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Samstag, 25. Mai 2019

Sonntagskolumne Helga König, 26.5.2019

Das Video zur #Europawahl_2019 von #Rezo habe ich mir zweimal angehört. Der Youtuber argumentiert sehr intelligent und belegt seine Aussagen wissenschaftlich, ist also kein Schwätzer. Pädagogisch vermittelt er sein Anliegen bestens, weil er locker und ironisch rüberkommt. Indem er die Sprache seiner Zielgruppe spricht, versteht diese ihn auch problemlos. Ohne gelangweilt zu sein, können junge Menschen ihm deshalb fast eine Stunde folgen.

Nun aber ist das Video in aller Munde. Rund zehn Millionen Seitenaufgriffe bislang sorgen für Aufregung. Wie wird sich die Analyse Rezos, die weit entfernt von Demagogie ist, hierzulande auf die Europawahl auswirken? 

Mit Staunen las ich in der FAZ "Das Werk des Youtubers "Rezo" reiht sich da nahtlos in die neue Form von Propaganda ein, die der rechtspopulistische Drang nach "Wahrheit" und "Freiheit" geschaffen hat. Nur handelt es sich in diesem Fall um ein links populistisches Machwerk – und schon heißt es, wie toll es doch sei, dass sich die Jugend in Deutschland mit Politik beschäftige."*

Das Video, ohne nachvollziehbare Begründung als "linkspopulistisches Machwerk" zu diffamieren, zeigt, dass der FAZ-Autor Probleme hat, inhaltlich den Aussagen Rezos etwas entgegenzusetzen. Rezo hat an keiner Stelle seines Videos Politiker pauschal als "dumm, inkompetent, korrupt und verlogen"** dargestellt. 

Er zeigt allerdings Widersprüchlichkeiten in deren Aussagen auf und belegt diese sorgfältig. 

Wieso ist die Aufregung also so groß?

Der Volksmund sagt: "Getroffener Hund bellt."

Weiter liest man in besagtem  FAZ-Artikel der Ton in den sozialen Netzwerken sei gnadenlos, unerbittlich, ohne Anstand und Hemmschwelle. Mit "Diskurs" habe das alles nichts zu tun. Es gehe ums Niedermachen, um Nachtreten und – um Zerstörung Argumente gegen das Video würden da nicht weiterhelfen – sie würden niedergebrüllt. ***

Argumente gegen das Video würden gewiss weiterhelfen, wenn sie hieb- und stichfest das Gegenteil beweisen könnten. Solche Argumente scheinen aber nicht auf die Schnelle aus dem Ärmel gezaubert werden zu können. Zaubern war halt noch nie einfach. So bleibt eben nur ohnmächtiges Schimpfen. 

Wer Unrecht und Fehlverhalten benennt, macht nicht nieder, tritt nicht nach, zerstört auch nicht, sondern möchte Zerstörung aufhalten, möchte aufrütteln, einen vernünftigeren Weg zu gehen. Dieser ist möglich, am runden Tisch mit kompetenten, nicht korrupten Wissenschaftlern, und ebensolchen Politikern, aber auch mit jungen, intelligenten Menschen, speziell wenn es um die Lösung von Problemen geht, die deren Zukunft betreffen. 

Einander ernst zu nehmen, ist oberstes Gebot. Arroganz ist kein guter Berater. Reife Menschen sollten das wissen.

Im digitalen Zeitalter ist es nur normal, wenn digital aufgeklärt wird, denn nirgendwo sonst erreicht man so viele Menschen wie im Internet. Dabei sind die Klickzahlen weniger aufschlussreich, als die  Seitenaufrufe.

Wer für ein friedliches Europa wirbt, in dem die Menschen langfristig noch atmen können und die Natur nicht zerstört ist, kann kein Demagoge sein, wohl aber ein Humanist und ökologisch denkender Mensch. Solchen Menschen vertraut man die Zukunft gerne an, mit ihnen setzt man sich doch gerne an einen runden Tisch, oder?

Helga König

Samstag, 11. Mai 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 12.5.2019

Jährlich am 2. Sonntag im Mai wird der "#Muttertag" gefeiert. Dieser Brauch zu Ehren aller Mütter entstand Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA. Dort ist dieser Tag seit 1914 Staatsfeiertag. 

In Deutschland feierte man den Muttertag erstmals im Jahre 1922. Damals wurde er als Tag der Blumenwünsche zelebriert. 

Dass die Nazis den Muttertag mit der Idee der "germanischen Herrenrasse" verbanden, gibt ihm noch heute einen ziemlich negativen Beigeschmack. Damals wurden besonders kinderreiche Mütter als Heldinnen des Volkes gefeiert, weil sie den "arischen Nachwuchs" fördern sollten. So manipulierte man die Frauen zum Kinderkriegen, um genügend "Menschenmaterial" in Kriegszeiten zum Verheizen zu haben. 

1933 wurde der Muttertag zum öffentlichen Feiertag erklärt und erstmals am 3. Maisonntag 1934 als "Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter" mit der Einführung des Reichsmütterdienstes in der Reichsfrauenführung begangen. Diese "Mütterweihen" wurden in Konkurrenz zu christlichen Feiern auf sonntags um 10 Uhr angesetzt. 1938 dann wurde zudem das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter eingeführt. Dieses wurde 1939 am Muttertag erstmals verliehen*

Dass man die kultische Verehrung der Mutter, wie in der NS-Zeit üblich, zwischenzeitlich ad acta gelegt hat, ist sehr lobenswert, doch dass der Tag weiterhin ein gewinnversprechendes Event für den Kommerz ist, lässt sich nicht gerade bejubeln, bei all dem Kitsch, der genau für diesen Tag produziert wird. Muttertagsherzen soweit das Auge reicht. 

