochgerissene Kopf, das nicht selten vorgeschobene Kinn oder alternativ der motzige Gesichtsausdruck  als sehr unangenehm auf und man fragt sich, weshalb die Leute trotz ihres Geldes so wenig gelassen sind? 

Wenn im Elternhaus der Wert des Geldes höher bemessen wird als der der Bildung, besteht die Gefahr, dass die nächste Generation geistig unreif und "ungehobelt" bleibt und Geld die Personen je nach Menge bis zum Platzen aufbläst. Die Folge sind Arroganz und Hochmut als ein Zeichen von geringem Selbstwert. 

Jean Rostard schreibt, dass Arroganz das Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes sei. Das gibt zu denken. Um im Umfeld von wohlerzogenen Menschen unhöflich zu sein, bedarf es vor allem der Ignoranz und/ oder Arroganz. 

Wir wissen, dass sich Narzissten extrem rücksichtslos verhalten können. Sie verfügen über ein extrem mangelndes Selbstwertgefühl und haben eine starke Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Ihr übertriebenes Selbstbewusstsein nach außen begeistert jene, die sie spiegeln und führt leider dazu, dass innerlich schwache Menschen Narzissten aufgrund des Pfauengehabes und der vermeintlichen Durchsetzungsfähigkeit (alles wegzurempeln oder alternativ wegzumobben) bewundern. 

Wer über Rücksichtnahme in Ellenbogengesellschaften sprechen möchte, sollte dies am besten mit einer Parkuhr tun. Sie antwortet vielleicht höflich…. 

Rüpeln und Rempeln sind Zeitgeistphänomene. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass im Neoliberalismus dem Geld mehr Wert als der Bildung beigemessen wird und nicht die Weisheitslehrer, sondern neureiche Milliardäre die eigentlichen Idole verkörpern.


Helga König


Sonntag, 21. Mai 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 21.5.2017

"Kein Ding schwächt die Vernunft mehr als Unlauterkeit." Albrecht Dürer (21.5.1471 - 1528)

Heute vor 546 Jahren wurde der Maler Albrecht Dürer geboren. 
Zwei Bücher, die sich mit ihm und seinen Werken befassen, habe ich in den letzten Jahren auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert. 

Anbei die Links: 

Meine heutige Sonntagskolumne möchte ich nicht Dürers Leben und seinen Werken widmen, weil ich mich nicht wiederholen will. Stattdessen möchte ich mich mit seiner Sentenz "Kein Ding schwächt die Vernunft mehr als Unlauterkeit" gedanklich befassen.

Über die Vernunft haben zahlreiche Philosophen im Laufe der Jahrhunderte viel nachgedacht. Wikipedia lässt den Leser wissen: "Vernunft bezeichnet in seiner modernen Verwendung die Fähigkeit des menschlichen Denkens, aus den im Verstand durch Beobachtung und Erfahrung erfassten Sachverhalten universelle Zusammenhänge der Wirklichkeit durch Schlussfolgerung herzustellen, deren Bedeutung zu erkennen, Regeln und Prinzipien aufzustellen und danach zu handeln."*

Gibt man den Begriff "unlauter" bei Google ein, so findet man beispielsweise im Woxikon sechzehn Definitionsmöglichkeiten, die jeweils breit spezifiziert verdeutlicht werden. Bei den Möglichkeiten handelt es sich um: "hintenherum, betrügerisch, falsch, lügnerisch, unwahrhaftig, illegal, liederlich, boshaft, ehrlos, unredlich, ungetreu, unehrlich, heuchlerisch, verborgen, doppelzüngig und scheinheilig.**

Dass unvernünftige Menschen ohne ethisches Bewusstsein problemlos alle unlauteren Mittel einsetzen, um ihre Unvernunft aufgrund egoistischer Hoffnungen auszuleben, steht außer Frage und man weiß auch, dass die Folgen zumeist verheerend sind.

Weshalb aber handeln manche vernunftsorientierte Menschen, denen die Folgen unvernünftigen Handelns durchaus bewusst sind, plötzlich unlauter? Was macht solche Personen blind für die unerquicklichen Konsequenzen? Ist es die Hoffnung durch Unlauterkeit  kurzfristige Vorteile zu erlangen, die ihnen ansonsten verwehrt sind? Sind ihnen diese zeitlich eng begrenzten Vorteile wichtiger als die durch Unvernunft drohenden langfristigen Folgen?  Macht genau diese Hoffnung blind für die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eintreffenden tatsächlichen Konsequenzen? Fast scheint es so.

Dabei muss der Vorteil keineswegs ein materieller sein. Beziehungssucht beispielsweise kann Vernunft ebenfalls aushebeln und unlautere Handlungsweisen befördern. Nicht nur Krimileser wissen das.

Ich teile Dürers Meinung, dass kein Ding die Vernunft mehr schwächt als Unlauterkeit. Vernunft ist ein Garant für Frieden. Vernunft und Unlauterkeit schließen einander aus. Da gibt es nichts zu deuteln.

