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Samstag, 18. November 2017

Sonntagskolumne Helga König: 19.11.2017

"Leute, die für alles Verständnis haben, bieten keinen Halt." 

Der Designer Wolfgang Joop, der dieses Wochenende seinen 73. Geburtstag feiert, ist der Verfasser des obigen Zitates, über das es sich lohnt, nachzudenken. Stimmt das, was er hier sagt? 

Wer für alles Verständnis hat und dieses auch zeigt, mag zwar dennoch vielleicht Grenzen formulieren, doch kaum einer hat mit Konsequenzen zu rechnen, wenn diese Grenzen übertreten werden, weil der Verständnisvolle stets eine Erklärung parat hält, wieso und warum, der andere die Grenzen überschritten hat und sich dann schwer tut mit eventuell notwendigen Sanktionen. Der Grenzüberschreiter (m/w) freut sich, wenn er bei allem noch getröstet wird und macht jenen, die sich korrekt verhalten, eine lange Nase. 

Bei Kindern ist offen gezeigtes Verständnis für Fehlverhalten besonders fatal, weil der Raum, mit dem sie konfrontiert werden, auf diese Weise endlos erscheint und sie keinen Halt mehr finden. So lernt das Kind nicht konsequent mit seinen Affekten und Begehrlichkeiten umzugehen, diszipliniert zu sein und grundlegende Kulturtechniken einzuüben. Das hat dann zumeist verheerende Folgen, nicht erst im späteren Leben. 

Wer Verständnis hat, sollte dieses nicht immer zeigen und zwar, um Dammbrüche bei denen zu verhindern, die sich aufgrund der verständnisvollen Haltung immer mehr herausnehmen. So entstehen beispielsweise kleine Tyrannen, die in Familien für viel Kummer sorgen und erst an Haltlosigkeit gewöhnt, auch später im Beruf und im gesellschaftlichen- sowie im Privatleben stets aufs Neue ausloten, ob sie auf Menschen stoßen, die für ihr immer ausgeprägteres egoistisches Verhalten exkulpierendes Verständnis aufbringen. 

Für jedes Verhalten, auch für jedes Fehlverhalten gibt es Gründe und je mehr man sich mit Psychologie befasst, umso klarer wird, wieso ein Mensch sich in irgendeiner Weise verhält bzw. fehlverhält. Verstehen bedeutet aber noch lange nicht, entschuldigendes Verständnis aufzubringen. 

Bewusst muss uns sein, dass Verständnis nicht dazu führen kann, Haltlosigkeit zu forcieren, denn auf diese Weise entwickeln sich nicht nur kleine Tyrannen, sondern später dann auch Psychopathen und Verbrecher. 

Das Verständnis wird, wenn man in dessen Folge alles zulässt, vom Haltlosen (m/w) als innere Schwäche interpretiert. Der Haltlose (m/w) lebt einerseits, wo er nur kann, seine Haltlosigkeit aus, sucht aber zugleich verzweifelt nach Halt und gerät nicht selten an dubiose Menschen, die ihm das vermitteln, was ihm als Kind und auch späterhin verwehrt wurde: Glasklare Grenzen. 

Spieler wissen das ebenso, wie Haltlose, die in Sekten oder mafiöse wie auch rechtsradikale Kreise geraten sind. 

Speziell die Verantwortungslosigkeit eines Menschen hat ihren Ursprung leider allzu oft in zu viel gezeigtem Verständnis eines Erziehungsberechtigten in jungen Jahren. Im Grunde spiegelt der Verantwortungslose die Verantwortungslosigkeit des Erziehungsberechtigten, die darin besteht, keinen Halt gegeben zu haben. 

Um einer aufrichtiger, gradliniger Mensch zu werden, benötigt ein Mensch als Kind Vorbilder und er benötigt vor allem Halt, um neugierig  seinen Raum zu erkunden und ihn ethisch zu definieren.

Der Philosoph Kant sagte "Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt". Genau das muss jeder Mensch neu erlernen. Hat er dies begriffen, hat er seinen Raum ethisch definiert und  damit die Grundlage für ein positives Miteinander geschaffen.

Helga König

Sonntag, 12. November 2017

Sonntagskolumne Helga König, 12.11.2017

Dieser Tage schrieb ich einen Tweet mit folgendem Inhalt: "Was mich derzeit besonders interessiert: Wie entstehen emotionale Abhängigkeiten und wie kann man gefühlskalten, berechnenden Menschen rechtzeitig das Handwerk legen?"

Dieser Tweet wurde erstaunlich oft gelesen, wie die Anzahl der Impressionen erkennen lässt. Das Thema emotionaler Hörigkeit scheint demnach zu bewegen. 

Eine der Userinnen postete als Antwort einen Clip, der das Verhalten von Narzissten näher erläutert, offenbar als Hilfsinstrument, um besagten Menschen das Handwerk zu legen. Emotionale Hörigkeit bedarf aber eines Psychopathen als Täter. Narzissten sind in der Regel nicht ausreichend machtbesessen. Oft genug sind gerade sie Opfer von Psychopathen.

Fest steht, es gibt Menschen, die andere in Abhängigkeit bringen wollen, um sie zu dominieren und dabei Strategien anwenden, mittels denen ihr Ansinnen zumeist auch gelingt. Einem Text der Autorin Barbara Barasinger entnahm ich, dass die Wirkmechanismen bei Hörigkeit darauf basieren, dass der Betroffene nie genau weiß, wann sein Gegenüber auf ein Verhalten positiv reagiert und wann es auf dasselbe Verhalten schlagartig negativ antwortet. Aufmerksamkeit und Zuneigung kommen und gehen offenbar wie sie wollen. Mitunter wirkten die Täter so als ob sie von Liebe restlos entflammt wären, doch im nächsten Moment seien sie kühl, unnahbar und distanziert. 

Damit umzugehen fällt vermutlich allen schwer. Menschen mit ausreichendem Selbstwertgefühl kappen solche Beziehungen früher oder später, - in Familien oder im Beruf ist dies leider nicht so leicht möglich- um sich dem demütigenden Verhalten, das auf diese Weise entstehen kann, zu entziehen. 

Wer darauf wartet, dass der Täter (m/w)  mit dem miesen Verhalten irgendwann aufhört, wartet vergeblich, denn das Emotionen anderer ausrechnende, für sich vorteilhafte Agieren ist ein Teil seines Persönlichkeitsmusters. Wenn das emotionale Verwirrspiel auf unsichere Personen trifft, die sich selbst nicht akzeptieren und die zur Unterwerfung neigen, so Barasinger, dann setzt die destruktive Wirkung vollständig ein. 

Der Psychopath Hitler hatte einen Großteil der Deutschen so sehr hörig gemacht, dass sie den totalen Krieg bejahten und mit ihm ihren Untergang. 

In manchen Firmen werden Verwirrspiele gepaart mit Intransparenz eingesetzt, um Mitarbeiter oder Kunden zu dominieren und dies gelingt sogar erstaunlich erfolgreich. 

Menschen, die Hörigkeit, d.h. emotionale Abhängigkeit erzeugen wollen, versuchen bei ihren Opfern psychisches Unbehagen auszulösen, indem sie mit der Zuwendung spielen. Das Opfer wird im Unklaren gelassen über die Gründe der Launenhaftigkeit des Akteurs und versucht es dem Energievampir immer intensiver Recht zu machen, um dessen Akzeptanz zu erhalten und seine Ablehnung nicht aushalten zu müssen. 

Emotionale Hörigkeit kann,  wenn sie längere Zeit besteht, die Persönlichkeit vollständig verändern. Deutlich wird dies in Sekten. Wenn Hörigkeit seelisch nicht mehr zu ertragen ist, kann sie sogar zum Tod führen, nicht nur durch Suizid, sondern auch aufgrund körperlicher Krankheit als Ergebnis von Seelenqual.

Es geht letztlich um den freien Willen, der gebrochen werden soll. Der Hörige wird zum Werkzeug des Täters gemacht. Die Täter (m/w), so meine immer wiederkehrenden Beobachtungen, sind  häufig sehr faul, delegieren mit Vorliebe und  sind immer selbstsüchtig, kaschieren dies aber geschickt und bringen ihre Opfer durch Zuneigungsentzug dazu, für sie den "Zwangsarbeiter" zu geben. Das Muster ist immer das Gleiche, in Familien, in Firmen, in Vereinen, in der Politik. Dabei erstaunt mich mittlerweile nicht mehr, dass sehr gute Ausbildungen und hohe Intelligenz der Opfer  als Hemmschuh keine Rolle spielen im "Unterwerfungsspiel" von oftmals mittelmäßigen, gefühlskalten Zeitgenossen.  

Wie kann man gefühlskalten, berechnenden Menschen rechtzeitig das Handwerk legen? NEIN sagen, ohne Wenn und Aber, einen anderen Weg gibt es nicht. Das NEIN-Sagen  fällt allerdings leichter, wenn man sein Selbstwertgefühl kultiviert.

Helga König

Sonntag, 5. November 2017

Sonntagskolumne Helga König, 5.11. 2017

"Ein habgieriger Mensch hat nie genug an dem, was ihm beschieden ist, und kann vor lauter Geiz nicht gedeihen"
Quelle: Altes Testament. Das Buch Jesus Sirach (#Sir 14,9)  

Den Grad an Habgier eines Menschen kann man an seinem Geiz bemessen, der sich beispielsweise in mangelnder Gastlichkeit sehr rasch offenbart. So sollte man auf keinen Fall mit Menschen eine Geschäftsbeziehung beginnen, die beim ersten Gespräch es noch nicht mal für nötig befinden, ein Glas Wasser oder einen Kaffee anzubieten. In einem solchen Fall ist es sehr wahrscheinlich, dass man bei zukünftigen Geschäften über den Tisch gezogen wird, weil der Geschäftspartner in seinen Geschäften die Habgier dann rücksichtslos auslebt. Seine Charaktereigenschaft "Geiz" bestimmt sein Habsuchtshandeln und lässt ihn als  Mensch im Herzen immer kleiner und hässlicher werden.

