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Samstag, 23. September 2017

Sonntagskolumne Helga König: 24.9.2017

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen.  Wie heißt der neue Hitler in wenigen Jahren?

Vor mehr als zwei Jahrzehnten las ich ein Buch über latenten Faschismus in unserem Lande. Als ich mit Bekannten über das Thema sprechen wollte, winkte man desinteressiert ab. Für sie war Faschismus eine Angelegenheit, die dem Gestern angehörte. Damals auch rief ich in einer örtlichen Zeitung zum Besuch der Wehrmachtsausstellung in der Paulskirche in Frankfurt auf, um sich auf diese Weise die Gräuel, die durch deutsche Soldaten in Russland verursacht wurden, bewusst zu machen. Durch diese Ausstellung und durch Daniel Goldhagens 1996 erschienenem Buch "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" wurde mir bewusst, worin der latente Faschismus hierzulande begründet war: Im Verschweigen eigener Schuld und im nicht Aufarbeiten der perversen Vergangenheit. 

Mein Aufruf zum Besuch der Ausstellung in der Paulskirche führte zu unglaublichen Beschimpfungen am Telefon seitens mir bis dahin fremden Menschen. In Diskussionen mit akademisch ausgebildeten Leuten meines Alters über die Wehrmachtsausstellung wurde mir klar, dass vielen nicht bewusst war, wie infiziert das deutsche Volk von der Nazi-Idee  einst war und dass sich die meisten nicht vorstellen konnten, dass ihre Väter zu solchen Gräueltaten wie die Menschen sie durch die Deutschen in ganz Europa erleiden mussten, fähig waren. 

Eine Lehrerin, deren Vater SS-Offizier war, flippte geradezu aus als ich sie fragte, ob sie glaube, dass ihr Vater sich in Leningrad keiner Verbrechen schuldig gemacht habe. Das Bild von der unschuldigen Wehrmacht durfte nicht hinterfragt werden. Die rund 80 Millionen Toten aufgrund von Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen wurden zwanghaft unter den Teppich gekehrt. So blieb die Nazi-Ideologie wie alter Staub in unserem Land hängen, um nun neu hochgewirbelt, sich anzuschicken, einen Rechtsruck in der politischen Landschaft zu bewirken. 

Wie werden Menschen so brutal wie zu Nazi-Zeiten? Durch eine Erziehung wie sie in der Erziehungsfibel der Nazi-Autorin Johanna Harrer beschrieben worden ist und durch eine entsprechende faschistische Ideologie. Dazu aber gehört auch die Duldung  der Brutalität seitens einer Vielzahl von Bürgern eines Landes, die aus Angst, es könnten ihnen Nachteile entstehen, solche Strömungen nicht rechtzeitig eindämmen. 

1928 hat sich noch keiner in der Weimarer Republik vorstellen können, dass 17 Jahre später 6 Millionen Juden qualvoll den Tod erleiden und Andersdenkende außer Landes flüchten mussten, wenn sie dem KZ entgehen wollten, es rund 80 Millionen Kriegstote und unzählige Kriegsversehrte geben, das Land in Schutt und Asche liegen würde und es Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen zu verzeichnen gäbe. Noch ahnte keiner, dass über Generationen hinweg große Teile der Bevölkerung traumatisiert  sein würden. 

1928 hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen bei der Reichstagswahl erhalten. 1930 waren es bereits 18,3%. 1932 zählte die NSDAP 37,2% und 1933 als sie an die Macht kam, stimmten 43,9% für die Verbrecherbande. 

Am 1. Mai 1933 wurden in Deutschland seitens rechtsradikaler Studenten, Professoren und Mitglieder nationalsozialistischer Parteiorgane die Werke von ihnen verfemter Autoren in 21 Universitätsstädten verbrannt. Diese öffentlichen Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der sogenannten "Aktion wider den undeutschen Geist", die nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, im März 1933, zur systematischen Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller führte.* Bücher von berühmten Autoren wie Heinrich Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky  loderten im Feuer, das jene entzündet hatten, die später ganz Europa in Brand steckten.

Man wollte die Vernunft niederknüppeln, sie verbrennen und vergasen, um anschließend ungehindert den für Nazis typischen Sadismus ungestört ausleben zu können. 

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen. 

Unsicherheit und Existenzängste, die durch die Digitalisierung entstanden sind und noch intensiver entstehen werden, sowie bewusst geschürter Fremdenhass geben im Hier und Heute den Rechtsradikalen Auftrieb. Tägliche Aufklärung, was den digitalen Umbruch anbelangt ist wichtig und auch ein klares NEIN  im Hinblick auf den damit verbundenen Raubtierkapitalismus.

Werden in 5 Jahren erneut Bücher in diesem Land verbrannt? Oder werden aufgrund der Digitalisierung überhaupt keine mehr gedruckt? Wird man dann hierzulande nur noch die Infos digital zugespielt bekommen, die der rechtradikalen Totalverblödung dienen? 

Müssen Andersdenkende und Andersgläubige wieder erneut fluchtartig das Land verlassen? Mit welchen Perversionen der Neuen Rechten müssen wir rechnen?  

Was  die Neue Rechte mit den Alt-Nazis verbindet ist die Eiseskälte, der Mangel an Mitgefühl, eine erschreckende Verbohrtheit und  ein Mangel an Weltoffenheit. Das sollte zu denken geben.

Noch ist es Zeit, drohendem Unheil Einhalt zu gebieten. Die neuen Juden der Neuen Rechten werden alte Menschen sein. Die Neue Rechte, sie hat sich in der Konsumgesellschaft ganz spezifisch entwickelt, wird in ihrer Gier zu allem fähig sein. Der Gierhals Göring wird zu ihrer Ikone aus vergangenen Zeiten stilisiert werden. Das prophezeie ich schon jetzt. 

Wählen Sie morgen bitte den Fortbestand unserer Demokratie und vergessen Sie das Jahr 1933 nicht. Es war das Jahr unsäglicher Dummheit.

Demokratie ist der einzige Garant für Frieden. Es gibt keine rechtsradikale Demokratie, sondern nur rechtsradikale Diktaturen. Möchten Sie zukünftig in einer Diktatur leben? Ich nicht.

 Helga König

vgl:  Wikipedia

Sonntag, 17. September 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 17.9.2017

"Wörter können töten, das wissen wir nur zu genau. Aber Wörter können auch, obwohl nur begrenzt, manchmal heilen."Amos Oz 

Dieses Zitat twitterte heute morgen #Raimund_Schöll  und zwar gemeinsam mit einem sehr ansprechenden Foto einer hügeligen Landschaft, in deren Vordergrund Olivenbäume zu sehen sind. Verfasser obiger Sentenz ist der international bekannte, israelische Schriftsteller Amos Oz. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Er erhielt u.a. den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992) den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2005), den Siegfried Unseld Preis (2010) und den Siegfried Lenz Preis (2014). 

Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Amos Oz den Satz "Wörter können töten, das wissen wir nur zu genau. Aber Wörter können auch, obwohl nur begrenzt, manchmal heilen" gesagt oder geschrieben hat, aber mir ist bekannt, dass dieser Schriftsteller in den 1970er Jahren bereits eine Organisation gegründet hat, die zur israelischen Friedensbewegung zählt und er seit 1967 ein prominenter Befürworter der "Zwei-Staaten-Lösung" ist. Demnach ist es nicht unwahrscheinlich, dass seine Sentenz politisch  motiviert ist.  Frieden beginnt mit einer friedvollen Sprache.

Neugierig geworden, ob es wissenschaftliche Beweise gibt, dass Wörter wirklich auch töten können, las ich in einem Beitrag von Tom Leonhardt, dass für den Wissenschaftler Steffen Ketty Herrmann Wörter tatsächlich tödliche Waffen sein können und auch, dass Schweigen als Gesprächsverweigerung besonders gefährlich sei. 

Die Phänomene sprachlicher Gewalt können leiser Ironie bis hin zur plumpen Beleidigung, von der indiskreten Taktlosigkeit bis hin zum sarkastischen Spott, von der herablassenden Demütigung bis hin zum eisigen Schweigen reichen, betont der Sozialwissenschaftler. 

In seinem Vortrag über "Warum Worte verletzten. Symbolische Gewalt und sozialer Tod" spricht Steffen Ketty Herrmann zunächst über physische und symbolischer Gewalt, um alsdann sprachliche Erniedrigung als Form sprachlicher Gewalt näher zu beleuchten. 

Wer beleidigt, möchte zumeist, dass eine Dritte Person diese Beleidigung hört, weil durch diese dritte Instanz die sprachliche Gewalt noch verletzender ausfällt. Durch die soziale Herabsetzung soll die soziale Position des Angegriffenen gemindert werden. Im Schweigen als letztes Mittel sprachlicher Gewalt hingegen werde sogar der soziale Tod provoziert. 

Was mit Kindern geschieht, die sprachlich erniedrigt werden oder mit denen, um sie zu strafen nicht gesprochen wird, weiß man. Sie werden sehr traurig, vielleicht sogar verstockt und trauen sich am Ende nichts mehr zu, wohingegen Kinder, denen man gut zuspricht, sich in der Regel günstig entwickeln, d.h. fröhlich und damit seelisch gesund verhalten. 