Helga König

Sonntag, 14. Mai 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 14.5.2017

"Gefährlich sind vor allem die Menschen, deren Herz kleiner ist als der Verstand." (Markus Köppl)

Um den Wahrheitsgehalt dieses bemerkenswerten Satzes von Markus Köppl zu überprüfen, sollten wir zunächst schauen, wie die einzelnen Begriffe definiert sind. 

Fangen wir mit dem Begriff  "Verstand" an. Der Philosoph Rudolf Eisler definiert: "Verstand (logos, epistêmê, intellectus, intelligentia, ratio, entendement, understanding) ist im weitern Sinn die Denkkraft, die Intelligenz gegenüber der Sinnlichkeit, im engeren, gegenüber der Vernunft (s. d.), die Einheit, Fähigkeit des geistigen Erfassens, des (richtigen) Begreifens (Abstrahierens) und Urteilens, kurz des beziehend-vergleichenden, analysierenden Denkens, sowie des »Verstehens«, d. h. des Wissens um die Bedeutung der Worte und Begriffe. »Gesunder Verstand« (»bon sens«) ist die natürliche (schon ohne besondere Ausbildung wirksame) Auffassungs- und Beurteilungskraft, das normale, aber unmethodische, daher auch leicht fehlgehende Denken.“* 

Das Herz dient sowohl als Symbol direkt, als auch über den Umweg der Metapher des menschlichen Herzens und steht im Zusammenhang mit den europäischen Ideale für Güte und Liebe.** 

Gefährlich ist eine Situation oder ein Sachverhalt, der zu einer negativen Auswirkung führen kann. Diese negative Auswirkung einer Gefährdung kann Personen, Sachen, Sachverhalte, Umwelt oder Tiere betreffen.*** 

Dass Menschen, denen es an Empathie mangelt, gefährlich sein können, steht außer Frage. Empathie bezeichnet die Fähigkeit und Bereitschaft, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale einer anderen Person zu erkennen und zu verstehen.****

Wie ist es möglich, dass ein Mensch, der über Verstand verfügt, Empfindungen, Gedanken, Emotionen, Motive und Persönlichkeitsmerkmale nicht erkennen und verstehen kann, wenn sein Herz kleiner ist als sein Verstand? 

Spontan fällt mit hier ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry ein. Er schrieb in seinem Werk "Der Kleine Prinz" "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

Dieser Satz verdeutlicht uns, weshalb Markus Köppls Sentenz von großer Lebensklugheit zeugt. 

Wir brauchen uns am heutigen Tag nicht all die negativen Auswirkungen für Personen, Sachen, Sachverhalte, Umwelt und Tiere vergegenwärtigen, die durch fehlgehendes Denken entstanden sind, weil Empathie nicht als gleichgewichtiges Korrelativ Gefährdung gestoppt hat. 
Es genügt, sich mit dem Muttertag zu beschäftigen, der für  fast alle Mütter nicht ohne Bedeutung ist. Die Ursprünge des Muttertags lassen sich bis zu den Verehrungsritualen der Göttin Rhea, der Göttin der Mutterschaft,  im antiken Griechenland zurückverfolgen.*****  

Gestern erzählte mir eine Mutter beiläufig in einem Gespräch, dass sie stets ein wenig traurig sei, wenn ihre erwachsenen Kinder aufgrund des Kommerzspektakels den Muttertag nicht zur Kenntnis nehmen wollen und deshalb an diesem Tag noch nicht einmal mit ihr telefonierten. Dies habe ich schon oft von Müttern aus unterschiedlichen Generationen gehört und dabei wahrgenommen, dass all diese Mütter verletzt waren, nicht zuletzt, weil die berechtigte Weigerung am Kommerz teilzunehmen ja keineswegs heißen muss, der Mutter an dem Tag keine für sie erkennbare Achtung zukommen zu lassen. 

Meine Lehrerin in der 3. Grundschulklasse erzählte uns Schülern einst, dass sie ihrer Mutter zum Muttertag stets einen Strauß Wiesenblumen schenkte, um sich für ihre viele Mühe zu bedanken und berichtete weiter wie sehr ihre Mutter sich darüber immer gefreut habe. Die Lehrerin war damals hochschwanger und brachte am Muttertag ihre beiden Töchter zur Welt.

"Gefährlich sind vor allem die Menschen, deren Herz kleiner ist als der Verstand," denn sie können die Botschaft, die der erzählten Erinnerung der Lehrerin innewohnt, emotional nur schwer entschlüsseln. 

Schenken sie Ihrer Mutter heute ein paar schöne Stunden oder telefonieren Sie mit ihr. Zeigen Sie, dass Ihr Herz größer ist als ihre intellektuellen Bedenken. Schenken Sie Ihr Freude.

Helga König

**Herz
***Gefahr
***** Muttertag