Geiz wird im Gegensatz zu Sparsamkeit nicht anerzogen, sondern scheint genetisch verankert zu sein. Es gibt Familien, die seit Generationen wegen dieser Untugend verschrien sind und über die nicht selten zahllose, wenig rühmliche Anekdoten erzählt werden. Großzügige Menschen belächeln den Kleinmut, der in diesen Anekdoten  thematisiert wird.

Sparsamkeit und Geiz sollte man nicht verwechseln, denn der Geizige spart nicht aus Vorsorge. Der Geizige lebt generell vom Nehmen und will auf keinen Fall anderen etwas von sich und dem, was er hat, abgeben. Kurzum der Geizige will vor allem alles umsonst und davon viel, um seinen Geiz zu befriedigen. 

Geizige Menschen geizen auch mit Gefühlen, erscheinen kalt, unangenehm abweisend, gönnen dem anderen noch nicht einmal ein freundliches Wort. Ein geiziger Mensch geizt zudem mit vielen anderen sozialen Gaben und lässt seine Mitmenschen eher verhungern, als dass er von seinen Vorräten etwas abgibt, selbst wenn diese Vorräte viele Kornkammern umfassen.

Die Ablehnung von Nothilfe beispielsweise für Flüchtlinge ist genau diesem Laster geschuldet. Menschen, die christlichen Werten wie Barmherzigkeit verbunden sind, entscheiden sich bei Flüchtlingswellen problemlos fürs Geben, um in der Not zu helfen. Geizige versuchen aus der Not anderer ein Geschäft zu machen. Diese Menschen nehmen Elend und Not um sich herum nicht wahr, weil ihr Geiz dies nicht zulässt. Sie behaupten zumeist, die Opfer seien selbst schuld an ihrer Lage und hätten kein Recht weiter zu leben, wenn sie ihre Probleme nicht ohne Hilfe lösen können. Ihr Geiz lässt Mitmenschlichkeit keine Chance und ihre Ausreden sind grenzenlos, wenn es darum geht, sich human zu verhalten. 

Ein Geiziger gibt nur unter der Prämisse ein Vielfaches wiederzubekommen, ansonsten erstickt er lieber an seiner Habe, als etwas abzugeben. Wer einen Geizigen betrügen will, muss ihm einen hohen Vorteil versprechen, denn sein Vorteilsdenken ist bei Weitem größer als seine Skepsis. 

Verschwender gieren zwar auch stets nach Mitteln, nicht aber um diese zu horten, sondern wohl eher, um damit den Krösus zu geben. Der Geizige verschwendet nichts, zumindest nicht an Dritte oder für Dritte sichtbar. 

Der Geizhals fühlt sich am wohlsten in der Rolle der unauffälligen, grauen Maus, der man die Gier nicht sofort ansieht, denn mit dieser Tarnung lässt sich einfacher zugreifen und zudem seinen Geiz  glaubhafter als notwendige Sparsamkeit tarnen.

Weil Geiz keine Krankheit, sondern eine Charaktereigenschaft ist, gilt: 

"Ein Geizhals ist auch mit Geld nicht heilbar."(Erhard Horst Bellermann)

Wer je einem Geizhals (m/w) begegnet ist, hat bluten müssen, denn Geizhälse sind die wahren Vampire in dieser Welt. Das sollte jeder wissen.

Geiz ist nicht geil, sondern ist eine der miesesten Charaktereigenschaften, die ein Mensch haben kann. Abtörnend ohne Ende.

Helga König

Samstag, 28. Oktober 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 29.10.2017

"Die Tochter des Neides ist die Verleumdung." Giacomo Girolamo Casanova (1725 – 1798) 

Dieser Tage hat #Anja_Reschke in der Sendung Panorama im Ersten Programm über den Fall des Moderators und Journalisten #Jörg_Kachelmann berichtet, der von einer ehemaligen Geliebten 2010 massiv verleumdet wurde, deshalb monatelang in Untersuchungshaft saß und auf diese Weise seine Reputation verlor. Dieser Verlust führte zu einem extremen Karriereknick. 

Unmittelbar nach der Sendung twitterte ich spontan: "Sehr guter Beitrag im NDR zu #Kachelmann. Er war zu sympathisch. Das wurde ihm zum Verhängnis. Rufmord ist typisch in einem solchen Fall." 

Kachelmann war zum Zeitpunkt der für ihn tragischen Ereignisse im Jahre 2010 unglaublich erfolgreich und wegen seines lockeren, sehr sympathischen Auftretens ein typischer Frauenliebling. Männer dieser Art- es gibt nicht so viele davon- sind zumeist Zielscheibe von neidischen Geschlechtsgenossen, die immerfort nach Gründen Ausschau halten, um dem umschwärmten, charmanten Alphamann beruflich oder privat ein Bein zu stellen bzw. ihm gänzlich den Garaus zu machen. 

Die Story, die die ehemalige Geliebte damals der Polizei und später dem Gericht auftischte, war so durchsichtig und absurd, dass ich mich 2010 bereits wunderte, dass man dieser Person überhaupt Glauben geschenkt hat. 

Geärgert habe ich mich über jene Feministinnen, die den Fall dazu nutzen, ihre Vorurteile gegen Männer medienwirksam auszuleben, anstelle ihren Kopf zu gebrauchen, um zu hinterfragen, was hier eigentlich passieren sollte und dann tatsächlich auch geschehen ist: Hier wurde jemand kaltgestellt. Jörg Kachelmann hieß das Opfer, das durch die Medien getrieben und fertiggemacht wurde.

Kachelmann, ein Seiteneinsteiger in der Meteorologenbranche wird sicherlich Neider ohne Ende gehabt haben als er am Zenit seines Erfolgs stand. Dabei wird sein kometenhafter Aufstieg seine Konkurrenz aus promovierten Kreisen gewiss dazu veranlasst haben, eifrig die Messer zu wetzen.  Das übliche Procedere... Bleibt zu hoffen, dass nicht eines dieser Messer es war, mittels dem sich die ehemalige Geliebte zwecks Kachelmanns Rufschädigung Kratzer an ihrem Hals anbrachte. 

Zu meinen Erfahrungen zählt, dass fast alle Menschen bestechlich sind und dass selten etwas aus Hass, zumeist Niederträchtiges aufgrund von Vorteilsdenken geschieht. 

"Die Tochter des Neides ist die Verleumdung". Genau das ist der Punkt, weshalb Jörg Kachelmann, trotz seines Freispruchs und trotz der Tatsache, dass die ehemalige Geliebte nachgewiesenermaßen gelogen hat*, noch immer nicht vollständig in der Gesellschaft rehabilitiert ist, wie man Kommentaren im Netz und Umfragen in der Panorama-Reportage entnehmen kann. 

Inwieweit Neid- und Gierhälse im Hintergrund noch immer ihr Süppchen auf der Verleumdung der ehemaligen Geliebten kochen und Kachelmann auf diese Weise eine 2. Chance verwehren möchten, wäre spannend zu erfahren.

Meine ungebrochene Sympathie gilt dem Freigeist #Jörg_Kachelmann, dem viele übel mitgespielt  haben, aufgrund der Falschaussage einer Frau, die nicht nur ihm, sondern all den Geschlechtsgenossinnen, die tatsächlich Opfer eine Vergewaltigung wurden, gewaltig geschadet hat. 


Helga König

Samstag, 21. Oktober 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 22.10. 2017

"Der Mangel an geistigem Lebensgehalt bedingt den Mangel an Humanität." Joseph Roth 

Diesen Satz twitterte vor einigen Tagen der Autor #Raimund_Schöll. Die Sentenz stammt von dem österreichischen Schriftsteller #Joseph_Roth (1894-1939), der während des 1. Weltkrieges erste Gedichte und feuilletonistische Arbeiten veröffentlichte und anschließend für Zeitungen in Wien, Prag und Berlin tätig war. Nach 1933 emigrierte der Schriftsteller nach Frankreich und engagierte sich dort gegen den Nationalsozialismus.  Ob das Zitat aus einem seiner Bücher stammt oder ob es ein Satz aus einer seiner Kolumnen ist, ist mir nicht bekannt, doch gewiss scheint mir zu sein, dass er damit den Prototyp des Nazis im Fokus hatte und insofern auch dessen legendäre Unmenschlichkeit. 

Dass ein geistiger Lebensgehalt -hierzu gehört eine kritische Haltung zum eigenen Denken und Tun- dazu beiträgt, allein schon aus Vernunftgründen mitmenschlich zu handeln, davon bin ich überzeugt.  Allerdings meine ich, dass es in erster Linie die #Herzensbildung ist, die uns davon abhält, inhuman zu handeln, sogar selbst dann, wenn viele um uns herum sich abgründiger Grausamkeiten aus ideologischen Gründen verschrieben haben, so wie dies im Nazi-Deutschland einst der Fall war. 

Herzensbildung setzt voraus, dass man seinem Ego und dessen Habenwollen einen nicht allzu großen Raum zubilligt, sich immer und immer wieder im Verzicht zugunsten anderer übt, ohne dadurch in Wut zu geraten. Das ist vielleicht eine der schwersten Übungen, weil sie Selbstüberwindung voraussetzt und diese zugleich zum Ziel hat. 

Herzensbildung bedingt, dass man offen auf andere zugeht, seine Vorurteile hinterfragt, Menschen wohlwollend beobachtet, ihnen zuhört, mit ihnen spricht, um zu erkennen, dass sie- egal, wo auf Erden und in welchen Verhältnissen sie geboren worden sind-, genau wie wir fühlen, genau wie wir Zuspruch und Anerkennung als fühlender Mensch benötigen und in Not natürlich unsere Hilfe erhalten sollten. 