Jeder weiß, dass die Herzform hauptsächlich als Symbol für die Liebe gilt, kleine Kinder deshalb bereits begeistert Herzchen malen und diese mit roten Strahlen zum Leuchten bringen wollen. Dass liebende Herzen leuchten müssen, ist im kollektiven Bewusstsein seit Jahrtausenden gespeichert.

Doch ein gekauftes Kuchenherz mit rotem Zuckerguss ersetzt keine innige Umarmung und um diese geht es doch schließlich am Muttertag, oder? 

Auf Twitter sind seit Freitag bereits immer wieder Kuchen in Herzform gepostet worden und auch rote Rosen ganz ähnlich wie am Valentinstag. LIEBE ist eben mehr als ein Wort. Doch LIEBE ist nicht Kuchen.

Kinder müssen sich sehr verändert haben, wenn sie ihren Müttern solche Geschenke als Dankeschön machen wollen. . 

Wie sehr hat der Kommerz  die  kleinen Mädchen und Jungs mittlerweile im Griff?

Ich entsinne mich noch sehr gut als meine Lehrerin im dritten Schuljahr uns Kindern davon erzählte, wie sie selbst als kleines Mädchen Wiesenschaumkraut zum Muttertag pflückte, den Stuhl ihrer Mutter mit den Blüten schmückte und ihr voller Freude einen dicken Strauß dieser selbstgepflückten Blumen zum Ehrentag schenkte.  Ihre Botschaft war eindeutig. 

Die Lehrerin war zu diesem Zeitpunkt hoch schwanger, ging wenige Tage später in Schwangerschaftsurlaub. Sie strahlte eine unvergessliche Ruhe aus. Ich bin mir sicher, dass aus ihr eine sehr gute Mutter geworden ist, die ihren Kindern das vermitteln konnte, worum es im Leben eigentlich geht: um Herzenswärme. 

Diese Grundschullehrerin  sah ich danach nie mehr, doch genau wegen dieser Geschichte ist sie in meiner Erinnerung verblieben, denn sie vermochte in wenigen Worten zu vermitteln, worum es am Muttertag geht:  Der Mutter Freude zu schenken und sich bei ihr zu bedanken. 

Kommerz sollte außen vor bleiben, wenn Kinder in Sachen Liebe fürs Leben etwas lernen sollen.

PS: Es gibt nicht wenige Kinder, die nicht das Ergebnis von Liebe, sondern stattdessen von bloßem Sex oder gar Berechnung sind. Kinder, die vom ersten Lebenstag Ablehnung verspürten und von ihren Müttern belogen und betrogen wurden. Dankbar am Muttertag? Ja, den liebenden Müttern.

Helga König

* Wikipedia Muttertag


Sonntag, 5. Mai 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 5.5.2019

"Der Zustand der Dankbarkeit ist der Vorhof zum Paradies. Sagt er." 

Diese Sentenz von #Raimund_Schöll ließ mich gestern innehalten. Ich fragte mich: Wann befindet man sich im Zustand der Dankbarkeit? Wie schaut der Vorhof zum Paradies aus? 

Wikipedia definiert "Dankbarkeit* ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein, oder allen zugleich."

Wenn man das Paradies als einen Ort der Glückseligkeit definiert, so dürfte der Vorhof dazu, ein Ort sein, der uns zumindest innere Zufriedenheit schenkt. 

Mir sind einige Male in meinem bisherigen Leben Menschen begegnet, die gänzlich undankbar waren und zwar tatsächlich allen ihren Mitmenschen gegenüber. Gemeinsam war allen eine unendliche Habgier, ein Phänomen, mit dem ich mich seither intensiv auseinandergesetzt habe. 

Alle betrachteten es als eine Selbstverständlichkeit, dass andere für sie ihren persönlichen Wohlstand mehrten, ihre Lebensenergie für sie verausgabten und ihnen immer und immer mehr zu Füßen legten. Allen gemeinsam war eine latente Übellaunigkeit, Hochmut und ein Mangel an Wertschätzung Dritten gegenüber

Keinen dieser armseligen Personen habe ich jemals wirklich herzlich lachen sehen und für alle war es undenkbar, aus tiefster Überzeugung DANKE zu sagen, weder im Hinblick auf kleine noch auf große Geschenke. Der Grund war, dass sie letztlich nicht verstanden haben, was eine Geschenk, bzw. eine Gabe ist, weder im materiellen noch im immateriellen Sinne. 

Von allem das größte Stück, möglichst natürlich alles, von allem das Allerbeste, davon möglichst immer mehr, dazu ewige Gesundheit und ewiges Leben als Selbstverständlichkeit für sie ganz allein, auch wenn der Rest sich völlig verausgaben und am Hungertuch nagen würde… Das ist das Prinzip dieser Haltung, das in unserer Gesellschaft übrigens häufiger vorkommt als man gemeinhin annimmt. 

Zufriedenheit gibt es bei diesem Personenkreis oder anders formuliert, bei dieser charakterlichen Deformation nicht, stattdessen ist ein nicht enden wollender Neid feststellbar. Genau dieser Neid  ist der Zustand im Vorhof der Hölle, wenn man die Hölle als Ort unstillbarer Süchte begreift, die die sich selbst dorthin Verbannten täglich erleiden müssen, dann dort allerdings andere dafür hassen, weil diese, gleichgültig wie viel sie ihnen schenken, ihre Süchte niemals befriedigen können. 