Wer sprachliche Gewalt anwendet, indem er andere zu erniedrigen sucht,  - sei es Kinder oder Erwachsene- möchte sich selbst erhöhen, möchte Macht über den verbal Erniedrigten gewinnen, ihn am liebsten vor Dritten bloßstellen und beschämen. Wer andere durch Schweigen abstraft, will töten, sei es sozial, seelisch oder tatsächlich. Kränkung kann todkrank machen.  

Einen Menschen von  solchen Seelenqualen zu heilen, ist möglich, indem man freundliche Worte voller Zuversicht an ihn richtet, sodass er mit der Zeit wieder Selbstvertrauen gewinnt und seinen Weg-  an sich  und seine Fähigkeiten glaubend - wieder weiter geht.

Die sozialen Netzwerke positiv zu nutzen, kann zur Heilung der Gesellschaft und der einzelnen Mitglieder beitragen. Davon bin ich überzeugt.

Helga König

Samstag, 9. September 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 10.9.2017

"Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun." Molière (1622 - 1673), eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, französischer Komödiendichter und Schauspieler.

Der französische Dichter Molière war der Sohn eines königlichen Kammerdieners, der eine humanistische Ausbildung erhielt und anschließend zunächst in Orléans Rechtswissenschaften studierte. Seine Komödien sind durch überzeitliche Züge gekennzeichnet und geben alles der Lächerlichkeit preis, was dem gesunden Menschenverstand und den Prinzipien von Natur und Vernunft zuwiderläuft.* 

"Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun" lautet eine Sentenz dieses begnadeten Stückeschreibers, deren Inhalt sich jeder bewusst machen sollte, nicht zuletzt auch Politiker und Wirtschaftsleute in Entscheider-Positionen. 

Verantwortlich handelt derjenige, der für seine Handlungen aber auch für sein Unterlassen und die daraus entstehenden Folgen gerade steht und dafür sorgt, dass durch sein Handeln und Unterlassen kein Schaden verursacht wird.

Seit geraumer Zeit verfolge ich die Tweets von Helmut Baltrusch und verlinke zahlreiche seiner klugen Gedanken und Botschaften, weil dieser Mann - für jeden gut nachvollziehbar - aufzeigt  wie gesellschaftliche Verantwortung praktisch umgesetzt werden kann. Der 76 jährige Diplomingenieur und Betriebswirt hat sich gemeinsam mit anderen verantwortungsbewussten Mitgliedern der "Agendagruppe Generationzukunft" der Nachhaltigkeits- und Demografieentwicklung zur Erhaltung unserer Zukunft verschrieben. 

Auf der Website der Akteure  wird man zugleich mit der Frage konfrontiert. "Sind wir nicht alle verantwortlich für eine lebenswerte - weil zukunftsfähige und nachhaltige - Entwicklung im Zeitenwandel mit weltweitem Klima-, Bevölkerungs-, demografischen und digitalen Wandel incl. gesellschaftlichen Veränderungen, Konflikten und (Flüchtlings-) Krisen? "**

Nicht alle werden nicken, denn es ist bequemer Verantwortung zu delegieren und sich auf diese Weise weg zu ducken. Machen wir uns aber nichts vor: Wegducken ist natürlich immer verantwortungslos. 

Ein Blick nach Übersee verdeutlicht, welche Schäden entstehen, wenn dem Klimawandel nicht Einhalt geboten wird. Nachrichten wie wir sie in den letzten Tagen vernehmen müssen, werden zukünftig noch viel krasser ausfallen und zwar weltweit, wenn man ökologischer Vernunft  aufgrund von materieller Gier weiterhin kein Gehör schenkt. 

Verantwortungslosigkeit findet man leider auch in vielen anderen Bereichen der Weltgemeinschaft. Das Forum Generation Zukunft gibt hier Denkhilfe zum Handeln: "Die Verantwortung für die künftigen Generationen wahrzunehmen heißt, Zukunft zu lernen und die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als umfassendes gesellschaftliches Modernisierungskonzept zu verstehen. Maßgeblich und verpflichtend für diese Entwicklung sind ethische Prinzipien wie die schonende Nutzung der Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit, Verantwortung für künftige Generationen, globale Partnerschaft, eine andere Steuerung des sozialen Verhaltens, z.B. beim Thema Gesundheit (siehe "Wohnen und Gesundheit", "Fachärztliche Ambulanz"), Berücksichtigung des Wertewandels und der Rolle der Frauen, Vernetzung der Zukunftsindikatoren einschließlich die der technologischen Entwicklung für die soziale gesellschaftliche Entwicklung u.a.“  ***

Das Erkennen des Sinns ethischer Prinzipien und das Begreifen langfristiger Nachteile sind Grundvoraussetzungen, dass Verantwortungsbewusstsein ein erstrebenswertes Ziel für alle wird. Solange man verantwortungslose Zeitgenossen mit Applaus in Ämter und Positionen hebt,  ihnen verheerende Macht verleiht, anstatt sie in die Wüste zu schicken, wird allerdings alles noch schlimmer. 

"Ferne entfernt nicht von der Verantwortung!“ formulierte der 2015 verstorbene Philosoph Manfred Hinrich. 

Aufmerksame Blicke in viele Regionen unserer Welt lassen uns erkennen, dass wir alle viel zu lange Verantwortung verantwortungslos an Menschen delegiert haben, die eines in erster Linie zu sein scheinen: hochgradig verantwortungslos gegenüber Folgegenerationen, genau wie wir selbst.

Helga König

* vgl: Der Brockhaus: Literatur

Sonntag, 3. September 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 3.9.2017

"Geduld ist mit der Hoffnung blutverwandt." Felix Lope de Vega Carpio (1562 - 1635),

Geduld gilt als die Tugend der Unnachgiebigen. Dass sie mit der Hoffnung blutsverwandt ist, lässt sich nicht verneinen. Im Gegensatz zur Hoffnung, setzt sie allerdings mehr Selbstbewusstsein voraus, denn der Geduldige ist davon überzeugt, dass seine Stunde kommen wird, während der Hoffende es nur glaubt bzw. glauben möchte.

Geduldiges Warten ist nur möglich, wenn man sich in Gelassenheit übt. Im Wort Gelassenheit steckt der Begriff "lassen". Erst wenn man "zulässt" oder "loslässt" ohne zu verzagen, schafft  man die Basis dafür, geduldig warten zu können bis die richtige Stunde kommt und lebt bzw. arbeitet unverkrampft aber konzentriert auf diesen Moment zu.

Der berühmte spanische Dichter Lope de Vega, Verfasser der Sentenz "Geduld ist mit der Hoffnung blutsverwandt." wurde  in einfache Verhältnisse geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Hause seines Onkels, der Inquisitor in Sevilla war.

Die Spanische Inquisition war eine mit Genehmigung des Papstes eingerichtete staatliche Behörde, mittels der die Häresie in Spanien bekämpft werden sollte. Formal dauert die Inquisition in Spanien von 1478 bis 1834 an.

Wissen sollte man, dass es auf der iberischen Halbinsel zuvor eine Zeit gab, die von Respekt und Toleranz zwischen der jüdischen, muslimischen und katholischen Religion geprägt war und  sich erst im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts die Konfrontation zuspitzte. Es waren die katholischen Herrscher Spaniens, die aus Machtgründen getaufte Juden und Muslime verfolgen, foltern und ermorden ließen.

Lope de Vega besuchte die Jesuitenschule, später die Universität Alcalá und zeigte durch seinen späteren Lebenswandel, dass er für sich zumindest eine gewisse Freizügigkeit beanspruchte, die seinem strengen Onkel gewiss missfallen hat.

Unabhängig von seinem unsteten Lebenswandel hat der Dichter übrigens 483 Komödien geschrieben. Zudem entwickelte er in seinem Werk "Arte Nuevo" seine Ideen über die dramatische Kunst, in der die natürliche Schönheit das Ideal der Kunst darstellt.

Seine Herkunft und das Leben im Hause des strengen Inquisitors deuten nicht darauf hin, dass aus Lope des Vega später mal ein berühmter Komödienschreiber werden sollte, der der natürlichen Schönheit als Ideal der Kunst huldigte. Vielleicht hat er sein Talent zunächst im Verborgenen gelebt und geduldig gewartet bis ein Zeitfenster sich zeigte, das er dann voller Tatendrang geöffnet hat.

"Geduld ist mit der Hoffnung blutverwandt." Gewiss kannte der Jesuitenschüler Salomos Predigt, die den Titel "Alles hat seine Zeit" trägt und dachte bei der Formulierung seiner Sentenz  an besagten sehr weisen Text.

Der Geduldige arbeitet auf den richtigen Zeitpunkt hin, der Hoffende ist passiver und vertraut auf das Glück oder ein Wunder. Der Geduldige bricht aktiv seine Geduld, wenn das richtige Zeitfenster sich endlich zeigt, öffnet es und begibt sich mit der Gewissheit, dass die lange Geduld sich gelohnt hat, in eine passendere Situation. Die Gewissheit des Hoffenden entspringt eher einem wie auch immer gearteten Gottvertrauen oder dem Vertrauen auf positive Schicksalsmächte, die es irgendwie richten.

Engelsgeduld mit garstigen Mitmenschen aufzubringen, scheint mir eine der schwersten Geduldsübungen zu sein. Hier bedarf es neben der Gelassenheit noch vieler weiterer Tugenden, damit der Geduldsfaden nicht vorzeitig reißt.

Vielleicht steht die Engelsgeduld der Hoffnung am nächsten. Bleibt zu hoffen, dass keiner die Geduld eines Engels in seinem Umfeld braucht.