Herzensbildung wird gefördert durch die Kultivierung eines ehrlichen, freundlichen Wesens. Wer jeden Tag ein gutes Wort für einen ihm nicht bekannten Menschen, von dem er weder Vor- noch Nachteile zu erwarten hat, bereithält, ist dabei seine Herzensbildung zu vergrößern und spürt  zugleich wie er innerlich aufhellt. 

Ein Mensch ohne Herzensbildung empfindet weder Sorgen, Leid noch Schmerz anderer, da er den anderen nicht wahrnimmt. Das ist der Fluch des Egokosmos.

Dem Herzensungebildeten  sind seine Mitmenschen gleichgültig, sofern er keinen Vorteil von ihnen zu erwarten hat. Anstelle zu lächeln oder zu lachen, können solche Menschen nur dem Lächeln ähnelnde Grimassen ziehen (und zwar nur dann, wenn sie etwas haben wollen), ansonsten ist der Gesichtsausdruck stets abweisend und blasiert. 

Die Nazis im Hitlerdeutschland waren das Paradebeispiel für einen extremen Mangel an Herzensbildung. Anstelle eines weichen Herzens lebten sie ihre geisteskranke Herrenmenschideologie aus, die ihnen die Legitimation verschaffte, andere niederzutrampeln, sie zu berauben, zu foltern oder zu töten. 

Herzenbildung schützt davor, inhuman zu werden, deshalb sollten Eltern und Erziehende alles dafür tun, damit das weiche Kinderherz nicht von Jahr zu Jahr mehr verhärtet. Wer seinem Kind Aufmerksamkeit und viel Zärtlichkeit schenkt, es vor allem nicht verrät, der muss sich um die humanistische Entwicklung seines Nachwuchses keine Sorgen machen. 

Der Mangel an Herzensbildung im Neoliberalismus hat Menschen besonders in Drittländern unsägliches Leid gebracht. Der Rassismus der Rechtsradikalen im Hier und Jetzt deutet auf ein  Wiederaufflammen der Nazi-Herrenmensch-Ideologie hin, die Ursache für 80 Millionen Tote  im 2. Weltkrieg war.  Das sollte nachdenklich stimmen.

Ein ungebildetes Herz ist anfällig für Größenwahn und Niedertracht. Das hat die Geschichte gezeigt.


Helga König

Samstag, 7. Oktober 2017

Sonntagskolumne Helga König, 8.10.2017

"Manche Leute altern, andere reifen." Sean Connery 

Als ich vorhin einen Clip mit einem Song der heute 73 jährigen Françoise Hardy twitterte, fielen mir wieder die Worte des Schauspielers Sean Connery ein: "Manche Leute altern, andere reifen". 

Dieser Satz trifft selbstverständlich auf Frauen wie Männer gleichermaßen zu. 

Die wunderschöne Françoise Hardy ist ein Beispiel dafür, was es bedeutet, einen erkennbar guten Reifeprozess durchlaufen zu haben und auch die 80 jährige hochattraktive Vanessa Redgrave strahlt diese innere Schönheit aus, die das Ergebnis eines solchen Reifeprozesses ist. 

Bei korrupten Politikern oder jenen mit extremem Machtanspruch wird mit den Jahren aus deren Gesicht eine böse Fratze. Beispiele dieser Art gibt es genug. Das Innenleben will sich nun endlich zeigen und tut es auch ohne Scham. 

Sind die Bilder schlecht ausgeleuchtet, sieht man ab einem gewissen Alter durchzechte Nächte, sexuelle Ausschweifung, maßlose Gier in vielen Belangen, auch Niedertracht und anderes mehr, ahnt dass diese Menschen ein Leben führten und führen, das wenig Raum für Reifung zulässt. 

Reifeprozesse machen erforderlich, dass man immer wieder innehält, sich zurückzieht, in Klausur geht, sein Denken und Tun hinterfragt, Lebensenergien nicht sinnlos vergeudet, weil man ständig auf der Flucht vor sich selbst ist und sich zwanghaft ablenken muss.

Reifeprozesse führen vom Ego fort, hin zur Gemeinschaft, hin zu humanitärem Engagement, hin zu immer mehr Herzensbildung. 

Reifung heißt reicher an Erkenntnis  zu werden und  dabei stets gütiger. 

Altern im Gegensatz zum Reifen bedeutet letztlich engstirnig oder gar völlig verbohrt zu werden, auch unangemessenes Verhalten an den Tag zu legen, sich unter Umständen geradezu kindisch zu verhalten, während sich das Antlitz immer mehr verfaltet. 

Das Hinterherlaufen einer Zeit, die schon lange abgelaufen ist, kennt man von alten Männern, die  in Drittländern  nach jungen Liebhaberinnen Ausschau halten und  zu diesem Zwecke wie besessen Viagra schlucken aber auch von Frauen, die sich liften lassen, um ihr gelebtes Leben zu verbergen und kaum Zeit finden über das ihnen noch verbleibende nachzudenken. 

Wer reift, ängstigt sich im fortlaufenden Reifeprozess nicht vor dem Tod, der früher oder später jeden ereilt. Wer stattdessen unreflektiert altert, dem steht die Hölle bevor, je älter er wird.  Mir sind solche hochbetagten Menschen begegnet, die immerfort vor sich und ihren Schandtaten weggelaufen sind. Reifer hat sie das nicht gemacht. Gestorben sind sie einsam. 

Helga König

Samstag, 30. September 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 1.10.2017

Gestern verlinkte ich einen Tweet des offiziellen Accounts von #Auschwitz_Memorial. In diesem Tweet wird an die Gräueltaten der Nazis vom 29/30. September 1941 erinnert. Unter der Verantwortung des Heeres der Deutschen Wehrmacht wurden in #Babyn_Yar in einer Schlucht auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew 33. 771 Juden  grausamst ermordet. Besagter Massenmord an der jüdischen Bevölkerung geschah, nachdem die 6. Armee und die Einsatzgruppe C der SS in Kiew einmarschiert waren. Bei der Durchführung des Holocaust in Russland spielte die Ordnungspolizei eine ebenso wichtige Rolle wie die Einsatztruppen und die SS, weiß man spätestens seit Daniel Goldhagens Buch "Hitlers willige Vollstrecker". 

Dabei nahm die Beteiligung der Polizeibataillone an den großangelegten Mordeinsätzen im Rahmen des Völkermordes am 22.6.1941 mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion seinen Anfang. Die Einsatztruppen ermordeten in den eroberten sowjetischen Gebieten weit mehr als 1 Million Juden. Die Polizeibataillone, die zum größten Teil aus Reservisten bestanden, trugen maßgeblich zu diesem Massaker bei. Das sei hier nochmals betont.* 

Wie grausam dieses Morden sich gestaltete, belegt Goldhagen an vielen Beispielen, so auch an einem Blutbad in der Stadt Bialstok, das hohe symbolische Bedeutung gewinnen sollte. Nachdem die Schergen der Nazis die Juden unsäglich gedemütigt hatten, trieben sie diese in eine riesige Synagoge, verteilten Benzin rund um die Gebäude, warfen einen Sprengkörper durch das Fenster, um den Holocaust zu entzünden. 700 Juden starben auf dies Weise einen qualvollen Tod.*

Überall in Europa geschahen solch unsägliche Verbrechen an der Menschlichkeit im Auftrag der Nazis. Jugoslawien und Griechenland wurden 1941 überfallen und auch dort wurden seitens der Deutschen die Juden verfolgt. Bilddokumentationen im Ausstellungskatalog "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" empfehle ich allen, die großmäulig fordern, man möge stolz auf die Leistungen der Deutschen Wehrmacht im 1. und 2. Weltkrieg sein und an anderer Stelle sogar posaunen, man möge endlich die NS-Vergangenheit nicht mehr zum Thema machen. 

In besagtem Ausstellungskatalog  des Hamburger Instituts für Sozialforschung kann man sich davon überzeugen, wie sehr Wehrmachtsangehörige in die Massaker während des 2. Weltkrieges  verwickelt waren. 

So sprengte in #Babij_Yar eine Pioniereinheit der Wehrmacht die Ränder der Todes-Schlucht ab und planierte das Massengrab. Es waren Uniformierte, die in den Habseligkeiten der Ermordeten wühlten. Es waren Reservisten, die diese leid-geplagten 33. 771 Menschen ermordeten.** 

Ohne Kriegerklärung fielen deutsche Wehrmachtstruppen 1941 in Russland ein. Allein in Weißrussland verloren 2,2 Millionen Zivilisten durch die deutsche Wehrmacht ihr Leben.** 

Wer hier Stolz einfordert, kann selbst nur ein Nazi sein. 

Ein weiteres Kriegsverbrechen der deutschen Wehrmacht, das immer wieder thematisiert werden muss, ist der Umgang mit sowjetischen Kriegsgefangenen. Von insgesamt 5,7 Millionen verloren 3,3 Millionen ihr Leben. 

Während der "Leningrader Blockade" am 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 verloren 1,1 Millionen Zivilisten ihr Leben, weil die deutsche Wehrmacht diese Menschen verhungern ließ.*** 

Über die Kriegsverbrechen in der Nazi-Zeit gibt es endlos zu berichten, zu berichten gibt es aber auch viel über den unsäglichen Gifteinsatz im 1. Weltkrieg. Damit werde ich mich in einer weiteren Sonntagskolumne demnächst befassen.

Als Pazifistin empfinde ich es als unerträglich, wenn ein Mensch den Begriff "Stolz" in Verbindung mit Soldaten oder Kriegshandlungen nennt und noch unerträglicher, wenn die Kriegsverbrechen der Nazis unter den Teppich gekehrt werden sollen.