Die Erwartungshaltung dieser extrem infantilen Menschen ist riesengroß und ihre Dankbarkeit gleich Null. Wer je solche Charaktere erlebt hat, weiß um das Glück dankbar sein und wertschätzen zu können, weiß wie schön es ist, mit anderen im Dank verbunden zu sein, weiß wie zufrieden es macht, die Leistungen und Geschenke, z. B. ein gütiges Lächeln, anderer, sichtbar anzuerkennen, sich darüber zu freuen und sich dafür vor allem auch ehrlich zu bedanken. 

Nichts auf dieser Welt ist selbstverständlich. 

Paradiesische Zustände sind stets das Ergebnis einer Gemeinschaftsleistung. 

Egibt nur einen Grund, weshalb einige wenige oder gar nur ein Mensch annehmen können, dass sie das, was die Gemeinschaft oft über Generationen geschaffen hat, für sich alleine haben und sogar undankbar mit Füßen treten können, indem sie, sofern sich die Gelegenheit bietet, die Ressourcen aller sinnlos verbraten, um ihren Größenwahn und ihre Gier auszuleben. Dieser Grund ist ihre verantwortungslose Infantilität, ihre Unreife als Mensch, selbst im hohen Alter noch, ihre Verweigerung sich tatkräftig und verantwortungsbewusst in die Gemeinschaft einzubringen, kurzum ihre selbstverschuldete Unmündigkeit.

Wer nur nehmen und nicht geben will, selbst ein Dankeschön oder ein kleines Lächeln anderen versagt, hat vom Menschsein nichts begriffen, für den ist der Vorhof des Paradieses nirgendwo zu finden, er bleibt unzufrieden bis ans Ende seiner Tage. 


Helga König

Wikipedia:

Sonntag, 28. April 2019

Sonntagskolumne Helga König, 28.4.2019

Die Schwedin Alice Marianne twitterte vor ein paar Stunden ein Werk des Malers und Illustrators #Norman_Rockwell (*3. Februar 1894 in New York; †8. November 1978 in Stockbridge, Massachusetts). 

Der Titel des Bildes lautet "Girl Running with Wet Canvas". Gemalt hat es der amerikanische Künstler im Jahr 1930. Da ich über Norman Rockwell bislang nichts wusste, habe ich mich zunächst auf die Schnelle bei Wikipedia über ihn informiert und bei Google Bild einige seiner Werke angeschaut. 

Im Zeitraum von 40 Jahren hat Rockwell insgesamt 322 Titelbilder für die Wochenzeitschrift "Saturday Evening Post" kreiert und allein schon deshalb einen hohen Bekanntsheitsgrad in den USA erlangt. 

 Norman Rockwell | 1894-1978
Girl Running with Wet Canvas | 1930
Bildnachweis: https://twitter.com/_Emmet_Emmet
Mir geht es bei meiner heutigen Kolumne nicht darum, mich mit der Biografie des Künstlers zu befassen oder darüber zu befinden, ob viele seiner Bilder tatsächlich kitschig waren oder aber auch nicht, sondern ich möchte mich nur mit dem geposteten und hier eingebundenen Bild beschäftigen, das mich spontan sehr angesprochen hat und dazu bewegte, inne zu halten und mich mit der Geschichte, die das Motiv erzählt, ein wenig zu befassen. 

Wir sehen eine junge Frau mit Nickelbrille, vermutlich eine Kunststudentin, deren farblich wunderbar aufeinander abgestimmte Kleidung und die Schuhe auf die Jahreszeit verweisen, die auf ihrem gemalten Bild, das sie in der rechten Hand trägt, dokumentiert wird. Es ist Frühling. 

Die junge Frau hatte sich schon am Vormittag mit ihrem Malzeug und der Staffel für die Leinwand in die Natur begeben, weil sie das Blütenmeer in hellen Farben festhalten wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich schon vorgenommen auf die Farbe Grün fast völlig zu verzichten, um auf diese Weise intensiv dem Licht zu huldigen, ganz so wie es einst die Impressionisten vor ihr taten. 

Norman Rockwell verrät durch die Rocklänge und die Frisur der jungen Malerin, dass  sie wenige Jahre  vor dem 1. Weltkrieg das Licht der Welt erblickte, in einer Zeit vollkommen anderer Stilrichtungen also aufwuchs.

Der Betrachter (m/w) vermutet vielleicht, dass die Künstlerin sich nun zu Anfang ihres Studiums in einzelnen Stilrichtungen üben wollte, um diese inhaltlich und von den Farben her im Detail besser nachvollziehen zu können und beginnt sich in die junge Frau und ihr Bild hineinzuversetzen.

Der zunächst sonnige Frühlingstag schien wie geschaffen für ein impressionistisches Bild, auf dem Azur und Weiß als Farben dominieren, unterbrochen von nur wenigen helllindgrünen Flächen. Das Werk war bereits vollendet als die junge Frau von einem Regenschauer überrascht wurde, denn wie man sieht, gibt es auf ihrem Gemälde noch keine grauen Wolken. 

Vielleicht wollte die Malerin ihr Werk noch ein wenig trocknen lassen und betrachtete es - in Künstlerträumereien versunken- verliebt, weil es ihr stilistisch sehr gut gelungen war. Damit konnte sie sich an der Kunstakademie sehen lassen.

Träumen kann gefährlich werden, wenn man dabei das, was um einen herum geschieht, vergisst. 

Als die junge Frau den Regen auf ihren Händen spürt, ist sie endlich erwacht und läuft mit der nassen Leinwand in ihrer rechten Hand im Eilschritt nach Hause, in der Hoffnung ihr Werk retten zu können. Ob es ihr gelungen ist, wissen wir nicht. 