Helga König

Sonntag, 27. August 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 27.8. 2017

"Hoffnung. Ohne sie gibt man den Kampf gegen das Unmögliche lieber gleich auf." (Paulo Coelho) 

Diesen Satz des Schriftstellers Paulo Coelho habe ich seinem Buch-Kalender 2018 entnommen, der den Titel "Freiheit" trägt. Ich schätze Coelhos Buch-Kalender seit Jahren, nicht nur seiner Weisheiten wegen, sondern weil die darin enthaltenen Illustrationen der kolumbianischen Künstlerin Catalina Estrada lateinamerikanische Lebensfreude zum Ausdruck bringen, die am Schreibtisch für gute Laune sorgen. Coelhos Zitate, sie tauchen in den Kalendern auf jeder zweiten Seite auf, lassen immer wieder innehalten und regen zum Nachdenken an. 

Wer ist dieser Schriftsteller, der vor einigen Tagen seinen 70. Geburtstag gefeiert hat?

Ein gebürtiger Brasilianer, der heute in der Schweiz lebt und dessen Bücher sich nach dem Stand von 2015 bereits 210 Millionen Mal verkauft haben. Coelho war 41 Jahre alt als er mit dem Buch "Der Alchemist" einen Weltbestseller schrieb, der allerdings erst Jahre später in 80 Sprachen der Welt übersetzt wurde.

Konnte man diesen Erfolg voraussehen? Vermochte man zu erahnen, dass Coelho noch viele weitere bemerkenswerte Bücher schreiben würde? 

Befasst man sich mit seinem Lebenslauf, so erfährt man, dass er als Jesuitenschüler einst einen Lyrikwettbewerb gewonnen hatte. Mit dem Schreiben von Gedichten begannen viele Schriftstellerkarrieren und auch viele berühmte Schriftsteller können auf ein Jurastudium verweisen. Doch Lebensbrüche in der Art wie Paulo Coelho sie kennenlernen musste, sind eher unüblich für einen Bestsellerautor seines Formats. 

In den 1960er Jahren wurde er von seinen Eltern dreimal in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, weil er gegen deren Vorstellungen aufbegehrte. Später engagierte er sich politisch gegen die brasilianische Militärdiktatur, saß deshalb im Gefängnis, schrieb Songtexte sowie 65 Rocklieder und begann 1977, damals lebte er mit seiner ersten Frau für ein Jahr in London, erfolglos als Schriftsteller zu arbeiten. 

Es folgten danach in Brasilien andere Tätigkeiten, so auch als Redakteur einer Untergrundzeitschrift. Nach seiner Trennung von seiner ersten Frau, reiste er mit seiner jetzigen Lebenspartnerin nach Dachau und hatte dort eine Vision. Vor seinem geistigen Auge erschien ihm ein Mann, den er zwei Monate später in Amsterdam tatsächlich traf. Dieser riet ihm, sich auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela aufzumachen. Den alten Sternenweg gehen die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten,  nicht zuletzt, weil sie hoffen, auf diese Weise eigentlich Unmögliches erreichen zu können.

Seine Erfahrungen als Pilger, die er als Wendepunkt seines Lebens begreift, hielt Coehlo 1986 in einem Buch fest. Zwei Jahre später dann schrieb er den Weltbestseller "Der Alchemist".

Interessanterweise trennte sich sein damaliger Verlag von ihm, weil das Buch in der Erstauflage nur 900 Mal verkauft worden war. Erst fünf Jahre später erlangte es den Durchbruch als er in einem amerikanischen Verlag  neu verlegt wurde. 

Von da an blieb Fortune an Coelhos Seite und er dankt ihr dafür bis heute durch sein bewundernswertes soziales Engagement. 

Paulo Coehlo ist ein Beispiel dafür, dass es sich trotz aller Widerstände lohnt, seine Talente zu kultivieren und die innere Stärke zu entwickeln, sie auch zu leben, selbst wenn enorme Durststrecken eigentlich zum Aufgeben zwingen. 

Wer bestimmte Gaben besitzt, darf hoffen, mit ihnen auch Erfolg zu haben, gleichgültig wie viel Steine ihm in den Weg gelegt werden. Das ist die Botschaft, die man dem Leben Coelhos entnehmen kann.

Der brasilianische Schriftsteller weiß, was er sagt, wenn er resümiert: "Hoffnung. Ohne sie gibt man den Kampf gegen das Unmögliche lieber gleich auf."

Paulo Coelho hat die Hoffnung nie aufgegeben. Auf diese Weise hat er das scheinbar Unmögliche erreicht. 

Helga König

Samstag, 19. August 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 20.8.2017

Gestern Abend las ich auf Facebook einen Post, der eingangs zwei Fotos zeigt: Das erste Foto visualisiert eine junge Frau, die vor einem offenbar schwerverletzten oder toten Mann kniet, daneben ein Kindersportwagen mit einem Kind, dessen Beinchen man  nur sieht und ein weiteres Kind, das sich weinend am Kinderwagen festhält. Das zweite Foto, ein Passfoto, zeigt den jungen Mann, der auf dem ersten Bild auf der Straße liegend zu sehen ist. Es handelt sich um den Italiener Bruno Gulatto. 

Thematisiert wird in dem Post das Leid dieser jungen italienischen Familie. Der 35 jährige Vater Bruno Gulotta wurde seitens der Terroristen getötet als er seine Kinder und seine Frau vor dem herbeirasenden Kleinlaster schützen wollte, den die Täter als Mordinstrument nutzten. Die Gulottas hielten sich an diesem Tag wie so viele andere Menschen als Touristen auf den Ramblas, einer 1,2 km langen Promenade im Zentrum von Barcelona, auf. 

Darf man solche Bilder zeigen? 

Macht es Sinn das Leid der Betroffenen auch visuell zu thematisieren, selbst auf die Gefahr hin, dass Islamhasser dies zum Anlass nehmen, fremdenfeindliche Parolen heraus zu plärren?

Die Literaturkritikerin Susan Sonntag schrieb zu Beginn dieses Jahrtausends einen lesenswerten Essay mit dem Titel "Die Leiden anderer betrachten" und kommt darin zu dem Ergebnis, dass solche Bilder dazu beitragen, der Inhumanität ein Ende zu setzen. Dieser Meinung habe ich mich schon damals angeschlossen und bin heute noch genau so überzeugt davon, dass an drastischen Beispielen gezeigt werden muss, was Krieg und Terror tatsächlich bedeuten. Es geht nicht darum, sich an solchen Bildern zu weiden, sondern Bewusstsein dafür zu schaffen, was sich bei diesen brutalen Angriffen tatsächlich ereignet. Deshalb auch sollte über Einzelschicksale informiert werden. 

Was entwickelt werden muss, ist Empathie und nicht Hass. Empathie macht Nähe erforderlich. 

Im Falle von Barcelona handelt es sich bei den 14 Toten und mehr als 100 Verletzten um Menschen aus 34 Ländern und zwar aus: Algerien, Argentinien, Australien, Belgien, Marokko, Kanada, Kolumbien, Peru, China, Rumänien, Venezuela, Kuba, Ecuador, Ägypten, Spanien, USA, Philippinen, Frankreich, England, Griechenland, Niederlande, Taiwan, Honduras, Ungarn, Irland, Italien, Kuwait, Mazedonien, Pakistan, Dominikanische Republik, Türkei, Australien und Deutschland.

Den Tätern war es augenscheinlich gleichgültig, ob ihre Opfer Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus oder Atheisten waren. Es ging ihnen offenbar darum, durch ihre menschenverachtende Tat Angst und Schrecken auf der ganzen Welt zu verbreiten. Die Täter kommen nicht aus Kriegsgebieten, sondern größtenteils aus Marokko. 

Ob Fanatismus ausreicht, um so bestialisch zu morden, möchte ich bezweifeln. Worum es hier geht, ist meines Erachtens der Machtrausch hochaggressiver Psychopathen, der in dieser neuen Form zu morden, ausgelebt wird. 

Waren es 2001 Flugzeuge, die in New York bei dem Angriff auf die Menschen, die im World Trade Center gearbeitet haben,  als Mordinstrumente eingesetzt wurden, sind es seit Nizza LKWs, mittels denen Leid und Tod verursacht wird. Die Tatsache ganz ohne übliches Kriegsmaterial eine Vielzahl von Zivilisten töten zu können, wird immer wieder machtbesessene Psychopathen zu solchen Handlungen treiben, die sie dann ideologisch oder religiös zu legitimieren suchen. Darauf sollte man sich  realistisch einstellen.

Was kann man tun? 

Straßen und Plätze besser abzusichern, ist natürlich eine wichtige Maßnahme. Ebenso wichtig allerdings erscheint mir, weltweit ein wirklich ethisches Bewusstsein zu schaffen und  hier vor allem das Mitgefühl zu fördern. 

Das ist auch möglich, indem man Leid visualisiert, zwar nicht pausenlos – dann stumpft der Betrachter ab- aber beispielhaft, um so das Leid aus der Anonymität herauszuholen. Was bedeutet es schwer verletzt zu sein? Wie ist jemand gestorben? Welches Leben haben die Opfer bis zum Attentat geführt? 

Potentielle Täter müssen abgeschreckt werden, Scham entwickeln von ihrem Tun, indem man ihnen bewusst macht, wohin ihre perversen Machtgelüste führen. Sie müssen das Leid anderer sehen, spüren und begreifen. Vielleicht rüttelt sie dies  wach,  bevor sie zur Tat schreiten. 