Der Zweck ist natürlich klar, man glaubt so ungestörter rechtsradikale Reden halten zu können, ohne an Folgen erinnert zu werden. Daraus wird aber nichts werden, solange wir in einer Demokratie leben. Die Grundwerte der Demokratie erfolgreich zu schützen, genau darum geht es.  Das sind wir nicht nur den Mitgliedern der "Weißen Rose" schuldig.

Helga König

*vgl: Daniel Jonah Goldhagen "Hitlers willige Helfer"
**vgl.: Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944  
*** vgl.Wikipedia- Leningrader Blockade

Samstag, 23. September 2017

Sonntagskolumne Helga König: 24.9.2017

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen.  Wie heißt der neue Hitler in wenigen Jahren?

Vor mehr als zwei Jahrzehnten las ich ein Buch über latenten Faschismus in unserem Lande. Als ich mit Bekannten über das Thema sprechen wollte, winkte man desinteressiert ab. Für sie war Faschismus eine Angelegenheit, die dem Gestern angehörte. Damals auch rief ich in einer örtlichen Zeitung zum Besuch der Wehrmachtsausstellung in der Paulskirche in Frankfurt auf, um sich auf diese Weise die Gräuel, die durch deutsche Soldaten in Russland verursacht wurden, bewusst zu machen. Durch diese Ausstellung und durch Daniel Goldhagens 1996 erschienenem Buch "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" wurde mir bewusst, worin der latente Faschismus hierzulande begründet war: Im Verschweigen eigener Schuld und im nicht Aufarbeiten der perversen Vergangenheit. 

Mein Aufruf zum Besuch der Ausstellung in der Paulskirche führte zu unglaublichen Beschimpfungen am Telefon seitens mir bis dahin fremden Menschen. In Diskussionen mit akademisch ausgebildeten Leuten meines Alters über die Wehrmachtsausstellung wurde mir klar, dass vielen nicht bewusst war, wie infiziert das deutsche Volk von der Nazi-Idee  einst war und dass sich die meisten nicht vorstellen konnten, dass ihre Väter zu solchen Gräueltaten wie die Menschen sie durch die Deutschen in ganz Europa erleiden mussten, fähig waren. 

Eine Lehrerin, deren Vater SS-Offizier war, flippte geradezu aus als ich sie fragte, ob sie glaube, dass ihr Vater sich in Leningrad keiner Verbrechen schuldig gemacht habe. Das Bild von der unschuldigen Wehrmacht durfte nicht hinterfragt werden. Die rund 80 Millionen Toten aufgrund von Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen wurden zwanghaft unter den Teppich gekehrt. So blieb die Nazi-Ideologie wie alter Staub in unserem Land hängen, um nun neu hochgewirbelt, sich anzuschicken, einen Rechtsruck in der politischen Landschaft zu bewirken. 

Wie werden Menschen so brutal wie zu Nazi-Zeiten? Durch eine Erziehung wie sie in der Erziehungsfibel der Nazi-Autorin Johanna Harrer beschrieben worden ist und durch eine entsprechende faschistische Ideologie. Dazu aber gehört auch die Duldung  der Brutalität seitens einer Vielzahl von Bürgern eines Landes, die aus Angst, es könnten ihnen Nachteile entstehen, solche Strömungen nicht rechtzeitig eindämmen. 

1928 hat sich noch keiner in der Weimarer Republik vorstellen können, dass 17 Jahre später 6 Millionen Juden qualvoll den Tod erleiden und Andersdenkende außer Landes flüchten mussten, wenn sie dem KZ entgehen wollten, es rund 80 Millionen Kriegstote und unzählige Kriegsversehrte geben, das Land in Schutt und Asche liegen würde und es Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen zu verzeichnen gäbe. Noch ahnte keiner, dass über Generationen hinweg große Teile der Bevölkerung traumatisiert  sein würden. 

1928 hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen bei der Reichstagswahl erhalten. 1930 waren es bereits 18,3%. 1932 zählte die NSDAP 37,2% und 1933 als sie an die Macht kam, stimmten 43,9% für die Verbrecherbande. 

Am 1. Mai 1933 wurden in Deutschland seitens rechtsradikaler Studenten, Professoren und Mitglieder nationalsozialistischer Parteiorgane die Werke von ihnen verfemter Autoren in 21 Universitätsstädten verbrannt. Diese öffentlichen Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der sogenannten "Aktion wider den undeutschen Geist", die nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, im März 1933, zur systematischen Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller führte.* Bücher von berühmten Autoren wie Heinrich Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky  loderten im Feuer, das jene entzündet hatten, die später ganz Europa in Brand steckten.

Man wollte die Vernunft niederknüppeln, sie verbrennen und vergasen, um anschließend ungehindert den für Nazis typischen Sadismus ungestört ausleben zu können. 

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen. 

Unsicherheit und Existenzängste, die durch die Digitalisierung entstanden sind und noch intensiver entstehen werden, sowie bewusst geschürter Fremdenhass geben im Hier und Heute den Rechtsradikalen Auftrieb. Tägliche Aufklärung, was den digitalen Umbruch anbelangt ist wichtig und auch ein klares NEIN  im Hinblick auf den damit verbundenen Raubtierkapitalismus.

Werden in 5 Jahren erneut Bücher in diesem Land verbrannt? Oder werden aufgrund der Digitalisierung überhaupt keine mehr gedruckt? Wird man dann hierzulande nur noch die Infos digital zugespielt bekommen, die der rechtradikalen Totalverblödung dienen? 

Müssen Andersdenkende und Andersgläubige wieder erneut fluchtartig das Land verlassen? Mit welchen Perversionen der Neuen Rechten müssen wir rechnen?  

Was  die Neue Rechte mit den Alt-Nazis verbindet ist die Eiseskälte, der Mangel an Mitgefühl, eine erschreckende Verbohrtheit und  ein Mangel an Weltoffenheit. Das sollte zu denken geben.

Noch ist es Zeit, drohendem Unheil Einhalt zu gebieten. Die neuen Juden der Neuen Rechten werden alte Menschen sein. Die Neue Rechte, sie hat sich in der Konsumgesellschaft ganz spezifisch entwickelt, wird in ihrer Gier zu allem fähig sein. Der Gierhals Göring wird zu ihrer Ikone aus vergangenen Zeiten stilisiert werden. Das prophezeie ich schon jetzt. 

Wählen Sie morgen bitte den Fortbestand unserer Demokratie und vergessen Sie das Jahr 1933 nicht. Es war das Jahr unsäglicher Dummheit.

Demokratie ist der einzige Garant für Frieden. Es gibt keine rechtsradikale Demokratie, sondern nur rechtsradikale Diktaturen. Möchten Sie zukünftig in einer Diktatur leben? Ich nicht.

 Helga König

vgl:  Wikipedia

Sonntag, 17. September 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 17.9.2017

"Wörter können töten, das wissen wir nur zu genau. Aber Wörter können auch, obwohl nur begrenzt, manchmal heilen."Amos Oz 

Dieses Zitat twitterte heute morgen #Raimund_Schöll  und zwar gemeinsam mit einem sehr ansprechenden Foto einer hügeligen Landschaft, in deren Vordergrund Olivenbäume zu sehen sind. Verfasser obiger Sentenz ist der international bekannte, israelische Schriftsteller Amos Oz. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Er erhielt u.a. den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (1992) den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (2005), den Siegfried Unseld Preis (2010) und den Siegfried Lenz Preis (2014). 

Ich weiß nicht, in welchem Zusammenhang Amos Oz den Satz "Wörter können töten, das wissen wir nur zu genau. Aber Wörter können auch, obwohl nur begrenzt, manchmal heilen" gesagt oder geschrieben hat, aber mir ist bekannt, dass dieser Schriftsteller in den 1970er Jahren bereits eine Organisation gegründet hat, die zur israelischen Friedensbewegung zählt und er seit 1967 ein prominenter Befürworter der "Zwei-Staaten-Lösung" ist. Demnach ist es nicht unwahrscheinlich, dass seine Sentenz politisch  motiviert ist.  Frieden beginnt mit einer friedvollen Sprache.

Neugierig geworden, ob es wissenschaftliche Beweise gibt, dass Wörter wirklich auch töten können, las ich in einem Beitrag von Tom Leonhardt, dass für den Wissenschaftler Steffen Ketty Herrmann Wörter tatsächlich tödliche Waffen sein können und auch, dass Schweigen als Gesprächsverweigerung besonders gefährlich sei. 

Die Phänomene sprachlicher Gewalt können leiser Ironie bis hin zur plumpen Beleidigung, von der indiskreten Taktlosigkeit bis hin zum sarkastischen Spott, von der herablassenden Demütigung bis hin zum eisigen Schweigen reichen, betont der Sozialwissenschaftler. 

In seinem Vortrag über "Warum Worte verletzten. Symbolische Gewalt und sozialer Tod" spricht Steffen Ketty Herrmann zunächst über physische und symbolischer Gewalt, um alsdann sprachliche Erniedrigung als Form sprachlicher Gewalt näher zu beleuchten. 

Wer beleidigt, möchte zumeist, dass eine Dritte Person diese Beleidigung hört, weil durch diese dritte Instanz die sprachliche Gewalt noch verletzender ausfällt. Durch die soziale Herabsetzung soll die soziale Position des Angegriffenen gemindert werden. Im Schweigen als letztes Mittel sprachlicher Gewalt hingegen werde sogar der soziale Tod provoziert. 

Was mit Kindern geschieht, die sprachlich erniedrigt werden oder mit denen, um sie zu strafen nicht gesprochen wird, weiß man. Sie werden sehr traurig, vielleicht sogar verstockt und trauen sich am Ende nichts mehr zu, wohingegen Kinder, denen man gut zuspricht, sich in der Regel günstig entwickeln, d.h. fröhlich und damit seelisch gesund verhalten. 