Was wir aber  wissen,  ist, dass Norman Rockwell es für sie rettete,  indem er es in die Geschichte der jungen Künstlerin, die er auf seinem Werk erzählt, verewigt hat und sich auf diese Weise als Menschenfreund outet. 


Helga König

Freitag, 19. April 2019

Helga König, Sonntagskolumne 21.4. 2019

#André_Niedostadek twitterte am 16. April nachstehende Sätze: "Was diese Tür in #Halberstadt vielleicht alles für Geschichten erzählen könnte?! Von all den Leuten, die über die Türschwelle gegangen sind. Von Freude und Leid. // Licht und Schatten liegen oft nahe beieinander. An diesem sonnigen Morgen zeigt sich das eindrucksvoll ..." und postete dazu das Foto, das ich in meine heutige Kolumne eingebunden habe. 

Diese Tür macht neugierig, weil von innen offenbar irgendwann Holzbretter angenagelt wurden, um sie zu stabilisieren oder den Haupteingang des unbewohnten Hauses vor Einbrechern zu sichern. Das Glas in den kleinen Fensterchen ganz oben scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Man hat es nicht erneuert. Weshalb nicht?

Die beiden Klingeln rechts deuten darauf hin, dass dort zumindest bis vor einiger Zeit noch Menschen gewohnt haben, auch das Bks-Schloss gut eine halbe Armlänge oberhalb des uralten Schlosses unter dem Türgriff sagt dies aus. Ob es sich um ein Fachwerkhaus handelt, kann man nur vermuten. Die Türschwelle aus Holz, sieht ganz danach aus. Weshalb ist dieses Haus noch nicht saniert worden?

 Foto: André Nidostadek
Halberstadt gilt als das Tor zum Harz. Der Ort ist weit mehr als tausend Jahre alt und war einst der Hanse angeschlossen, d. h. dieser Handelsplatz war demnach recht wohlhabend. Die Innenstadt wurde zu Ende des 2. Weltkriegs zu 80% zerstört, konnte ich Wikipedia* entnehmen und auch, dass die Fachwerkhäuser in der Altstadt, die die Bombenangriffe überlebt hatten, zu DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben wurden. Das dürfte auch das Schicksal des hier fokussierten Hauses gewesen sein. Ab 1990 dann wurde die Altstadt restauriert, allerdings scheint dieser Vorgang noch nicht abgeschlossen zu sein. 

Die Tür des Hauses, das André Niedostadek fotografiert hat, lässt vermuten, dass hier noch viel investiert werden muss. Vielleicht streitet sich eine Erbengemeinschaft, die weit verstreut an anderen Orten lebt oder der Eigentümer ärgert sich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht, er eigentlich ein modernes Haus auf das Grundstück errichten wollte und sich nun mit dem Haus seiner Vorfahren  befassen soll, das ihn der Erinnerungen wegen geradezu erdrückt. 

Die beiden Klingeln lassen vermuten, dass das Haus maximal drei, vermutlich nur zwei Stockwerke hat. Ein Patrizierhaus aus der alten Hansezeit scheint es demnach nicht zu sein, denn dann wäre die Eingangstür breiter, wohl aber ein Haus von Halberstädter Bürgern, die seit Generationen dort lebten. Waren es vielleicht Halberstädter Juden? 

Seit Mitte des 13. Jahrhunderts haben sich immer wieder Juden in Halberstadt angesiedelt und dort Pogrome erlitten, sind vertrieben worden und sind, wenn es die politische Situation erlaubte, wiedergekommen, erfährt man auf der Website mit dem Titel "Juden im alten Halberstadt". 

Zu Beginn der Naziszeit gab es noch 706 Juden in der Stadt, die dort ihren Lebensunterhalt erarbeitet haben, 1939 waren es noch 239 Personen. 1938 schoben die Nazis einen großen Teil der aus Polen zugewanderten Juden in das Gebiet vor der polnischen Grenze ab. 1942 war das Todesjahr der noch in Halberstadt verbliebenen Juden. Sie wurden nach Warschau und Auschwitz deportiert. Keiner von ihnen also ist zurückgekommen.**  

Wenn das Haus einer jüdischen Familie gehört hat, die 1942  nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, später dann in DDR-Zeiten von Menschen bewohnt war, die nach der Wende ihre Koffer packten und in den Westen gingen, könnte es auch durchaus sein, dass die Verwandten der rechtmäßigen jüdischen Eigentümer vor Kurzem erst ermittelt werden konnten und die Sanierungsarbeiten erst in den kommenden Jahren machbar sind, weil tausend Behördengänge davorstehen, die  alles andere als zum kreativen Tun  motivieren. 

Wem auch immer das Haus gehört haben mag, es steht heute offenbar leer. Die Tür führt demnach in Räume, die unzählige Erinnerungen in sich bergen. Es ist Geisterhaus, das Vorübergehende leise ruft, um deren Neugierde  zu wecken.

Gespräche längst vergangener Zeiten, nicht nur Liebesgeflüster, auch Streit, Versöhnungen,  Existenzängste, Freude, wenn Dinge glückten,  zudem immer wieder Tränen und Trauer, all das hat dieses Haus gespeichert. Es gleicht einer Therapie, wenn es jetzt eine Zeit lang unbewohnt, die Vergangenheit ausatmen kann. 

Sensible Menschen spüren das und fühlen auch, wenn es Zeit wird, das Gebäude zu erneuern, ihm sein altes Gesicht aber zu lassen, es dabei mit dem Zeitgeist von Morgen zu versöhnen und sich darüber zu freuen, dass man  es retten kann.

Häuser haben eine Seele. Das sollte man sich bewusst machen.