Die sozialen Netzwerke bieten die Möglichkeit, potentielle Täter zu erreichen und sollten täglich zur Aufklärung genutzt werden. 

Blickt man auf die Auflistung der Toten und Verletzten in Barcelona wird klar, dass die Marokkaner auch vor ihren Landleuten nicht Halt gemacht haben. Es war ihnen gleichgültig, wen sie verletzten oder töteten. Das macht deutlich, dass es mit der religiösen Legitimation nicht weit her ist. 

Hier handelten, ich betone es nochmals, hochaggressive Menschen, denen es an Mitgefühl mangelt. Solch gewaltbereite Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, wird nicht einfach sein, aber es ist die einzige Chance, uns vor ihren Ausbrüchen zu schützen. 

 Helga König

Samstag, 12. August 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 13.8.2017

"Es gibt eine einzig wahre, große Trösterin: Die Kunst." (George Sand) 

Der in Paris lebende Novellist Daniel Brami twittert täglich eine Vielzahl sehr bemerkenswerter Kunstwerke von Malern und Fotografen aus unterschiedlichen Zeiten. Welchem System er dabei folgt, lässt sich nur schwer analysieren. 

Daniels Posts machen mich oft sehr neugierig, denn nicht wenige der von ihm hervorgehobenen Künstler sind mir nicht bekannt, trotz der rund vierhundert Kunstbände, die ich im Laufe der letzten Jahre auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert habe. 

Für Künstler ist es weltweit oft sehr schwer, einen Verlag zu finden, der ihre Werke in Top-Qualität in einem Bildband zu zeigen bereit ist, weil Kunstbuch-Publikationen zumeist ein Risiko-Geschäft sind, da die Zielgruppe sich als verhältnismäßig klein und nicht pausenlos kaufbereit erweist. 

Erfreulich ist es deshalb, wenn man sich immer öfter im Internet einen Eindruck von Künstlern und ihren Werken aus aller Welt verschaffen kann. 

Heute nun postete Daniel u.a. ein Werk des chinesischen Fotografen Don Hong-Qai. Auffallend ist die hohe Ästhetik, die dessen Motivgestaltung inne wohnt. Der 2004 verstorbene Fotokünstler erlangte erst kurz vor seinem Tod die Anerkennung, die ihm gebührt. Bücher mit Werken des Fotografen scheinen bislang nicht publiziert worden zu sein, aber man kann sich auf Pinterest kundig machen und findet dort die 69 besten Aufnahmen von ihm. Über sein Leben allerdings erfährt man wenig. Don Hong-Qais Blick auf das, was er abgelichtet hat, ist auffallend liebevoll, ohne dabei schönen zu wollen. Seine Landschaftsbilder strahlen viel Ruhe aus und erzählen von einem Leben, dem Weisheit nicht fremd ist. 

Neugierig, womit sich Daniel heute zudem noch befasst hat, scrolle ich auf seiner Profilseite Bild für Bild weiter und versuche den Gedankensprung von Jamie Heiden zu Degas nachzuvollziehen. Daniel scheint Chagall und Munch, aber auch Monet und Matisse besonders zu mögen, denn er postet deren Werke öfter. 

Dann entdecke ich weitere Bilder eines asiatischen Künstlers. Es handelt sich um Werke des Japaners Masao Yamamoto. Der heute 60 jährige freischaffende Fotograf ist für seine kleinformatigen Bilder bekannt, die die fotografischen Drucke als Gegenstände individualisieren möchten. Um die Arbeiten, die Daniel gepostet hat, zu verstehen, muss man wissen, dass Yamamoto die Grenze zwischen Malerei und Fotografie verwischt, indem er mit Druckflächen experimentiert.

Während ich weiter scrolle, stelle ich fest, dass Daniel ein Frauenporträt des japanischen Künstlers Ikenaga Yasunari und ein Werk des chinesischen Malers Wu Guanzhong zudem noch hervorgehoben hat. Daniels Gedanken weilten demnach heute in Ostasien. Das kann ich gut verstehen.

Ein sehr beeindruckendes Werk der spanischen Malerin Montserrat Gudiol hat Daniel Brami übrigens schon mehrfach gepostet. Es zeigt eine sehr traurig wirkende, ratlose Frau und einen müden, erschöpften Mann, der sich an ihre Schulter lehnt. 

Für mich stehen diese beiden Menschen zur Zeit für uns Europäer, die wir ratlos auf das momentane Weltgeschehen blicken und erkennen müssen, dass uns nichts bleibt als tiefe Dankbarkeit, dass  es bei aller Unwirtlichkeit und allem Wahnsinn auf dieser Erde noch eine Oase des Friedens gibt: Die Kunst. Betrachteten wir sie als das, was sie ist, als die große Trösterin, wie George Sand sie einst nannte.    

Helga König 

Samstag, 5. August 2017

Sonntagskolumne Helga König, 6.8.2017

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)

Dieser Tage wurden in Hamburg sieben Männer aufgrund ihrer Zivilcourage geehrt. Sie haben einen Gewalttäter daran gehindert, weitere Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Der Täter hatte bereits einen Mann erstochen und mehrere Personen verletzt. 

Mir geht es bei meinen Überlegungen heute nicht darum zu reflektieren, was in dem Täter vorgegangen ist, der mit einem offenbar großen Messer willkürlich auf Kunden eines Supermarktes eingestochen hat und auch nicht um die Versäumnisse in  seinem Abschiebungsverfahren, die die Tat, hätten sie denn rechtzeitig behoben werden können, eventuell nach Norwegen verlagert hätten. Eine Vorstellung, die deutlich macht, dass dies auch kein zufriedenstellender Weg gewesen wäre, das Unheil abzuwenden. 

Des Weiteren geht es mir nicht um die religiöse Zugehörigkeit des Täters. Diese ist für die Gewalttat letztlich unerheblich, da seine Motive offenbar persönlicher Natur waren. Der Gewalttäter wollte einen persönlichen Vorteil, den man ihm nicht zugestanden hatte.

Worum es mir geht, ist die Zivilcourage der sieben vorbildlichen Männer, zum größten Teil mit Migrationshintergrund, die spontan das Risiko eingingen, verletzt oder getötet zu werden, um ihre Mitmenschen vor diesem selbstsüchtigen Idioten zu schützen. 

Es gibt sie also tatsächlich noch, diese mutigen Männer mit viel Mitgefühl, die bereit sind unter Einsatz ihres Lebens, ihre Mitmenschen vor Lebensgefahr zu bewahren  Bleibt zu hoffen, dass es weit mehr davon gibt, als man in unserer neoliberalen Gesellschaft eigentlich erwarten darf.

Die spontane Bereitschaft beherzter Menschen gemeinschaftlich aktiv werden, wenn eine Zivilperson gewalttätig wird, muss ins Bewusstsein potentieller Täter dringen. Gaffer und Amateurfilmer sind das Publikum solcher Irren, die letztlich in ihrem Tun durch die mitmenschlich untätigen Zuschauer bestätigt werden. 

Potentielle Täter müssen erkennen, dass asoziales Verhalten von der Gemeinschaft nicht hingenommen wird. Angst vor den unmittelbaren Folgen kann durchaus daran hindern, aktiv zu werden. 

Wikipedia erläutert, dass Zivilcourage, wörtlich Bürgermut, sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch civilis, 1. bürgerlich – nicht militärisch, 2. anständig, annehmbar) und courage (französisch "Mut") zusammensetzt und verweist auf den Autor Gerd Meyer, der das Buch "Mut und Zivilcourage" geschrieben hat *

Dieser unterscheidet drei Arten des Handelns mit Zivilcourage: 

1. "Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, in denen man schnell entscheiden muss, was man tut. 
2. Sich-Einsetzen – meist ohne akuten Handlungsdruck – für allgemeine Werte, für das Recht oder die legitimen Interessen anderer, vor allem in organisierten Kontexten und Institutionen, wie z. B. in der Schule oder am Arbeitsplatz. 
3. Sich-Wehren z. B. gegen körperliche Angriffe, Mobbing oder Ungerechtigkeit; zu sich und seinen Überzeugungen stehen, standhalten, sich behaupten; widerstehen, nein sagen, "aus guten Gründen" den Gehorsam verweigern.[1] 

Dies erfordert Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise mit Sanktionen durch Autoritäten, Vertreter der herrschenden Meinung oder sein soziales Umfeld (z. B. einer Gruppenmehrheit) zu rechnen hat. Als zivilcouragiert gelten auch Whistleblower, die illegale Handlungen oder sozialethisches Fehlverhalten zum Schaden der Allgemeinheit innerhalb von Institutionen, insbesondere Unternehmen und Verwaltungen, aufdecken.“**

Wie man bei Meyer unschwer erkennen kann, geht es bei Zivilcourage um weit mehr als um das Abwehren körperlicher Angriffe. 

Psychische und physische Gewalt können möglicherweise minimiert werden, wenn man sie, dort wo wie auftreten, nicht begafft, bestaunt und sensationsgeil ablichtet oder sich wegduckt, sondern sie anprangert, Betroffenen zu Seite steht und ihnen hilft. 