Wer sprachliche Gewalt anwendet, indem er andere zu erniedrigen sucht,  - sei es Kinder oder Erwachsene- möchte sich selbst erhöhen, möchte Macht über den verbal Erniedrigten gewinnen, ihn am liebsten vor Dritten bloßstellen und beschämen. Wer andere durch Schweigen abstraft, will töten, sei es sozial, seelisch oder tatsächlich. Kränkung kann todkrank machen.  

Einen Menschen von  solchen Seelenqualen zu heilen, ist möglich, indem man freundliche Worte voller Zuversicht an ihn richtet, sodass er mit der Zeit wieder Selbstvertrauen gewinnt und seinen Weg-  an sich  und seine Fähigkeiten glaubend - wieder weiter geht.

Die sozialen Netzwerke positiv zu nutzen, kann zur Heilung der Gesellschaft und der einzelnen Mitglieder beitragen. Davon bin ich überzeugt.

Helga König

Samstag, 9. September 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 10.9.2017

"Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun." Molière (1622 - 1673), eigentlich Jean-Baptiste Poquelin, französischer Komödiendichter und Schauspieler.

Der französische Dichter Molière war der Sohn eines königlichen Kammerdieners, der eine humanistische Ausbildung erhielt und anschließend zunächst in Orléans Rechtswissenschaften studierte. Seine Komödien sind durch überzeitliche Züge gekennzeichnet und geben alles der Lächerlichkeit preis, was dem gesunden Menschenverstand und den Prinzipien von Natur und Vernunft zuwiderläuft.* 

"Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun" lautet eine Sentenz dieses begnadeten Stückeschreibers, deren Inhalt sich jeder bewusst machen sollte, nicht zuletzt auch Politiker und Wirtschaftsleute in Entscheider-Positionen. 

Verantwortlich handelt derjenige, der für seine Handlungen aber auch für sein Unterlassen und die daraus entstehenden Folgen gerade steht und dafür sorgt, dass durch sein Handeln und Unterlassen kein Schaden verursacht wird.

Seit geraumer Zeit verfolge ich die Tweets von Helmut Baltrusch und verlinke zahlreiche seiner klugen Gedanken und Botschaften, weil dieser Mann - für jeden gut nachvollziehbar - aufzeigt  wie gesellschaftliche Verantwortung praktisch umgesetzt werden kann. Der 76 jährige Diplomingenieur und Betriebswirt hat sich gemeinsam mit anderen verantwortungsbewussten Mitgliedern der "Agendagruppe Generationzukunft" der Nachhaltigkeits- und Demografieentwicklung zur Erhaltung unserer Zukunft verschrieben. 

Auf der Website der Akteure  wird man zugleich mit der Frage konfrontiert. "Sind wir nicht alle verantwortlich für eine lebenswerte - weil zukunftsfähige und nachhaltige - Entwicklung im Zeitenwandel mit weltweitem Klima-, Bevölkerungs-, demografischen und digitalen Wandel incl. gesellschaftlichen Veränderungen, Konflikten und (Flüchtlings-) Krisen? "**

Nicht alle werden nicken, denn es ist bequemer Verantwortung zu delegieren und sich auf diese Weise weg zu ducken. Machen wir uns aber nichts vor: Wegducken ist natürlich immer verantwortungslos. 

Ein Blick nach Übersee verdeutlicht, welche Schäden entstehen, wenn dem Klimawandel nicht Einhalt geboten wird. Nachrichten wie wir sie in den letzten Tagen vernehmen müssen, werden zukünftig noch viel krasser ausfallen und zwar weltweit, wenn man ökologischer Vernunft  aufgrund von materieller Gier weiterhin kein Gehör schenkt. 

Verantwortungslosigkeit findet man leider auch in vielen anderen Bereichen der Weltgemeinschaft. Das Forum Generation Zukunft gibt hier Denkhilfe zum Handeln: "Die Verantwortung für die künftigen Generationen wahrzunehmen heißt, Zukunft zu lernen und die Bildung für eine nachhaltige Entwicklung als umfassendes gesellschaftliches Modernisierungskonzept zu verstehen. Maßgeblich und verpflichtend für diese Entwicklung sind ethische Prinzipien wie die schonende Nutzung der Naturressourcen, soziale Gerechtigkeit, Verantwortung für künftige Generationen, globale Partnerschaft, eine andere Steuerung des sozialen Verhaltens, z.B. beim Thema Gesundheit (siehe "Wohnen und Gesundheit", "Fachärztliche Ambulanz"), Berücksichtigung des Wertewandels und der Rolle der Frauen, Vernetzung der Zukunftsindikatoren einschließlich die der technologischen Entwicklung für die soziale gesellschaftliche Entwicklung u.a.“  ***

Das Erkennen des Sinns ethischer Prinzipien und das Begreifen langfristiger Nachteile sind Grundvoraussetzungen, dass Verantwortungsbewusstsein ein erstrebenswertes Ziel für alle wird. Solange man verantwortungslose Zeitgenossen mit Applaus in Ämter und Positionen hebt,  ihnen verheerende Macht verleiht, anstatt sie in die Wüste zu schicken, wird allerdings alles noch schlimmer. 

"Ferne entfernt nicht von der Verantwortung!“ formulierte der 2015 verstorbene Philosoph Manfred Hinrich. 

Aufmerksame Blicke in viele Regionen unserer Welt lassen uns erkennen, dass wir alle viel zu lange Verantwortung verantwortungslos an Menschen delegiert haben, die eines in erster Linie zu sein scheinen: hochgradig verantwortungslos gegenüber Folgegenerationen, genau wie wir selbst.

Helga König

* vgl: Der Brockhaus: Literatur

Sonntag, 3. September 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 3.9.2017

"Geduld ist mit der Hoffnung blutverwandt." Felix Lope de Vega Carpio (1562 - 1635),

Geduld gilt als die Tugend der Unnachgiebigen. Dass sie mit der Hoffnung blutsverwandt ist, lässt sich nicht verneinen. Im Gegensatz zur Hoffnung, setzt sie allerdings mehr Selbstbewusstsein voraus, denn der Geduldige ist davon überzeugt, dass seine Stunde kommen wird, während der Hoffende es nur glaubt bzw. glauben möchte.

Geduldiges Warten ist nur möglich, wenn man sich in Gelassenheit übt. Im Wort Gelassenheit steckt der Begriff "lassen". Erst wenn man "zulässt" oder "loslässt" ohne zu verzagen, schafft  man die Basis dafür, geduldig warten zu können bis die richtige Stunde kommt und lebt bzw. arbeitet unverkrampft aber konzentriert auf diesen Moment zu.

Der berühmte spanische Dichter Lope de Vega, Verfasser der Sentenz "Geduld ist mit der Hoffnung blutsverwandt." wurde  in einfache Verhältnisse geboren und verbrachte einen Teil seiner Kindheit im Hause seines Onkels, der Inquisitor in Sevilla war.

Die Spanische Inquisition war eine mit Genehmigung des Papstes eingerichtete staatliche Behörde, mittels der die Häresie in Spanien bekämpft werden sollte. Formal dauert die Inquisition in Spanien von 1478 bis 1834 an.

Wissen sollte man, dass es auf der iberischen Halbinsel zuvor eine Zeit gab, die von Respekt und Toleranz zwischen der jüdischen, muslimischen und katholischen Religion geprägt war und  sich erst im Laufe des 14. und 15. Jahrhunderts die Konfrontation zuspitzte. Es waren die katholischen Herrscher Spaniens, die aus Machtgründen getaufte Juden und Muslime verfolgen, foltern und ermorden ließen.

Lope de Vega besuchte die Jesuitenschule, später die Universität Alcalá und zeigte durch seinen späteren Lebenswandel, dass er für sich zumindest eine gewisse Freizügigkeit beanspruchte, die seinem strengen Onkel gewiss missfallen hat.

Unabhängig von seinem unsteten Lebenswandel hat der Dichter übrigens 483 Komödien geschrieben. Zudem entwickelte er in seinem Werk "Arte Nuevo" seine Ideen über die dramatische Kunst, in der die natürliche Schönheit das Ideal der Kunst darstellt.

Seine Herkunft und das Leben im Hause des strengen Inquisitors deuten nicht darauf hin, dass aus Lope des Vega später mal ein berühmter Komödienschreiber werden sollte, der der natürlichen Schönheit als Ideal der Kunst huldigte. Vielleicht hat er sein Talent zunächst im Verborgenen gelebt und geduldig gewartet bis ein Zeitfenster sich zeigte, das er dann voller Tatendrang geöffnet hat.

"Geduld ist mit der Hoffnung blutverwandt." Gewiss kannte der Jesuitenschüler Salomos Predigt, die den Titel "Alles hat seine Zeit" trägt und dachte bei der Formulierung seiner Sentenz  an besagten sehr weisen Text.

Der Geduldige arbeitet auf den richtigen Zeitpunkt hin, der Hoffende ist passiver und vertraut auf das Glück oder ein Wunder. Der Geduldige bricht aktiv seine Geduld, wenn das richtige Zeitfenster sich endlich zeigt, öffnet es und begibt sich mit der Gewissheit, dass die lange Geduld sich gelohnt hat, in eine passendere Situation. Die Gewissheit des Hoffenden entspringt eher einem wie auch immer gearteten Gottvertrauen oder dem Vertrauen auf positive Schicksalsmächte, die es irgendwie richten.

Engelsgeduld mit garstigen Mitmenschen aufzubringen, scheint mir eine der schwersten Geduldsübungen zu sein. Hier bedarf es neben der Gelassenheit noch vieler weiterer Tugenden, damit der Geduldsfaden nicht vorzeitig reißt.