Helga König

* Wikipedia Halberstadt

Sonntag, 14. April 2019

Helga König: Sonntagskolumne, 14.4.2019

Die winzige Schmuckreparaturwerkstatt hier vor Ort wird von einer Äthiopierin betrieben. Nur einige Stunden in der Woche hat sie den Laden geöffnet, bringt neue Lederarmbänder an Uhren an, repariert gekonnt gerissene Halsketten oder auch Armbänder. 

Diesen Laden besuchte ich letzten Freitag, weil das Uhrband meiner Mutter erneuert werden musste. Der Bruder der Äthiopierin half an besagtem Tag aus und so kam ich mit ihm ins Gespräch. Er sprach sehr gut Deutsch, das machte mich neugierig. 

Ich fragte ihn wie lange er schon hier lebe und was er früher in seiner Heimat gemacht habe, ob er ein Uhrmacher sei. Er berichtete, dass er vor der Wende in Russland Bauingenieurwesen studierte, jedoch während der Perestroika sein Studium abgebrochen habe und nach Berlin gegangen sei, weil er in Freiheit leben wollte und hoffte hier weiter studieren zu können. Daraus aber sei nichts geworden, denn er habe sich um seinen Broterwerb kümmern und erst einmal die deutsche Sprache erlernen müssen. All das sei nicht unproblematisch gewesen, weil zunächst keiner ihm half. Doch dann habe er eine Schreinerlehre machen können und in diesem Beruf lange gearbeitet bis er krank geworden sei.

In Hessen und in Berlin seien die Menschen stets fair mit ihm umgegangen. In Sachsen hingegen habe er weniger gute Erfahrungen gemacht und sich oft geärgert, weil man ihn aufgrund der Tatsache, dass er eine dunkle Hautfarbe habe, vorverurteilte, er im Zug stets seine Fahrkarte vorzeigen musste, während die weißen Fahrgäste das nicht brauchten. Das habe ihn gekränkt. Dass Ehrlichkeit keine Frage der Hautfarbe sei, scheine manchen Leuten offenbar nicht bewusst zu sein. 

Während er das neue Uhrband an der Uhr befestigte, meinte er, dass junge Menschen ja kaum noch Uhren tragen würden, weil sie die Zeit im Smartphone oder im Iphone checkten. Die meisten Kunden seiner Schwester kämen aus den hiesigen Altenwohnheimen. Nach seiner Ansicht waren Armbanduhren ein Auslaufmodell wie so vieles andere auch seit es das Internet gibt. Irgendwann in naher Zukunft würden die Maschinen alles übernehmen. Vielleicht sei ja auch der Mensch ein Auslaufmodell... 

Auf meinem Nachhauseweg dachte ich an die Änderungsschneiderei hier vor Ort. Sie wird von einer freundlichen Bulgarin betrieben, auch an den Schuster aus Marokko, den Konditor aus Syrien und andere sehr gute Handwerker  aus fremden Ländern mehr. All diese Menschen kommen aus Welten, die keine Wegwerfgesellschaften sind. Ihr handwerkliches Können lässt sie selbst schwierige Zeiten überstehen, weil sie sich zu helfen wissen. 

Wie sollen Menschen problematische Zeiten überleben, die noch nicht mal mehr wissen, wie man Kartoffeln oder Tomaten pflanzt oder ein paar Kräuter zieht? 

Beim türkischen Obst- und Gemüsehändler trifft man auf türkische, syrische und marokkanische Frauen, die noch wirklich gut kochen können und mit den vielen Gewürzen, die dort angeboten werden, tatsächlich fachgerecht umgehen können. 

All das macht die Überlebensfähigkeit aus, die in Wohlstandgesellschaften immer mehr verloren geht, zugunsten einer gefährlichen Bequemlichkeit, die im Grunde demonstriert, dass der Zenit dieser Gesellschaften überschritten ist. Auf die Gnade der Maschinen zu hoffen,  scheint mir töricht zu sein, denn Maschinen sind bekanntermaßen seelenlos. 

 Helga König

Sonntag, 7. April 2019

Helga König: Sonntagskolumne 2- 7.4.2019

#André_Niedostadek fragt in seinem heutigen Nostalgie-Tweet, womit man das weiter unten abgebildete Zehnpfennigstück assoziert.

Spontan fiel mir beim Anblick dieser Münze der kleine Tante- Emma-Laden wieder ein, der auf meinem Schulweg lag, als ich die dritte und vierte Klasse besuchte. Das Geschäft wurde von einer pensionierten Handarbeitslehrerin und ihrer Schwester betrieben. Diese beiden älteren Damen waren überaus herzlich und wurden deshalb von allen Kindern geliebt. 

Schulhefte, bunte Heftschoner aus Plastik, Blei- sowie Buntstifte, Füller mit türkisfarbenen Tinten-Patronen aber auch Wolle, Perlgarn, Strick- sowie Nähnadeln konnte man dort kaufen und es waren Kinder- sowie Jugendbücher, zudem winzige Stoffrosen als Geschenk zum Muttertag  hier zu haben. All das hatte natürlich mehr als 10 Pfennig gekostet. 

 Foto: André Niedostadek
Doch dann gab es da noch die dicken Gläser mit silbernem Schraubverschluss auf dem Tresen, gefüllt mit steinharten Himbeerbonbons oder mit bunten Gummibärchen oder mit Lakritzschnecken oder mit zahnunfreundlichen Karamellen oder  auch mit Brausewürfeln. 

Zwanzig Gummibärchen kosteten zehn Pfennig, zwei Brausewürfel ebenso viel. Die Brausewürfel prickelten auf der Zunge. Deshalb entschied ich mich zumeist für sie. Sie belustigten mich also und so kicherte ich mich am frühen Morgen in den Unterricht.