Die Hilfe kann auch darin liegen, sehr rasch die Polizei zu alarmieren, wenn man Schreie aus dem Nachbarhaus hört, weil dort Kinder oder eine Frau verprügelt werden. Wenn ein Verhaltensgestörter mit seinen Sockenpuppen im Internet einen Shitstorm verursacht, ist wegschauen ebenso asozial wie wenn man schadenfreudig einem Mobber in Betrieben, in Schulen oder in der Familie gewähren lässt, weil man sich Vorteile erhofft.  Das kann nicht oft genug gesagt werden, um ein Bewusstsein für asoziales Verhalten zu schaffen, das es in allen Gesellschaftsschichten gibt.

Opfer brauchen Hilfe. 

Die sieben Männer in Hamburg haben genau dies spontan gefühlt und ebenso spontan gehandelt. Es kann ihnen nicht genug gedankt werden, denn sie haben nicht nur Menschenleben gerettet, sondern gezeigt, dass es nicht bloß selbstsüchtige Idioten auf dieser Welt gibt, sondern auch Menschen, für die Humanität kein Fremdwort ist und die insofern die Not des anderen zu fühlen in der Lage sind.

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)


Helga König

*vgl:Wikipedia
**Zitat: Wikipedia

Samstag, 29. Juli 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 30.7.2017

"Ein guter Mensch verbreitet eine Atmosphäre des Glücks, die allen zugute kommt, die um ihn sind." Paolo Mantegazza 

Dieses bemerkenswerte Zitat entdeckte ich heute Vormittag als ich nach Sentenzen von Mikis Theodorakis suchte. Der griechische Komponist, Schriftsteller und Politiker wird heute am 29.7. 2017 zweiundneunzig Jahre alt. 

Schaut man sich Youtube-Clips an, in denen Theodorakis zu sehen oder zu hören ist, versteht man sofort, was Paolo Mantegazza meint, und liest man bei Wikipedia die Kurzbiografie des griechischen Musikers und Politikers, weiß man, wozu ein guter Mensch fähig ist und warum ein solche Lichtgestalt eine Atmosphäre des Glücks noch im ganz hohen Alter verbreitet. 

Glück und Dankbarkeit bilden nicht selten eine Einheit. 

Doch wer war  Paolo Mantegazza?

Auch in seinem Fall habe ich mich bei Wikipedia kundig gemacht und erfahren, dass er zu einem Zeitpunkt geboren wurde, wo Goethe noch lebte, nämlich 1831. Der italienische Neurologe, Physiologe und Anthropologe sowie ein bedeutende Arzt und Bewusstseinsforscher publizierte nicht nur wissenschaftliche Texte, sondern auch Romane, die zu seinen Lebzeiten Bestseller waren. 

Wie man in der Kurzbiographie erfährt, war seine Mutter eine Philanthropin. Laura Solera Mantegazza galt einst als Mailands klügstes Mädchen. Die Tochter aus großbürgerlichem Haus gründete 1850 u.a. die erste Tageskrippe von der armen Bevölkerung. Die Scuola professionale femminile d'Italia, eine Art Berufsschule für junge Frauen, rief sie 1870 ins Leben und wurde damit zu einer Vorreiterin in der Frauenbildung. 

Wer eine Mutter hat, die sich dem Guten verpflichtet fühlt und sich dafür engagiert, erfährt schon sehr früh eine Atmosphäre des Glücks, die ihm zugute kommt und möchte diese in der Regel auch weitergeben. Bei anderen, die als Kind die Hölle erlebten, ist es mitunter die Sehnsucht nach Glück, die sie nach dem Wahren, Guten und Schönen streben und solange nicht ruhen lässt, bis sie einen Weg  dorthin gefunden haben, den sie dann auch anderen zugänglich machen wollen. 

Böse Menschen, es sind jene, denen es an Empathie mangelt, die sadistisch aggressiv sind und solche bei denen maligner Narzissmus vorherrscht, verbreiten, egal wo sie auftreten, sehr rasch eine Atmosphäre, die andere unglücklich macht. 

In einer solchen Umgebung fühlt man sich sehr unwohl und versucht dieser zu entfliehen. Unser Überlebensinstinkt hilft uns normalerweise dabei, unwirtliche Orte zu verlassen, die uns körperlich oder seelisch krank machen. 

Sehr widerständige, gute Menschen wie Mikis Theodorakis, Sophie Scholl, Nelson Mandela und so manch andere Vorbilder für Mitmenschlichkeit, versuchten und versuchen Orte des Bösen von der Heimsuchung zu befreien, oft unter Einsatz ihrer Gesundheit oder ihres Lebens.

"Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich", schreibt  André Gide. 

Gute Menschen g e b e n mit Vergnügen. Ein Mensch, der nur haben will, produziert immer Unglück und je mehr Macht eine solche Person hat, umso schlimmer wird es. 

Sich an guten Menschen ein Beispiel zu nehmen, gibt uns die Chance, eine Atmosphäre des Glücks zu gestalten. 

"Wer andere glücklich macht, wird glücklich."

 Helga König

Sonntag, 23. Juli 2017

Samstag, 15. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 16.7.2017

In meiner Kolumne in der vergangenen Woche habe ich mich mit den Krawallen in Hamburg anlässlich des G20 Gipfels befasst. Zwischenzeitlich ist in der deutschen Medienlandschaft viel über diese Ereignisse geredet und geschrieben worden. 

Um zu verstehen, weshalb der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach die Diskussionsrunde bei Maischberger empört verließ, habe ich mir den entsprechenden Clip jetzt mehrfach angeschaut. Verstanden habe ich sein Verhalten noch immer nicht. Begriffen habe ich auch das latent- sehr aufgebrachte Gebaren des CDU-Politikers Joachim Lenders nicht und empfand seine für jeden hörbare Bemerkung "Dummes Gesabbel" als beleidigend. Wieso hat Frau Maischberger hier den Diskussionsteilnehmer nicht abgemahnt? Das hätte man von ihr erwarten können.

Man muss nicht Jutta Ditfurths Position vertreten, wenn man ihr aufmerksam zuhört, um zu begreifen, weshalb nach ihrer Beobachtung es zu den gewaltsamen Ausschreitungen in Hamburg kam. Ditfurth kennt die Szene seit Jahren und beurteilt diese aus soziologischer Sicht. Hört man ihren Aussagen genau zu, so wird deutlich, dass die Gewalt sich offenbar schrittweise aufgebaut hat und vermutlich im Anfangsstadium zu wenig für die Deeskalation getan wurde. 

Dass einige Polizisten offenbar auch Journalisten, die über die Vorgänge vor Ort berichten wollten, tätlich angegriffen haben, zeugt von mangelnder Gelassenheit einzelner Polizisten und vor allem von einer Personalschulung, die diskutiert werden muss. Choleriker sollten nach meiner Ansicht bei solch sensiblen Einsätzen außen vor bleiben, weil das Eskalieren einer Situation dadurch vorprogrammiert ist. 

Schuldzuweisungen an die Politiker hörte man in der Runde ebenfalls. Sie kamen von dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges. Doch sein Ansatz löst das Problem nicht. Sofern hier jemand zu Rechenschaft gezogen werden muss, sind es die Randalierer, aber auch die Polizeiführung, die die Lage falsch eingeschätzt hat. Wenn Vermummte aus ganz Europa anrücken, um Randale zu machen und man das im Vorfeld weiß, muss man dafür sorgen, dass man die potenziellen Täter zuvor abfischt und ihnen das Recht verwehrt, an friedlichen Demonstrationen teil zu nehmen. Das gebieten kluge, präventive Maßnahmen.Wer Vermummungsutensilien und Eisenstangen im Gepäck hat, wird nachhause geschickt und so vor der eigenen Kriminalisierung geschützt.

80 Tausend friedliche Demonstranten wurden von etwa 1200 Randalierern in ihrem Recht, friedlich zu demonstrieren gestört. Vermummte aus ganz Europa marodierten brandschatzend tagelang durch Hamburg und schadeten nicht zuletzt den Bürgern dieser Stadt. Dass sich alle vernünftig denkenden Menschen von diesen Rechtsbrechern nachhaltig distanzieren, versteht sich von selbst, aber es steht auch außer Frage, dass nicht nur diese Rechtsbrecher, sondern auch Polizisten bei Amtsmissbrauch zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Mit dem Politiker Herrn van Aken teile ich die Meinung, dass man Gipfeltreffen an überschaubarere Orte verlegen sollte, allein schon um die Verkehrsnetze nicht über Gebühr zu belasten. Nicht alles ist dem Bürger zumutbar. 

Meinen Eindruck, dass Wolfgang Bosbach die Kritik Jutta Ditfurths am Verhalten übergriffiger Polizisten, die sie gegenüber Bosbachs Parteifreund Joachim Lenders (Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg) äußerte, spontan zum Schweigen bringen wollte, werde ich allerdings nicht los. 

Nach meiner Ansicht hätte Ditfurth sich viel klarer von den kriminellen Handlungen des Schwarzen Blocks und Lenders sich dezidierter von übergriffigem Verhalten von Polizisten distanzieren müssen. Das hätte das Diskussionsklima verbessert.

Wer deeskalieren möchte, auch bei zukünftigen Veranstaltungen, muss die Akteure beider Seiten der Barrikaden ganz genau unter die Lupe nehmen und darf sich keine Denkverbote auferlegen. Hier helfen nur schonungslose Analysen.

Frau Maischberger hat sich zwischenzeitlich bei Jutta Ditfurth in der FAZ dafür entschuldigt, dass sie die Soziologin aus der Sendung verweisen wollte, nachdem Wolfgang Bosbach den Raum verließ und damit den Fortgang der brisanten Diskussion aushebelte.