Vielleicht steht die Engelsgeduld der Hoffnung am nächsten. Bleibt zu hoffen, dass keiner die Geduld eines Engels in seinem Umfeld braucht.

Helga König

Sonntag, 27. August 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 27.8. 2017

"Hoffnung. Ohne sie gibt man den Kampf gegen das Unmögliche lieber gleich auf." (Paulo Coelho) 

Diesen Satz des Schriftstellers Paulo Coelho habe ich seinem Buch-Kalender 2018 entnommen, der den Titel "Freiheit" trägt. Ich schätze Coelhos Buch-Kalender seit Jahren, nicht nur seiner Weisheiten wegen, sondern weil die darin enthaltenen Illustrationen der kolumbianischen Künstlerin Catalina Estrada lateinamerikanische Lebensfreude zum Ausdruck bringen, die am Schreibtisch für gute Laune sorgen. Coelhos Zitate, sie tauchen in den Kalendern auf jeder zweiten Seite auf, lassen immer wieder innehalten und regen zum Nachdenken an. 

Wer ist dieser Schriftsteller, der vor einigen Tagen seinen 70. Geburtstag gefeiert hat?

Ein gebürtiger Brasilianer, der heute in der Schweiz lebt und dessen Bücher sich nach dem Stand von 2015 bereits 210 Millionen Mal verkauft haben. Coelho war 41 Jahre alt als er mit dem Buch "Der Alchemist" einen Weltbestseller schrieb, der allerdings erst Jahre später in 80 Sprachen der Welt übersetzt wurde.

Konnte man diesen Erfolg voraussehen? Vermochte man zu erahnen, dass Coelho noch viele weitere bemerkenswerte Bücher schreiben würde? 

Befasst man sich mit seinem Lebenslauf, so erfährt man, dass er als Jesuitenschüler einst einen Lyrikwettbewerb gewonnen hatte. Mit dem Schreiben von Gedichten begannen viele Schriftstellerkarrieren und auch viele berühmte Schriftsteller können auf ein Jurastudium verweisen. Doch Lebensbrüche in der Art wie Paulo Coelho sie kennenlernen musste, sind eher unüblich für einen Bestsellerautor seines Formats. 

In den 1960er Jahren wurde er von seinen Eltern dreimal in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen, weil er gegen deren Vorstellungen aufbegehrte. Später engagierte er sich politisch gegen die brasilianische Militärdiktatur, saß deshalb im Gefängnis, schrieb Songtexte sowie 65 Rocklieder und begann 1977, damals lebte er mit seiner ersten Frau für ein Jahr in London, erfolglos als Schriftsteller zu arbeiten. 

Es folgten danach in Brasilien andere Tätigkeiten, so auch als Redakteur einer Untergrundzeitschrift. Nach seiner Trennung von seiner ersten Frau, reiste er mit seiner jetzigen Lebenspartnerin nach Dachau und hatte dort eine Vision. Vor seinem geistigen Auge erschien ihm ein Mann, den er zwei Monate später in Amsterdam tatsächlich traf. Dieser riet ihm, sich auf den Pilgerweg nach Santiago de Compostela aufzumachen. Den alten Sternenweg gehen die Menschen schon seit vielen Jahrhunderten,  nicht zuletzt, weil sie hoffen, auf diese Weise eigentlich Unmögliches erreichen zu können.

Seine Erfahrungen als Pilger, die er als Wendepunkt seines Lebens begreift, hielt Coehlo 1986 in einem Buch fest. Zwei Jahre später dann schrieb er den Weltbestseller "Der Alchemist".

Interessanterweise trennte sich sein damaliger Verlag von ihm, weil das Buch in der Erstauflage nur 900 Mal verkauft worden war. Erst fünf Jahre später erlangte es den Durchbruch als er in einem amerikanischen Verlag  neu verlegt wurde. 

Von da an blieb Fortune an Coelhos Seite und er dankt ihr dafür bis heute durch sein bewundernswertes soziales Engagement. 

Paulo Coehlo ist ein Beispiel dafür, dass es sich trotz aller Widerstände lohnt, seine Talente zu kultivieren und die innere Stärke zu entwickeln, sie auch zu leben, selbst wenn enorme Durststrecken eigentlich zum Aufgeben zwingen. 

Wer bestimmte Gaben besitzt, darf hoffen, mit ihnen auch Erfolg zu haben, gleichgültig wie viel Steine ihm in den Weg gelegt werden. Das ist die Botschaft, die man dem Leben Coelhos entnehmen kann.

Der brasilianische Schriftsteller weiß, was er sagt, wenn er resümiert: "Hoffnung. Ohne sie gibt man den Kampf gegen das Unmögliche lieber gleich auf."

Paulo Coelho hat die Hoffnung nie aufgegeben. Auf diese Weise hat er das scheinbar Unmögliche erreicht. 

Helga König

Samstag, 19. August 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 20.8.2017

Gestern Abend las ich auf Facebook einen Post, der eingangs zwei Fotos zeigt: Das erste Foto visualisiert eine junge Frau, die vor einem offenbar schwerverletzten oder toten Mann kniet, daneben ein Kindersportwagen mit einem Kind, dessen Beinchen man  nur sieht und ein weiteres Kind, das sich weinend am Kinderwagen festhält. Das zweite Foto, ein Passfoto, zeigt den jungen Mann, der auf dem ersten Bild auf der Straße liegend zu sehen ist. Es handelt sich um den Italiener Bruno Gulatto. 

Thematisiert wird in dem Post das Leid dieser jungen italienischen Familie. Der 35 jährige Vater Bruno Gulotta wurde seitens der Terroristen getötet als er seine Kinder und seine Frau vor dem herbeirasenden Kleinlaster schützen wollte, den die Täter als Mordinstrument nutzten. Die Gulottas hielten sich an diesem Tag wie so viele andere Menschen als Touristen auf den Ramblas, einer 1,2 km langen Promenade im Zentrum von Barcelona, auf. 

Darf man solche Bilder zeigen? 

Macht es Sinn das Leid der Betroffenen auch visuell zu thematisieren, selbst auf die Gefahr hin, dass Islamhasser dies zum Anlass nehmen, fremdenfeindliche Parolen heraus zu plärren?

Die Literaturkritikerin Susan Sonntag schrieb zu Beginn dieses Jahrtausends einen lesenswerten Essay mit dem Titel "Die Leiden anderer betrachten" und kommt darin zu dem Ergebnis, dass solche Bilder dazu beitragen, der Inhumanität ein Ende zu setzen. Dieser Meinung habe ich mich schon damals angeschlossen und bin heute noch genau so überzeugt davon, dass an drastischen Beispielen gezeigt werden muss, was Krieg und Terror tatsächlich bedeuten. Es geht nicht darum, sich an solchen Bildern zu weiden, sondern Bewusstsein dafür zu schaffen, was sich bei diesen brutalen Angriffen tatsächlich ereignet. Deshalb auch sollte über Einzelschicksale informiert werden. 

Was entwickelt werden muss, ist Empathie und nicht Hass. Empathie macht Nähe erforderlich. 

Im Falle von Barcelona handelt es sich bei den 14 Toten und mehr als 100 Verletzten um Menschen aus 34 Ländern und zwar aus: Algerien, Argentinien, Australien, Belgien, Marokko, Kanada, Kolumbien, Peru, China, Rumänien, Venezuela, Kuba, Ecuador, Ägypten, Spanien, USA, Philippinen, Frankreich, England, Griechenland, Niederlande, Taiwan, Honduras, Ungarn, Irland, Italien, Kuwait, Mazedonien, Pakistan, Dominikanische Republik, Türkei, Australien und Deutschland.

Den Tätern war es augenscheinlich gleichgültig, ob ihre Opfer Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus oder Atheisten waren. Es ging ihnen offenbar darum, durch ihre menschenverachtende Tat Angst und Schrecken auf der ganzen Welt zu verbreiten. Die Täter kommen nicht aus Kriegsgebieten, sondern größtenteils aus Marokko. 

Ob Fanatismus ausreicht, um so bestialisch zu morden, möchte ich bezweifeln. Worum es hier geht, ist meines Erachtens der Machtrausch hochaggressiver Psychopathen, der in dieser neuen Form zu morden, ausgelebt wird. 

Waren es 2001 Flugzeuge, die in New York bei dem Angriff auf die Menschen, die im World Trade Center gearbeitet haben,  als Mordinstrumente eingesetzt wurden, sind es seit Nizza LKWs, mittels denen Leid und Tod verursacht wird. Die Tatsache ganz ohne übliches Kriegsmaterial eine Vielzahl von Zivilisten töten zu können, wird immer wieder machtbesessene Psychopathen zu solchen Handlungen treiben, die sie dann ideologisch oder religiös zu legitimieren suchen. Darauf sollte man sich  realistisch einstellen.

Was kann man tun? 

Straßen und Plätze besser abzusichern, ist natürlich eine wichtige Maßnahme. Ebenso wichtig allerdings erscheint mir, weltweit ein wirklich ethisches Bewusstsein zu schaffen und  hier vor allem das Mitgefühl zu fördern. 

Das ist auch möglich, indem man Leid visualisiert, zwar nicht pausenlos – dann stumpft der Betrachter ab- aber beispielhaft, um so das Leid aus der Anonymität herauszuholen. Was bedeutet es schwer verletzt zu sein? Wie ist jemand gestorben? Welches Leben haben die Opfer bis zum Attentat geführt? 

Potentielle Täter müssen abgeschreckt werden, Scham entwickeln von ihrem Tun, indem man ihnen bewusst macht, wohin ihre perversen Machtgelüste führen. Sie müssen das Leid anderer sehen, spüren und begreifen. Vielleicht rüttelt sie dies  wach,  bevor sie zur Tat schreiten. 