Es gab noch einen weiteren Tante-Emma-Laden, der öffnete aber erst um acht Uhr. Dort konnte man Eis am Stiel kaufen. Ein kleines Eis kostete damals zwanzig Pfennig. Am Eingang dieses Ladens war ein Kaugummiautomat angebracht, der kleine Mädchen sehr interessierte, weil man mit etwas Glück neben einer Kaugummikugel auch noch einen Ring erwerben konnte, den man seiner besten Freundin schenkte als Zeichen dafür, dass man sie sehr liebte. Der Einsatz dieses Glückspiels betrug zehn Pfennig.

Ein Schokokuss kostete ebenfalls zehn Pfennig. Den gab es in beiden Läden. Damals hieß er noch "Mohrenkopf". Der Hersteller von der Bergstraße veräußerte diese Schaumteile fünfzig oder hundert stückweise in einem braunen Karton, der mit einem Gesicht eines farbigen Kindes mit schwarzen Löckchen und dicken Lippen illustriert war, an die Händler, die die Schokoküsse, dann einzeln an kleine Mädchen und Jungs weiterverkauften. Der Begriff "Mohr" war bei Kindern damals so positiv besetzt, dass sich viele kleine Mädchen einen Sarotti-Mohren als Dekoration für ihr Kinderzimmer wünschten. Eine solche schwarze Puppe mit rot-blauem Turban gab es auf dem Jahrmarkt am Süßwarenstand zu sehen. Dort konnte man übrigens auch Süßigkeiten für  zehn Pfennig erwerben. So etwa  türkischen Honig in einer Muschel oder auch Schaumwaffeln. 

Über die Gefahren von Zucker dachte damals  noch kaum einer nach, denn Süßigkeiten gab es selten und nur in kleinen Mengen. Zehn Pfennig in Süßigkeiten zu investieren, war für Kinder gewissermaßen noch ein Ereignis, das man nicht so schnell vergaß. 

Später konnte man mit zwei Zehnpfennigstücken im Telefonhäuschen stundenlange Ortsgespräche führen, wenn man ungestört mit seinen Freundinnen sprechen wollte, so als würden sie am anderen Ende der Welt leben.  Zu berichten gab es immer viel. Zumeist über Verliebtheiten.

..und dann kam der Ärger mit der Parkuhr. Zwei Zehnpfennigstücke reichten selten. Doch das war schon eine andere Zeit.

Helga König.

Samstag, 6. April 2019

Sonntagskolumne Helga König, 7.4.2019

Nachstehenden Tweet habe ich zu Beginn dieser Woche gepostet: "Hat man früher in Ernährungssendungen übers Abnehmen gesprochen, geht es heute um Gesundheit generell. Siehe gestern bei Maischberger. Man spricht leider immer noch nicht offen genug über den Killer Nr. 1: Zucker. Die Zuckerlobby verhindert dies."

Prof. Dr. Andreas Michalsen, dessen Buch "Mit Ernährung heilen" ich kürzlich rezensiert habe, schreibt  "70 Prozent aller chronischen Erkrankungen haben ihre Ursache auch in falscher Ernährung". 62 Prozent aller erwachsenen Männer in Deutschland sind übergewichtig* und dies hängt  fast immer mit falschen Ernährungsgewohnheiten zusammen. 

Eine Fülle von Kochbüchern mit  zumeist einem jeweils sehr guten Warenkundeteil, hervorragende Ernährungsfibeln und aufklärerische Kochsendungen haben in den letzten Jahren leider nicht bewirkt, dass die Konsumenten Vernunft angenommen haben. Warum bloß?

Die Folge von zuckerbedingten Stoffwechselentgleisungen sind chronische Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose, Depressionen, Reizdarmsyndrome, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, neurodegenerative Krankheiten (Multiple Sklerose, Alzheimer, Demenz, Parkinson) chronische Müdigkeit, Burnout-Syndrom bis hin zu Herzsuffizienz, Herzinfarkt und Krebs.**

Die Deutsche Diabeteshilfe lässt die Leser wissen, dass es in Deutschland aktuell mehr als 6 Millionen Menschen mit Diabetes und jeden Tag fast 1.000 Neuerkrankungen gibt. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes.  Jede Stunde sterben drei Menschen an dieser Krankheit. 40.000 Amputationen pro Jahr  sind eine Folge von Diabetes und jedes Jahr erblinden 2.000 Menschen neu durch sie. 30 bis 40 Prozent Diabeteskranker haben Nierenschäden. Dabei werden jedes Jahr mehr als 2.000 Patienten durch Diabetes neu dialysepflichtig. Diabetes erhöht das Schlaganfall-Risiko um das Doppelte sogar bis Dreifache.*** 

Das alles sollte zu denken geben.Wann endlich geht man gegen den offenen und versteckten Zucker in Industrielebensmitteln staatlich vor? Hat man immer noch nicht begriffen, dass wenig geschulte und alte Menschen beim Einkauf ihrer Lebensmittel oftmals überfordert sind?