Was lief verkehrt in Hamburg? Die Frage wurde nicht ausreichend geklärt. Leider. Aber vielleicht war es genau das, was man in der Diskussion beobachten konnte. Zuhören und sich kultiviert zu verhalten, schadet nie. 

Helga König

Samstag, 8. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 8.7.2017

Die G20 Krawalle überschatteten die letzten Tage. Sie sind nicht nur das derzeitige Hauptthema in den Printmedien, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände in Hamburg entsetzen friedliebende Bürger, die solche Aufmärsche hierzulande nur aus Dokumentationen über SA-Kohorten in der NS-Zeit kennen. 

Was denken sich die Vermummten in der Hansestadt, wenn sie Autos ihnen unbekannter Personen anzünden, Läden plündern und mit Steinen werfen? 

Wenn ich die Bilder sehe, denke ich sofort an den 9. November 1938 und frage mich, wer sich unter der Maskerade von Kapuzen, Mützen und Sonnenbrillen verbirgt. 

Wikipedia schreibt "Kennzeichen von Schwarzen Blöcken auf Demonstrationen ist neben der Kleidung ein entschlossenes bis aggressives Auftreten. Zuweilen gingen Personen aus dem schwarzen Block offensiv gewalttätig gegen Polizei und politische Gegner vor,[7][8][9][10] errichteten Barrikaden, warfen Farbbeutel und beschädigten Geschäfte. Darüber hinaus wurden von Teilnehmern des Schwarzen Blocks auch Brandstiftungen an Fahrzeugen und Gebäuden verübt.[11][12][13][14][15] 

Die einheitliche schwarze Bekleidung und Gesichtsbedeckungen wie Kapuzen, Mützen, Sonnenbrillen und Tücher sollen die Demonstranten insbesondere vor der Erkennung durch Polizei, Staatsschutz oder politische Gegner wie Neonazis sowie vor Tränengas schützen. Früher wurden auch Motorradhelme, Gasmasken und Sturmhauben verwendet; in Deutschland stellt dies jedoch nach geltendem Recht seit Einführung des Vermummungsverbots 1985 einen Verstoß gegen das Versammlungsgesetz dar.“ *

Diese Umschreibung verdeutlicht, dass staatlichen Stellen nicht unbekannt ist, was man von der schwarzen Kohorte zu erwarten hat. Schaut man sich den Clip "Ein Hamburger Busfahrer und der Schwarze Block" an, wird klar, dass die Aggression, die von diesen Vermummten ausgeht, unberechenbar ist und Bedrohte oder Betroffene selbstverständlich in Angst und Schrecken versetzt. Deutlich wird aber auch, dass die angeblich politischen Motive kein Legitimationsgrund für den Vandalismus, das Brandschatzen und die Diebstähle sein können. 

Hier geht es um reine Zerstörungswut. Hier ist eine fatale Gruppendynamik enthemmter junger Männer im Spiel, mit denen man in Kontakt kommen muss, um ihnen bewusst zu machen, dass ihr Verhalten alles andere als konstruktiv ist. 

Der Neoliberalismus und seine Folgen werden nicht geringer, wenn man die Autos von Privatpersonen anzündet, Einzelhandelsgeschäfte plündert und ausraubt und ganze Straßenzüge verwüstet. Kein hungerndes Kind in Drittländern wird durch solche Aktionen satter. Das Einzige, was geschieht, ist,  dass man friedliebenden Demonstranten kein Gehör mehr schenkt, alle Protestler über einen Kamm schert und am Ende vielleicht sogar das Demonstrationsrecht einschränkt, weil die verursachten Sachschäden keiner mehr zahlen möchte. 

Die Demonstration "Grenzenlose Solidarität statt G20" am heutigen Samstag ist offenbar bislang friedlich verlaufen. Bleibt zu hoffen, dass Hamburg am heutigen Abend von dem Terror des Schwarzen Blocks verschont bleibt. 

Konstruktive Kritik benötigt keine Gewalt, um sich Gehör zu verschaffen. Konstruktive Kritik appelliert an die Vernunft und damit an die Fairness und je klüger sie dies tut, um so mehr Verbündete findet sie.

PS: Auch in der Nacht zum Sonntag kehrte auf den Straßen Hamburgs die Vernunft nicht ein, wie man den Nachrichten entnehmen kann. Die Randalierer scheinen noch sehr jung zu sein. Das wirft neue Fragen auf, die deren Eltern und Lehrer beantworten müssen.

Helga König

Samstag, 1. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 2.7.2017

Gestern endlich  wurde das umstrittene Gesetz gegen Hass und Verleumdung auf Internetplattformen verabschiedet. Wie zu erwarten, gibt es nun Proteststimmen, speziell natürlich von jenen, die als Trolle, Stalker und Mobber mit Fakeaccounts unterwegs sind, aber auch von Leuten, die ein sonderbares Verständnis von Freiheit haben, die grenzenlos, bekanntermaßen zu anarchischen Zuständen führt.

Von der Einschränkung der Meinungsfreiheit und von Zensur wird nun schwadroniert und bewusst übersehen, was sich auf einzelnen Plattformen mitunter tatsächlich abspielt und wie wenig geschützt arglose User vor Soziopathen dort tatsächlich sind.

Als persönlich Betroffene kann ich nur begrüßen, dass der Spuk mit den Mobbern nun Folgen für diese und die Betreiber der Plattformen hat, die das unbotmäßige Verhalten nicht unterbinden. 

Von 2009- 2014 erlebte ich auf Amazon Mobbing und Stalking von einer Fake-Account-Armee, die einen unglaublichen Cyberkrieg gegen mich führte, um mich aus den Top-Ten und schließlich aus den Top 100 zu vertreiben. Sobald ein Mitrezensent (m/w) gegen den Terror durch einen Kommentar Einspruch erhob, wurde er gnadenlos verfolgt und ebenfalls auf verletzendste Weise gemobbt.

Die Zustände waren pervers. Meine Versuche über die Polizei, die Staatsanwaltschaft und über einen Anwalt gegen die Schweinereien vorzugehen, fruchteten nicht. Man verwies mich an den Betreiber, der die Mobber nach vielen fehlgeschlagenen Eingriffen schließlich gewähren ließ.

Die hohe Aggressivität und die brachialen Niederträchtigkeiten der Mobber zeigten mir wie weit Menschen im Netz gehen können, wenn man sie lässt. 

Shitstorms im Hinblick auf Autoren und Journalisten sind mittlerweile vielen bekannt. Nicht grundlos werden Kommentarfunktionen eingeschränkt oder vollständig beseitigt, um Beleidigungen und Kränkungen zu verhindern.

Fakeaccounts können überall auf der Welt angesiedelt sein und sind nicht einfach aufzuspüren, haben Fachleute mir damals erklärt. Für die Betreiber der Plattformen ist es ein enormer Aufwand, all die Kränkungen zu löschen und auszuloten, wann gehandelt werden muss.

Anstelle die Täter zur Verantwortung zu ziehen, kann man natürlich auch die Opfer ausgrenzen, die werden aber dann zum Spielball der Täter mit entsprechenden Folgen.

Seit Jahren plädiere ich dafür, dass es Pflicht werden sollte, dass sich User von Internetplattformen, mit Namen und Bild zeigen müssen und jeder sich nur über eine einzige Nummer, eine Art Passnummer ins Netz einwählen kann. Diese Vorgehensweise würde viele Probleme minimieren, denn die Anonymität erst macht es möglich, dass Menschen, die sich nur aus Angst vor Strafe einbremsen lassen, wie tollwütig agieren.

Ich verstehe friedliche User, die das Internet ausschließlich privat nutzen nur zu gut, wenn sie sich zu ihrem Schutz vor Mobbern Nicknamen zugelegt haben. Doch ich denke, dies ist der falsche Weg.

Diese Vorgehensweise nämlich zeigt, dass die jetzt "Zensur" schreienden Rüpel, es geschafft haben, Menschen so sehr in eine Zwangslage zu treiben, dass diese sich wegducken, weil sie Furcht vor Verleumdung und Kränkung haben.

Die Meinungsfreiheit all der rechtschaffenen, eingeschüchterten User wird durch Mobber gnadenlos geplättet, wenn man ihnen nicht Einhalt gebietet.

Auf Facebook hat man die Gelegenheit, User zu blocken, sofern sie unverschämt werden. Dies ist eine sinnstiftende Maßnahme, die von den meisten sehr geschätzt wird. Ich bin dort mit  5000 Usern befreundet und habe im Laufe von 5 Jahren 11 User geblockt, zumeist wegen Spam.

Ein wenig anders schaut es bei Twitter aus. Dort ist die Anzahl der Rüpel höher, möglicherweise weil hier massiver mit Fakeaccounts agiert wird und das Blocken solcher Rüpel wenig nützt, da die Rüpeleien nur unter großen Schwierigkeiten gelöscht werden können.

Auf Amazon ist die Ursache für das Mobben in Gier, Neid und Missgunst begründet. Speziell Autoren wissen davon ein Lied zu singen. Dort wäre u.a. das Einfrieren der Diskussionsforen ein sinnstiftende Maßnahme.

Neben den gesetzlichen Veränderungen, die ich sehr begrüße, gibt es nur eine Möglichkeit das Netz zu befrieden und zwar selbst auf schmerzhafteste Provokationen nicht zu reagieren, um auf diese Weise die Akteure an die Wand laufen zu lassen. Dazu allerdings benötigt man ein "dickes Fell".