Die sozialen Netzwerke bieten die Möglichkeit, potentielle Täter zu erreichen und sollten täglich zur Aufklärung genutzt werden. 

Blickt man auf die Auflistung der Toten und Verletzten in Barcelona wird klar, dass die Marokkaner auch vor ihren Landleuten nicht Halt gemacht haben. Es war ihnen gleichgültig, wen sie verletzten oder töteten. Das macht deutlich, dass es mit der religiösen Legitimation nicht weit her ist. 

Hier handelten, ich betone es nochmals, hochaggressive Menschen, denen es an Mitgefühl mangelt. Solch gewaltbereite Menschen in die Gesellschaft zu integrieren, wird nicht einfach sein, aber es ist die einzige Chance, uns vor ihren Ausbrüchen zu schützen. 

 Helga König

Samstag, 12. August 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 13.8.2017

"Es gibt eine einzig wahre, große Trösterin: Die Kunst." (George Sand) 

Der in Paris lebende Novellist Daniel Brami twittert täglich eine Vielzahl sehr bemerkenswerter Kunstwerke von Malern und Fotografen aus unterschiedlichen Zeiten. Welchem System er dabei folgt, lässt sich nur schwer analysieren. 

Daniels Posts machen mich oft sehr neugierig, denn nicht wenige der von ihm hervorgehobenen Künstler sind mir nicht bekannt, trotz der rund vierhundert Kunstbände, die ich im Laufe der letzten Jahre auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert habe. 

Für Künstler ist es weltweit oft sehr schwer, einen Verlag zu finden, der ihre Werke in Top-Qualität in einem Bildband zu zeigen bereit ist, weil Kunstbuch-Publikationen zumeist ein Risiko-Geschäft sind, da die Zielgruppe sich als verhältnismäßig klein und nicht pausenlos kaufbereit erweist. 

Erfreulich ist es deshalb, wenn man sich immer öfter im Internet einen Eindruck von Künstlern und ihren Werken aus aller Welt verschaffen kann. 

Heute nun postete Daniel u.a. ein Werk des chinesischen Fotografen Don Hong-Qai. Auffallend ist die hohe Ästhetik, die dessen Motivgestaltung inne wohnt. Der 2004 verstorbene Fotokünstler erlangte erst kurz vor seinem Tod die Anerkennung, die ihm gebührt. Bücher mit Werken des Fotografen scheinen bislang nicht publiziert worden zu sein, aber man kann sich auf Pinterest kundig machen und findet dort die 69 besten Aufnahmen von ihm. Über sein Leben allerdings erfährt man wenig. Don Hong-Qais Blick auf das, was er abgelichtet hat, ist auffallend liebevoll, ohne dabei schönen zu wollen. Seine Landschaftsbilder strahlen viel Ruhe aus und erzählen von einem Leben, dem Weisheit nicht fremd ist. 

Neugierig, womit sich Daniel heute zudem noch befasst hat, scrolle ich auf seiner Profilseite Bild für Bild weiter und versuche den Gedankensprung von Jamie Heiden zu Degas nachzuvollziehen. Daniel scheint Chagall und Munch, aber auch Monet und Matisse besonders zu mögen, denn er postet deren Werke öfter. 

Dann entdecke ich weitere Bilder eines asiatischen Künstlers. Es handelt sich um Werke des Japaners Masao Yamamoto. Der heute 60 jährige freischaffende Fotograf ist für seine kleinformatigen Bilder bekannt, die die fotografischen Drucke als Gegenstände individualisieren möchten. Um die Arbeiten, die Daniel gepostet hat, zu verstehen, muss man wissen, dass Yamamoto die Grenze zwischen Malerei und Fotografie verwischt, indem er mit Druckflächen experimentiert.

Während ich weiter scrolle, stelle ich fest, dass Daniel ein Frauenporträt des japanischen Künstlers Ikenaga Yasunari und ein Werk des chinesischen Malers Wu Guanzhong zudem noch hervorgehoben hat. Daniels Gedanken weilten demnach heute in Ostasien. Das kann ich gut verstehen.

Ein sehr beeindruckendes Werk der spanischen Malerin Montserrat Gudiol hat Daniel Brami übrigens schon mehrfach gepostet. Es zeigt eine sehr traurig wirkende, ratlose Frau und einen müden, erschöpften Mann, der sich an ihre Schulter lehnt. 

Für mich stehen diese beiden Menschen zur Zeit für uns Europäer, die wir ratlos auf das momentane Weltgeschehen blicken und erkennen müssen, dass uns nichts bleibt als tiefe Dankbarkeit, dass  es bei aller Unwirtlichkeit und allem Wahnsinn auf dieser Erde noch eine Oase des Friedens gibt: Die Kunst. Betrachteten wir sie als das, was sie ist, als die große Trösterin, wie George Sand sie einst nannte.    

Helga König 

Samstag, 5. August 2017

Sonntagskolumne Helga König, 6.8.2017

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)

Dieser Tage wurden in Hamburg sieben Männer aufgrund ihrer Zivilcourage geehrt. Sie haben einen Gewalttäter daran gehindert, weitere Menschen zu verletzen oder gar zu töten. Der Täter hatte bereits einen Mann erstochen und mehrere Personen verletzt. 

Mir geht es bei meinen Überlegungen heute nicht darum zu reflektieren, was in dem Täter vorgegangen ist, der mit einem offenbar großen Messer willkürlich auf Kunden eines Supermarktes eingestochen hat und auch nicht um die Versäumnisse in  seinem Abschiebungsverfahren, die die Tat, hätten sie denn rechtzeitig behoben werden können, eventuell nach Norwegen verlagert hätten. Eine Vorstellung, die deutlich macht, dass dies auch kein zufriedenstellender Weg gewesen wäre, das Unheil abzuwenden. 

Des Weiteren geht es mir nicht um die religiöse Zugehörigkeit des Täters. Diese ist für die Gewalttat letztlich unerheblich, da seine Motive offenbar persönlicher Natur waren. Der Gewalttäter wollte einen persönlichen Vorteil, den man ihm nicht zugestanden hatte.

Worum es mir geht, ist die Zivilcourage der sieben vorbildlichen Männer, zum größten Teil mit Migrationshintergrund, die spontan das Risiko eingingen, verletzt oder getötet zu werden, um ihre Mitmenschen vor diesem selbstsüchtigen Idioten zu schützen. 

Es gibt sie also tatsächlich noch, diese mutigen Männer mit viel Mitgefühl, die bereit sind unter Einsatz ihres Lebens, ihre Mitmenschen vor Lebensgefahr zu bewahren  Bleibt zu hoffen, dass es weit mehr davon gibt, als man in unserer neoliberalen Gesellschaft eigentlich erwarten darf.

Die spontane Bereitschaft beherzter Menschen gemeinschaftlich aktiv werden, wenn eine Zivilperson gewalttätig wird, muss ins Bewusstsein potentieller Täter dringen. Gaffer und Amateurfilmer sind das Publikum solcher Irren, die letztlich in ihrem Tun durch die mitmenschlich untätigen Zuschauer bestätigt werden. 

Potentielle Täter müssen erkennen, dass asoziales Verhalten von der Gemeinschaft nicht hingenommen wird. Angst vor den unmittelbaren Folgen kann durchaus daran hindern, aktiv zu werden. 

Wikipedia erläutert, dass Zivilcourage, wörtlich Bürgermut, sich aus den beiden Wörtern zivil (lateinisch civilis, 1. bürgerlich – nicht militärisch, 2. anständig, annehmbar) und courage (französisch "Mut") zusammensetzt und verweist auf den Autor Gerd Meyer, der das Buch "Mut und Zivilcourage" geschrieben hat *

Dieser unterscheidet drei Arten des Handelns mit Zivilcourage: 

1. "Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, in denen man schnell entscheiden muss, was man tut. 
2. Sich-Einsetzen – meist ohne akuten Handlungsdruck – für allgemeine Werte, für das Recht oder die legitimen Interessen anderer, vor allem in organisierten Kontexten und Institutionen, wie z. B. in der Schule oder am Arbeitsplatz. 
3. Sich-Wehren z. B. gegen körperliche Angriffe, Mobbing oder Ungerechtigkeit; zu sich und seinen Überzeugungen stehen, standhalten, sich behaupten; widerstehen, nein sagen, "aus guten Gründen" den Gehorsam verweigern.[1] 

Dies erfordert Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise mit Sanktionen durch Autoritäten, Vertreter der herrschenden Meinung oder sein soziales Umfeld (z. B. einer Gruppenmehrheit) zu rechnen hat. Als zivilcouragiert gelten auch Whistleblower, die illegale Handlungen oder sozialethisches Fehlverhalten zum Schaden der Allgemeinheit innerhalb von Institutionen, insbesondere Unternehmen und Verwaltungen, aufdecken.“**

Wie man bei Meyer unschwer erkennen kann, geht es bei Zivilcourage um weit mehr als um das Abwehren körperlicher Angriffe. 

Psychische und physische Gewalt können möglicherweise minimiert werden, wenn man sie, dort wo wie auftreten, nicht begafft, bestaunt und sensationsgeil ablichtet oder sich wegduckt, sondern sie anprangert, Betroffenen zu Seite steht und ihnen hilft. 

Die Hilfe kann auch darin liegen, sehr rasch die Polizei zu alarmieren, wenn man Schreie aus dem Nachbarhaus hört, weil dort Kinder oder eine Frau verprügelt werden. Wenn ein Verhaltensgestörter mit seinen Sockenpuppen im Internet einen Shitstorm verursacht, ist wegschauen ebenso asozial wie wenn man schadenfreudig einem Mobber in Betrieben, in Schulen oder in der Familie gewähren lässt, weil man sich Vorteile erhofft.  Das kann nicht oft genug gesagt werden, um ein Bewusstsein für asoziales Verhalten zu schaffen, das es in allen Gesellschaftsschichten gibt.