Todesursache Nr. 1 sind in Deutschland allerdings nach wie vor Herzkrankheiten. Wie Prof. Dr. Andreas Michalsen, schreibt, liegt zumeist schon über viele Jahre eine chronische Erkrankung der arteriellen Blutgefäße, eine Arteriosklerose, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zugrunde. Werden Risikofaktoren wie erhöhte Blutfette, Bluthochdruck, Übergewicht, Stress und Rauchen nicht abgebaut, sollte jedem klar sein, was dann früher oder später folgt.**** 

Ja, es gibt präventive und heilende Ernährung für Herz und Gefäße, bei Bluthochdruck, bei Diabetes Typ 2, für Nierenkranke, bei Arthrose, bei Rheuma, bei Hauterkrankungen, bei Allergien und Asthma. Sogar dem oft tödlich verlaufenden Krebs lässt sich durch Ernährung vorbeugen, doch nicht mit Fastfood, nicht mit denaturierten Nahrungsmitteln, nicht mit Transfetten, vor allem nicht mit Zucker, dem Killer Nr. 1. Zucker übersäuert den Körper, lässt ihn schneller altern, macht ihn dick und krank. 

Eine neue Esskultur für alle ist angesagt; weg von dem krankmachenden Fastfood, weg vom Zucker, weg vom Weißmehl und von Transfetten. Ein Hin zu mediterraner Küche sei allen geraten- das kann man nicht oft genug herunterbeten- vor allem sollte man täglich Knoblauch, Chilischrot, Ingwer und viele frische Kräuter, gekochte Tomaten und kaltgepresstes Oliven oder Rapsöl zu sich nehmen, sich  aktiv an gemeinsamen Tischgesprächen beteiligen (dabei das Lachen nicht vergessen), sich beim Arbeiten  Ruhepausen gönnen und täglich 1/2 Stunde spazieren gehen. Dies alles tut gut und ist gesundheitsfördernd, schont das Herz und die Psyche.

Was noch? Energievampiren sollte man den Rücken kehren, selbst wenn sie uns lukrative materielle Vorteile bieten, denn diese können die gesundheitlichen Nachteile niemals aufwiegen.

Helga König

Sonntag, 24. März 2019

Sonntagskolumne Helga König, 24.3. 2019

"Phantasie haben heißt nicht, sich etwas ausdenken; es heißt, sich aus den Dingen etwas machen." (Thomas Mann) 

Um sich aus den Dingen etwas zu machen, ist es notwendig, sie zunächst bewusst anzusehen und zu bestaunen. 

Etwas Eigenes aus dem, was man schätzt oder liebt, zu kreieren, macht nicht nur den Künstler aus. Nur wer Phantasie hat, kann sich weiterentwickeln und den Schwierigkeiten, die jede Zeit mit sich bringt, trotzen. 

Positive Phantasie aller zu fördern, bedeutet, Menschen das Rüstzeug mitzugeben, das sie in die Lage versetzt, jede Wüste in ein Paradies zu verwandeln, auch wenn dies mitunter mehrere Generationen in Anspruch nehmen kann. 

Wer sich aus den Dingen nichts macht, ist gleichgültig, vertut seine Zeit, konsumiert das, was ist und lebt im "Nach-mir die Sintflut-Modus". 

Steinwüsten in Städten nicht länger hinzunehmen, hat Architekten, die den gesundheitlichen Nachteil für die Bewohner begriffen haben, dazu gebracht, Häuser zu begrünen und zwar so, dass das Grün bei Sturm kein Risikofaktor darstellt. Ein Häuserbauer, der sich aus Häusern nichts macht, sondern sie baut, weil der Großvater bereits Häuser baute, wird ebenso wenig inspiriert sein, sie den Problemen der Zeit anzupassen, wie ein Bauer, der auf der Scholle seiner Vorfahren arbeitet, jedoch das Stück Land und das, was er anbaut, nicht wirklich liebt. 

Man muss für eine Sache brennen, wenn sich Phantasie entwickeln und mit ihr ein Schaffensprozess in Gang gesetzt werden soll, der uns Freude schenkt und das, was ist, in irgendeiner Form erblühen lässt. Deshalb sollten Eltern auch die Begabungen ihrer Kinder fördern und beruflich ihren Weg gehen lassen, anstatt sie in Berufe zu zwängen, die sie selbst gerne gehabt hätten oder die das Kind ausführen soll, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Zwänge bewirken, dass die menschliche Phantasie alles unternimmt, um dem Ungeliebten auszuweichen oder es zu zerstören. 

Begnadete Köche stellen aus Produkten, die von ihrer Art geschmacklos sind, Köstlichkeiten her, weil sie gelernt haben, diese raffiniert zu würzen. Lustvolle Lernprozesse – wie der gekonnte Umgang mit Gewürzen- sind nur dann möglich, wenn man  die Dinge schätzt, wenn man mehr über sie erfahren und etwas - möglicherweise spektakulär Neues -  damit kreieren möchte. So verhält es sich  natürlich  auch in der Musik, in der Kunst, beim Texten und bei vielem anderen mehr. 

Ein sprachbegabter Mensch mit einer Ader für Poesie wird irgendwann Gedichte schreiben, weil seine Phantasie ihm den Weg dazu eröffnet. Je weniger der Perfektionismus-Anspruch (Zwang) ihn heimsucht, umso größer ist die Chance, im Tun zu reifen und wirklich Bemerkenswertes auf den Weg zu bringen. Alles, was den kreativen Fluss in seinem Verlauf stört, ist kontraproduktiv

Wenn ein Mensch sich aus Dingen etwas macht, die ihn oder andere zerstören, wird er bei entsprechender technischer Begabung, leider Dinge entwickeln, die für friedliebende Zeitgenossen unvorstellbar in ihrer zerstörerischen Kraft sind. Deshalb sollte man Begabungen stets so fördern, dass sie sich nicht an Destruktivem phantasievoll entzünden. 

Wer das Gute, Wahre und Schöne liebt, hat eine wirkliche Chance, sein ganzes Leben hindurch Glücksmomente zu kreieren -  für sich und alle anderen - und wird auf keinen Fall im gelangweilten "Nach-mir-die Sintflut-Modus" leben, der Freude, - das Lebenselixier aller Menschen- nicht zulässt.