Eine meine  Twitter-Followerinnen kommentierte das Verhalten der Provokateure wie folgt:

"Mürbe machen, so lange bis der andere so reagiert wie beabsichtigt, um das dann zu nehmen als Beleg für die Richtigkeit dessen, was sie davor getan haben, ohne Anlass."

Mit diesen Worten hat sie sehr gut das Verhalten von Mobbern umschrieben.

Helga König

Samstag, 24. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 25.6.2017

"In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst." (Torsten Wirschum)

Der saarländische Autor Torsten Wirschum, einer meiner Twitter- und Facebook-Follower, erfreut sein Netzwerk mit sehr einfühlsamen Fotos, die er auf seinen Wanderungen durch unterschiedliche Regionen in Deutschland realisiert hat. Heute Morgen nun postete er eine Aufnahme von einem geheimnisvollen Waldweg und fügte den Satz hinzu "In den besten Momenten fühlt sich mein #Gehen an wie Ankommen bei mir selbst."

Diese Bemerkung macht neugierig. Man möchte Näheres über den Autor und Fotografen in Erfahrungen bringen, dem es offenbar um weit mehr geht, als um Bewegung in frischer Luft und das Ablichten dessen, was er während seiner Exkursionen sieht.

Macht man sich auf seinem Twitter- und Facebookprofil kundig, erfährt man, dass der Autor Blogger ist und dort ein "Wandertagebuch"  schreibt. Seine Texte überraschen, weil sie voller Poesie sind.

"Das grünlich schimmernde Licht auf den Blättern.
Das helle Gelb, dort, wo die Sonnenstrahlen sich im
Gras verfangen.
Das rotgoldene Licht des Spätnachmittags.
Gerüche:
Der Wald, die Erde.
Ich gehe gleichmäßig.
Im sanften Wind gehe ich, durch den schweigenden Wald.
Ich atme ein.
Ich atme aus.
Kurve folgt auf Kurve, Biegung auf Biegung."

Ein solches Gehen ist Meditation und lässt tatsächlich bei sich selbst ankommen. 

"Ich bin ohne Eile unterwegs
Es ist warm, der Himmel über mir leuchtet in einem sanften,
hellen Blau und das Gehen fühlt sich so angenehm an, als
würde ich barfuß über einen Blütenteppich dahinschreiten.
Es hat schon unbehaglichere Anfänge auf meinen Wanderungen gegeben.“

"Meine Gedanken kommen und gehen und ich versuche
nicht zwanghaft, sie festzuhalten. Kaum jemals sonst
bin ich mehr im Hier und Jetzt verwurzelt als bei einer
solchen halb ziellosen Bewegung auf einen noch fernen
Endpunkt zu, aber so etwas kommt von selbst oder es kommt
gar nicht.
Man kann es vielleicht auch so ausdrücken: Ich gehe nicht,
um etwas zu finden. Wenn überhaupt, dann finden die Dinge
mich."

Während ich diese Zeilen lese, denke ich an einen buddhistischen Mönch, denke aber auch an Goethe, Heine und all die anderen bewussten Wanderer vergangener Zeiten, die in wohlgesetzten Worten oder Bildern ihre Reiseeindrücke festgehalten haben, nicht zuletzt auch Albrecht Dürer, dessen nahezu lyrische Aquarelle offenbaren, was er auf seinen Reisen empfunden hat. 

Nur wenn man zu Fuß unterwegs ist und immer wieder bewusst innehält, schaut, bewundert und darauf achtet wie alles auf uns wirkt, lernen wir zu begreifen, wie sehr wir Teil der Natur sind und weshalb wir sie nicht mit Füßen treten dürfen. 

Torsten Wirschum hat eine gewisse Anzahl Romane über das Gehen auf seinem Blog aufgelistet, darunter auch die "Harzreise" von Heinrich Heine und Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg." Die Reflektionen dieser längst verstorbenen Schriftsteller verändern ganz gewiss den Blick beim Gehen.  

Worin unterscheidet sich das "Wandern" eigentlich vom "Gehen"? 

Wandern sei eine Form weiten Gehens von mehreren Stunden, liest man bei Wikipedia. Diese sachliche Definition führt weg von dem Vorurteil, das mit der typisch deutschen Wanderlust in Verbindung gebracht wird, die sehr weit entfernt vom meditativen Gehen angesiedelt ist.

"Gehen über mehrere Stunden als Ankommen bei sich selbst zu begreifen", bedeutet ganz gewiss alleine oder schweigsam zu zweit oder mehreren, sich alles andere als im Marschschritt zu bewegen, am besten entlang eines Flusses oder um einen See, vielleicht auch irgendwo am Meer oder dort, wo viel Grün zu sehen ist. Was man sieht, muss beruhigen, wenn Gehen zum meditativen Akt werden soll.

Landschaften so zu erfassen, wie sie gedacht sind und zu erspüren, was sie mit uns machen, ist möglicherweise das Geheimnis, das man erst beim stundenlangen Gehen lüften kann. 

"Die Sonne leuchtet die Landschaft bis in den allerletzten
Winkel aus. Alles wirkt plötzlich unglaublich weit und
ich bin mittendrin in dieser leuchtenden Weite."

Stundenlanges Gehen lässt möglicherweise die leuchtende Weite in uns begreifen, die Grundlage dafür ist, das sich innere äußere Bilder ergänzen. 

"Ich durchforsche nicht etwa bewusst die Katakomben meiner
Erinnerungen, die Bilder leuchten einfach auf hinter meiner Stirn wie Lichtbündel im Dunkel."

Das ist ein Einblick in die Poesie eines Menschen, der durch seine Art zu gehen, an jene erinnert, die vormals als Pilger unterwegs waren. Doch im Unterschied zu diesen Wanderern scheint bei Torsten Wirschum der Weg das Ziel zu sein.

Helga König

Zitate: Torsten Wirschum  von seinem Wandertagebuch

Sonntag, 11. Juni 2017

Helga König, Sonntagskolumne, 11.6.2017

"Ein Bild ist weit nützlicher als tausend Worte." (Aus China) 

Heute möchte ich mich im Rahmen meiner Sonntagskolumne mit Emojis befassen, die u.a. Twitter aber auch Facebook ihren Usern zur Verfügung stellt, um Sprach- und Gefühlsbarrieren zu überwinden. 

Jene Bildschriftzeichen, die Smileys und Personen zeigen, eignen sich sehr gut dazu, einen Gefühlszustand rasch zu vermitteln und dem Leser visuell zu verdeutlichen, welche momentane Stimmungslage einem Text, den man gerade gepostet hat, zugrunde liegt oder wie ein Kommentar, den wir erhalten haben, auf uns wirkt. 

Oft sagt ein lächelndes Gesicht oder dessen Gegenteil mehr als Worte und verhindert aufkommende Aggression, die sich in Zynismus, Vorwürfen, Beschimpfungen etc. in den Dialogen ausdrücken kann, sei es weil im virtuellen Gespräch Sätze missverstanden wurden oder ein Schreiber einfach nur einen schlechten Tag hatte.

Es sind nicht nur Gesichter, sondern auch Bildschriftzeichen für Hände, die man im Dialog sinnstiftend einsetzen kann, sondern auch Emojis, auf denen andere Gesten dargestellt werden, die für Lebendigkeit im virtuellen Gespräch sorgen und  Grundbedürfnisse nach Geborgenheit, Zuwendung und Verständnis virtuell vielleicht ein wenig befriedigen. 

Alle Welt spricht von sozialen Kompetenzen, die es zu kultivieren gilt. Freundlichkeit ist eine der wichtigsten Kompetenzen in diesem Bereich und unumgänglich für ein gutes Miteinander. Mangelnde Unterstützung und fehlender Zusammenhalt lassen Gemeinschaften aller Art zerbrechen. Ein positives Feedback ist nicht nur in den sozialen Medien wichtig, um dies zu verhindern. 

Deshalb verhält man sich keineswegs kindisch, wenn man ein Blümchen, ein Kleeblatt oder eine Sonne aber auch ein Herz an einen Text anfügt, um dadurch bei anderen uneigennützig Freude zu bewirken. 

Weibliche User gehen vielleicht etwas unbefangener mit den Emojis um. Möglicherweise hängt dies mit ihren Jungmädchen-Erfahrungen mit Poesiealbum-Bildern zusammen. Auch damit konnte man einst Freude bewirken und war glücklich, wenn dies gelang. 

Eine Kommunikation gilt dann als geglückt, wenn sie Freude zum Ergebnis hat, selbst nach hartem intellektuellen Ringen im Rahmen eines schwierigen Gesprächs. Das wird leider zu oft vergessen. 

Helga König

Sonntag, 4. Juni 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 4.6.2017

Ein Geist auf Zeit, der Zeitgeist. © Franz Friedrich Kovacs 

Heute am Pfingstsonntag möchte ich über den Geist auf Zeit, sprich den Zeitgeist nachdenken. Bei ihm handelt es sich um die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters. Wer schon etwas länger lebt, hatte Gelegenheit, immer neue Denk- und Fühlweisen kennenzulernen, die gesellschaftsübergreifend und auch in unterschiedlichen Generationen erkennbar, zu immer neuen Verhaltensmustern führten. 