Opfer brauchen Hilfe. 

Die sieben Männer in Hamburg haben genau dies spontan gefühlt und ebenso spontan gehandelt. Es kann ihnen nicht genug gedankt werden, denn sie haben nicht nur Menschenleben gerettet, sondern gezeigt, dass es nicht bloß selbstsüchtige Idioten auf dieser Welt gibt, sondern auch Menschen, für die Humanität kein Fremdwort ist und die insofern die Not des anderen zu fühlen in der Lage sind.

"Bist du ein Mensch, so fühle meine Not." (Johann Wolfgang von Goethe)


Helga König

*vgl:Wikipedia
**Zitat: Wikipedia

Samstag, 29. Juli 2017

Sonntagskolumne: Helga König, 30.7.2017

"Ein guter Mensch verbreitet eine Atmosphäre des Glücks, die allen zugute kommt, die um ihn sind." Paolo Mantegazza 

Dieses bemerkenswerte Zitat entdeckte ich heute Vormittag als ich nach Sentenzen von Mikis Theodorakis suchte. Der griechische Komponist, Schriftsteller und Politiker wird heute am 29.7. 2017 zweiundneunzig Jahre alt. 

Schaut man sich Youtube-Clips an, in denen Theodorakis zu sehen oder zu hören ist, versteht man sofort, was Paolo Mantegazza meint, und liest man bei Wikipedia die Kurzbiografie des griechischen Musikers und Politikers, weiß man, wozu ein guter Mensch fähig ist und warum ein solche Lichtgestalt eine Atmosphäre des Glücks noch im ganz hohen Alter verbreitet. 

Glück und Dankbarkeit bilden nicht selten eine Einheit. 

Doch wer war  Paolo Mantegazza?

Auch in seinem Fall habe ich mich bei Wikipedia kundig gemacht und erfahren, dass er zu einem Zeitpunkt geboren wurde, wo Goethe noch lebte, nämlich 1831. Der italienische Neurologe, Physiologe und Anthropologe sowie ein bedeutende Arzt und Bewusstseinsforscher publizierte nicht nur wissenschaftliche Texte, sondern auch Romane, die zu seinen Lebzeiten Bestseller waren. 

Wie man in der Kurzbiographie erfährt, war seine Mutter eine Philanthropin. Laura Solera Mantegazza galt einst als Mailands klügstes Mädchen. Die Tochter aus großbürgerlichem Haus gründete 1850 u.a. die erste Tageskrippe von der armen Bevölkerung. Die Scuola professionale femminile d'Italia, eine Art Berufsschule für junge Frauen, rief sie 1870 ins Leben und wurde damit zu einer Vorreiterin in der Frauenbildung. 

Wer eine Mutter hat, die sich dem Guten verpflichtet fühlt und sich dafür engagiert, erfährt schon sehr früh eine Atmosphäre des Glücks, die ihm zugute kommt und möchte diese in der Regel auch weitergeben. Bei anderen, die als Kind die Hölle erlebten, ist es mitunter die Sehnsucht nach Glück, die sie nach dem Wahren, Guten und Schönen streben und solange nicht ruhen lässt, bis sie einen Weg  dorthin gefunden haben, den sie dann auch anderen zugänglich machen wollen. 

Böse Menschen, es sind jene, denen es an Empathie mangelt, die sadistisch aggressiv sind und solche bei denen maligner Narzissmus vorherrscht, verbreiten, egal wo sie auftreten, sehr rasch eine Atmosphäre, die andere unglücklich macht. 

In einer solchen Umgebung fühlt man sich sehr unwohl und versucht dieser zu entfliehen. Unser Überlebensinstinkt hilft uns normalerweise dabei, unwirtliche Orte zu verlassen, die uns körperlich oder seelisch krank machen. 

Sehr widerständige, gute Menschen wie Mikis Theodorakis, Sophie Scholl, Nelson Mandela und so manch andere Vorbilder für Mitmenschlichkeit, versuchten und versuchen Orte des Bösen von der Heimsuchung zu befreien, oft unter Einsatz ihrer Gesundheit oder ihres Lebens.

"Das Geheimnis des Glücks liegt nicht im Besitz, sondern im Geben. Wer andere glücklich macht, wird glücklich", schreibt  André Gide. 

Gute Menschen g e b e n mit Vergnügen. Ein Mensch, der nur haben will, produziert immer Unglück und je mehr Macht eine solche Person hat, umso schlimmer wird es. 

Sich an guten Menschen ein Beispiel zu nehmen, gibt uns die Chance, eine Atmosphäre des Glücks zu gestalten. 

"Wer andere glücklich macht, wird glücklich."

 Helga König

Sonntag, 23. Juli 2017

Samstag, 15. Juli 2017

Helga König: Sonntagskolumne, 16.7.2017

In meiner Kolumne in der vergangenen Woche habe ich mich mit den Krawallen in Hamburg anlässlich des G20 Gipfels befasst. Zwischenzeitlich ist in der deutschen Medienlandschaft viel über diese Ereignisse geredet und geschrieben worden. 

Um zu verstehen, weshalb der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach die Diskussionsrunde bei Maischberger empört verließ, habe ich mir den entsprechenden Clip jetzt mehrfach angeschaut. Verstanden habe ich sein Verhalten noch immer nicht. Begriffen habe ich auch das latent- sehr aufgebrachte Gebaren des CDU-Politikers Joachim Lenders nicht und empfand seine für jeden hörbare Bemerkung "Dummes Gesabbel" als beleidigend. Wieso hat Frau Maischberger hier den Diskussionsteilnehmer nicht abgemahnt? Das hätte man von ihr erwarten können.

Man muss nicht Jutta Ditfurths Position vertreten, wenn man ihr aufmerksam zuhört, um zu begreifen, weshalb nach ihrer Beobachtung es zu den gewaltsamen Ausschreitungen in Hamburg kam. Ditfurth kennt die Szene seit Jahren und beurteilt diese aus soziologischer Sicht. Hört man ihren Aussagen genau zu, so wird deutlich, dass die Gewalt sich offenbar schrittweise aufgebaut hat und vermutlich im Anfangsstadium zu wenig für die Deeskalation getan wurde. 

Dass einige Polizisten offenbar auch Journalisten, die über die Vorgänge vor Ort berichten wollten, tätlich angegriffen haben, zeugt von mangelnder Gelassenheit einzelner Polizisten und vor allem von einer Personalschulung, die diskutiert werden muss. Choleriker sollten nach meiner Ansicht bei solch sensiblen Einsätzen außen vor bleiben, weil das Eskalieren einer Situation dadurch vorprogrammiert ist. 

Schuldzuweisungen an die Politiker hörte man in der Runde ebenfalls. Sie kamen von dem Journalisten Hans-Ulrich Jörges. Doch sein Ansatz löst das Problem nicht. Sofern hier jemand zu Rechenschaft gezogen werden muss, sind es die Randalierer, aber auch die Polizeiführung, die die Lage falsch eingeschätzt hat. Wenn Vermummte aus ganz Europa anrücken, um Randale zu machen und man das im Vorfeld weiß, muss man dafür sorgen, dass man die potenziellen Täter zuvor abfischt und ihnen das Recht verwehrt, an friedlichen Demonstrationen teil zu nehmen. Das gebieten kluge, präventive Maßnahmen.Wer Vermummungsutensilien und Eisenstangen im Gepäck hat, wird nachhause geschickt und so vor der eigenen Kriminalisierung geschützt.

80 Tausend friedliche Demonstranten wurden von etwa 1200 Randalierern in ihrem Recht, friedlich zu demonstrieren gestört. Vermummte aus ganz Europa marodierten brandschatzend tagelang durch Hamburg und schadeten nicht zuletzt den Bürgern dieser Stadt. Dass sich alle vernünftig denkenden Menschen von diesen Rechtsbrechern nachhaltig distanzieren, versteht sich von selbst, aber es steht auch außer Frage, dass nicht nur diese Rechtsbrecher, sondern auch Polizisten bei Amtsmissbrauch zur Rechenschaft gezogen werden müssen.

Mit dem Politiker Herrn van Aken teile ich die Meinung, dass man Gipfeltreffen an überschaubarere Orte verlegen sollte, allein schon um die Verkehrsnetze nicht über Gebühr zu belasten. Nicht alles ist dem Bürger zumutbar. 

Meinen Eindruck, dass Wolfgang Bosbach die Kritik Jutta Ditfurths am Verhalten übergriffiger Polizisten, die sie gegenüber Bosbachs Parteifreund Joachim Lenders (Landesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft in Hamburg) äußerte, spontan zum Schweigen bringen wollte, werde ich allerdings nicht los. 

Nach meiner Ansicht hätte Ditfurth sich viel klarer von den kriminellen Handlungen des Schwarzen Blocks und Lenders sich dezidierter von übergriffigem Verhalten von Polizisten distanzieren müssen. Das hätte das Diskussionsklima verbessert.

Wer deeskalieren möchte, auch bei zukünftigen Veranstaltungen, muss die Akteure beider Seiten der Barrikaden ganz genau unter die Lupe nehmen und darf sich keine Denkverbote auferlegen. Hier helfen nur schonungslose Analysen.

Frau Maischberger hat sich zwischenzeitlich bei Jutta Ditfurth in der FAZ dafür entschuldigt, dass sie die Soziologin aus der Sendung verweisen wollte, nachdem Wolfgang Bosbach den Raum verließ und damit den Fortgang der brisanten Diskussion aushebelte.

Was lief verkehrt in Hamburg? Die Frage wurde nicht ausreichend geklärt. Leider. Aber vielleicht war es genau das, was man in der Diskussion beobachten konnte. Zuhören und sich kultiviert zu verhalten, schadet nie. 

Helga König