Helga König.

Sonntag, 17. März 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 17.3.2019

Am 12. März schrieb ich folgenden Tweet: "Was ist wirklich wichtig im Zusammenhang mit Kommunikation? Ich fang mal an und bitte Euch fortzufahren mit der Liste: 
1. Entspanntheit "

Genannt wurden: 
4x Zuhören 
4x Respekt 
3x Offenheit 
2x Empathie 
2x Vertrauen
2x Ausreden lassen, ohne zu unterbrechen
2x Entspanntheit 
1x Demut, im Sinne von „sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten.“ 
1x Neutralität 
1x Emotionale Ausgeglichenheit 
1x Meinungsoffen sein… Perspektive wechseln 
1x Wertschätzung 
1x Augenhöhe 
1x Herzlichkeit 
1x Miteinander lachen können
1x Mitdenken, wenn der andere redet. 
1x Ehrlichkeit 
1x Absolute Ehrlichkeit 
1x Interesse 
1x Fairness 
1x Toleranz 
1x Aufmerksamkeit 
1x Konzentration 
1x Präsenz 
1x Mimik und deutliches Mundbild. 

"Wikipedia lässt seine Leser wissen: #Kommunikation (lateinisch communicatio ‚Mitteilung‘) ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedenen Arten (verbal, nonverbal) oder verschiedenen Wegen (Sprechen, Schreiben) stattfinden kann. 

"Information" ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis, Erfahrung oder Empathie. Mit "Austausch" ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint; "Übertragung" ist die Beschreibung dafür, dass dabei Distanzen überwunden werden können, oder es ist eine Vorstellung gemeint, dass Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und anderes ein Individuum "verlassen" und in ein anderes "hineingelangen". Dies ist eine bestimmte Sichtweise und metaphorische Beschreibung für den Alltag – bei genaueren Beschreibungen des Phänomens Kommunikation wird die Anwendung dieser Metapher allerdings zunehmend schwieriger."* 

Was ist wirklich wichtig, um Kommunikation glücken zu lassen? Diese Frage sollten wir uns in Zeiten der #Kommunikationsgesellschaft immer wieder stellen und uns die einzelnen relevanten Punkte bewusst machen, um auf diese Weise fruchtbaren, geistigen Austausch zu mehren. 

Die Liste, eine Momentaufnahme, - freilich ohne statistische Aussagekraft- habe ich bewusst mit dem Verhaltensmuster der Entspanntheit, sprich emotionalen Ausgeglichenheit begonnen, weil ein diesbezüglicher Mangel zu vorschnellen Äußerungen, mitunter sogar zu unbedachten Beleidigungen führen können- speziell in den sozialen Netzwerken, wo Mimik und ein deutliches Mundbild ja bekanntermaßen nicht vorkommen, es sei denn ein User postet Clips von sich oder anderen. Die Folgen sind dann in der Regel, verbale Scharmützel, Verschnupftheit, Shitstorm und Kontaktabbruch, die keiner braucht. 

#Zuhören und #Respekt sind neben #Offenheit die Verhaltensarten, die am meisten genannt worden sind. 

Dem Zuhören zugeordnet werden können Aufmerksamkeit, Konzentration, Präsenz, Zugewandtheit und Entspanntheit.

Dem Respekt zugeordnet werden können Ausreden lassen, ohne zu unterbrechen, Wertschätzung, Demut, im Sinne von sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten, Augenhöhe, Fairness, Mitdenken, wenn der andere spricht, Interesse, Zugewandtheit, Ehrlichkeit, absolute Ehrlichkeit, Präsenz, Neutralität, Empathie und Toleranz. 

Der Offenheit zugeordnet werden können meinungsoffen sein…Perspektive wechseln,  Ehrlichkeit,  absolute Ehrlichkeit, Toleranz, Entspanntheit, Herzlichkeit und Lachen.

Eine Userin hat drei emojis gepostet, die für Entspanntheit, Herzlichkeit und Lachen stehen. Um Kommunikation angenehm zu gestalten, halte ich dieses Verhalten übrigens auch für sehr wichtig, weil sie Offenheit und auch Zugewandtheit dokumentieren. 

Neutral zuzuhören und mitzudenken, wenn der andere redet, bedeutet sich selbst nicht für das Maß aller Dinge zu halten und zum Perspektivwechsel bereit zu sein, unter Umständen seine Meinung zu ändern und vor allem nicht zu verhärten. Verhärtungen sind das Aus für geglückte Kommunikation.

Woran scheitert Kommunikation endgültig? Nach meiner Erfahrung am mangelnden Vertrauen in bestimmte Eigenschaften des Gesprächspartners, allen voran Fairness, Ehrlichkeit und Respekt, an mangelnder Toleranz anderen Meinungen gegenüber und an der Nichtbereitschaft, auf gleicher Augenhöhe sich auszutauschen. 

Kurzum: Kommunikation scheitert selten an Inhalten, sondern fast immer an unliebsamen Verhaltensmustern.  So sind Borniertheit, Arroganz und Unehrlichkeit  m. E. die Totengräber für geglückte Kommunikation. 

Wer ein geschätztes Mitglied der Kommunikationsgesellschaft sein möchte, sollte das Lachen nicht verlernen und sich in Empathie üben, dann sind Toleranz, Respekt und Offenheit nämlich kein Problem, dann auch hört man anderen gerne entspannt zu und akzeptiert - nicht sauertöpfisch-, dass Konsens nicht immer und überall möglich ist.


 Helga König

Wikipedia: Kommunikation