Der Zeitgeist im Nationalsozialismus wird uns Nachgeborenen stets fremd bleiben und wir werden beim Reflektieren der Folgejahrzehnte feststellen, dass der Zeitgeist letztlich fast bis ins Jetzt hinein an unterschiedlichen Orten sehr verschieden ausfallen konnte, deutlich erkennbar in den Zeiten vor der Wende in Ost- und Westdeutschland. Erst das Internet hat den Zeitgeist tatsächlich globalisiert.

Zeigt sich der Zeitgeist aus längst abgelebten Zeiten abermals, kann er durchaus bei Ewig-Gestrigen noch Eindruck schinden, sorgt jedoch ansonsten zumeist nur für irritiertes Kopfschütteln. Dies ist keineswegs bloß in der Mode so, sondern auch in der Politik und vielen anderen Denk- und Handlungsbereichen von uns Menschen. 

Gestern twitterte ich "Unser Zeitgeist: Der Versuch, einem Gedanken nur 140 Zeichen Raum zu geben, heißt dem Barockenen abgeschworen zu haben." Peter Darth kommentierte "ohne Schnörkel" und brachte es auf den Punkt. 

Ja, wir leben in einer schnörkellosen Zeit, in der man bemüht ist, alles zu vereinfachen, um Freiräume zu schaffen für all das, was das Leben lebenswerter machen könnte. Wir unterwerfen uns keinen Modediktaten mehr und sind genervt, wenn uns Redner mit Reden ohne Inhalt die Zeit stehlen möchten. Auch wagen wir es nicht mehr, lange Briefe zu schreiben, denn wir wissen, dass der Zeitgeist dagegen steht und solche Elaborate ungelesen im Papierkorb landen. 

So nutzen wir die Zeit zu anderem. Wir entwickeln neuerdings vielleicht ungeahnte Freude beim Fotografieren, Malen, Zeichnen, bei kunsthandwerklichen Tätigkeiten, beim Gärtnern, Musizieren oder auch beim Verfassen von Gedichten und entziehen uns, den Sinn der Kreativität entdeckend, dem momentanen Zeitgeist, der alles Individuelle an uns abschleifen möchte, um uns zu suchtgesteuerten Lemmingen der Konsumgesellschaft zu machen. 

Dieser Zeitgeist, der den Narzissmus und Egoismus befördert hat, verabschiedet sich übrigens gerade. Man sieht den neuen Zeitgeist bereits am Horizont. Er ist auf  Gestalten, Teilen und Kollaborieren, auf Mitgefühl und Anteilnahme ausgerichtet. Er achtet auf die Individualität des Einzelnen, die durch das Sein und nicht mehr durch das Haben definiert wird. Gehen wir nun etwa dem Paradies entgegen?

Nein. Machen wir uns nichts vor, auch dieser Zeitgeist wird vergehen. Das entspricht seiner Natur, die Veränderung heißt. 

Fontane konstatierte einst, dass Veränderung das Los des Lebens sei und Machiavelli formulierte: "Eine Veränderung bewirkt stets eine weitere Veränderung." So tickt der Zeitgeist eben. Deshalb sollten wir uns nachstehenden Satz Dalai Lamas bewusst machen: 

"Da alles ständig im Wandel ist, kann nichts auf Dauer unverändert existieren." © Dalai Lama

Den Sinn all dessen können wir nur deuten.Vielleicht liegt er im inneren Wachstum begründet. Vielleicht ist es aber auch nur eine Spielerei des Universums...

Nehmen wir also hin, was nicht zu ändern ist: DIE VERÄNDERUNG und verändern das, was zu ändern ist: ein unschöner ZEITGEIST. 
  
Helga König

Samstag, 27. Mai 2017

Sonntagskolumne, Helga König, 28.5.2017

"Höflichkeit ist ein Merkmal eines zivilisierten Menschen." Unbekannt 

Zum Thema Höflichkeit findet man im Internet unzählige Zitate, die dem Leser verdeutlichen, dass Menschen sich schon seit vielen Jahrhunderten mit dieser Tugend befassen. Geprägt ist sie durch soziale Normen und Umgangsformen und äußerst sich nicht selten in rücksichtsvoller Distanz.

Historisch entwickelte sich die Höflichkeit im Prozess der Zivilisation (Norbert Elias) im spätmittelalterlichen Übergang zur Neuzeit, zunächst bei Hofe. Dort wurde die Rohheit und Gewalttätigkeit des Feudaladels zur höfischen Courtoisie des Hofadels gebändigt.* 

Wie verhält man sich, wenn ein Mensch sich unsäglich rüpelhaft gebärdet? Rügt man ihn? Oder sieht man besser über das unkultivierte Verhalten hinweg? Vermutlich hängt die Antwort von den jeweiligen Machtverhältnissen ab und auch davon, ob man es mit einem Psychopathen, Narzissten oder dergleichen zu tun hat, also mit einem Persönlichkeitsgestörten, der selbst die leiseste Kritik nicht vertragen kann und unberechenbar reagiert. Ist Schweigen dann ein Wegducken aus Furcht vor den Konsequenzen?  

In vormaligen Zeiten hatte nur ein Hofnarr das Privileg, Kritik zu üben. Den derzeit mächtigsten Mann der Welt "in den Senkel" zu stellen und ihn wachzurütteln, sich doch bitte mal zivilisiert zu verhalten, nicht zu Rempeln und den Pfau zu geben, empfehle ich keinem in dessen Dunstkreis, noch nicht einmal einem Hofnarren, denn selbst eingeschränkte Humorakzeptanz, bedarf gewisser Voraussetzungen. 

Duško Marković, der Premierminister von Montenegro verfügt übrigens über ein geradezu beeindruckend höfliches Verhalten, denn unbeeindruckt von der brachial wirkenden Geste Donald Trumps in Brüssel, sich einen Weg zu bahnen, blieb Markovic charmant. Montenegro, das sollte man wissen, ist Mitglied der Vereinten Nationen, der WTO, der OSZE und des Europarates. Zudem ist Montenegro Beitrittskandidat der Europäischen Union, nutzt den Euro als Währung und ist ab dem 5. Juni 2017 das 29. und jüngste Mitglied der NATO.**

Markovic war klar, dass die Rempelei nicht ihm persönlich galt. Vermutlich wäre es keinem anderen Premierminister, der Trump im Weg gestanden hätte, anders ergangen. Hätten alle so höflich und zuvorkommend reagiert wie der 59 jährige Jurist? Wir wissen es nicht. Markovic tat es spontan und augenscheinlich nicht aus Berechnung, wie man auf dem Clip, der in den sozialen Medien kursiert, erkennen kann. Das lässt ihn zu einem Sympathieträger aufgeklärter, europäischer Kultiviertheit werden.

Was treibt einen erwachsenen Menschen dazu, sich nicht um Contenance zu scheren und sein Umfeld immerfort zu brüskieren? Ein unhöflicher Mensch dokumentiert, dass er andere wenig achtet. Man findet dieses Phänomen nicht selten bei einem bestimmten Typus des Neureichen. Diesem Typus brennt die Sicherung aufgrund seines Geldes früher oder später durch. Die Folge ist, dass er mit den allseits bekannten Statussymbolen protzt und sich zum Despoten entwickelt, was für einen höflichen, gebildeten, dabei durchaus nicht unbegüterten Menschen undenkbar ist. Respekt und Zurückhaltung sind nicht grundlos Prinzipien der britischen Internatserziehung.  

An gewissen spektakulären Plätzen auf der Welt hat man Gelegenheit  das Verhalten von besagten Neureichen, denen Geld alles und Bildung kaum etwas wert ist, ausgiebig zu studieren. Schaut man sich die Kopfhaltung aller genauer an, so fällt stets der arrogant hochgerissene Kopf, das nicht selten vorgeschobene Kinn oder alternativ der motzige Gesichtsausdruck  als sehr unangenehm auf und man fragt sich, weshalb die Leute trotz ihres Geldes so wenig gelassen sind? 

Wenn im Elternhaus der Wert des Geldes höher bemessen wird als der der Bildung, besteht die Gefahr, dass die nächste Generation geistig unreif und "ungehobelt" bleibt und Geld die Personen je nach Menge bis zum Platzen aufbläst. Die Folge sind Arroganz und Hochmut als ein Zeichen von geringem Selbstwert. 

Jean Rostard schreibt, dass Arroganz das Selbstbewusstsein des Minderwertigkeitskomplexes sei. Das gibt zu denken. Um im Umfeld von wohlerzogenen Menschen unhöflich zu sein, bedarf es vor allem der Ignoranz und/ oder Arroganz. 

Wir wissen, dass sich Narzissten extrem rücksichtslos verhalten können. Sie verfügen über ein extrem mangelndes Selbstwertgefühl und haben eine starke Empfindlichkeit gegenüber Kritik. Ihr übertriebenes Selbstbewusstsein nach außen begeistert jene, die sie spiegeln und führt leider dazu, dass innerlich schwache Menschen Narzissten aufgrund des Pfauengehabes und der vermeintlichen Durchsetzungsfähigkeit (alles wegzurempeln oder alternativ wegzumobben) bewundern. 

Wer über Rücksichtnahme in Ellenbogengesellschaften sprechen möchte, sollte dies am besten mit einer Parkuhr tun. Sie antwortet vielleicht höflich…. 

Rüpeln und Rempeln sind Zeitgeistphänomene. Vielleicht hängt dies damit zusammen, dass im Neoliberalismus dem Geld mehr Wert als der Bildung beigemessen wird und nicht die Weisheitslehrer, sondern neureiche Milliardäre die eigentlichen Idole verkörpern.


Helga König