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Samstag, 25. Mai 2019

Sonntagskolumne Helga König, 26.5.2019

Das Video zur #Europawahl_2019 von #Rezo habe ich mir zweimal angehört. Der Youtuber argumentiert sehr intelligent und belegt seine Aussagen wissenschaftlich, ist also kein Schwätzer. Pädagogisch vermittelt er sein Anliegen bestens, weil er locker und ironisch rüberkommt. Indem er die Sprache seiner Zielgruppe spricht, versteht diese ihn auch problemlos. Ohne gelangweilt zu sein, können junge Menschen ihm deshalb fast eine Stunde folgen.

Nun aber ist das Video in aller Munde. Rund zehn Millionen Seitenaufgriffe bislang sorgen für Aufregung. Wie wird sich die Analyse Rezos, die weit entfernt von Demagogie ist, hierzulande auf die Europawahl auswirken? 

Mit Staunen las ich in der FAZ "Das Werk des Youtubers "Rezo" reiht sich da nahtlos in die neue Form von Propaganda ein, die der rechtspopulistische Drang nach "Wahrheit" und "Freiheit" geschaffen hat. Nur handelt es sich in diesem Fall um ein links populistisches Machwerk – und schon heißt es, wie toll es doch sei, dass sich die Jugend in Deutschland mit Politik beschäftige."*

Das Video, ohne nachvollziehbare Begründung als "linkspopulistisches Machwerk" zu diffamieren, zeigt, dass der FAZ-Autor Probleme hat, inhaltlich den Aussagen Rezos etwas entgegenzusetzen. Rezo hat an keiner Stelle seines Videos Politiker pauschal als "dumm, inkompetent, korrupt und verlogen"** dargestellt. 

Er zeigt allerdings Widersprüchlichkeiten in deren Aussagen auf und belegt diese sorgfältig. 

Wieso ist die Aufregung also so groß?

Der Volksmund sagt: "Getroffener Hund bellt."

Weiter liest man in besagtem  FAZ-Artikel der Ton in den sozialen Netzwerken sei gnadenlos, unerbittlich, ohne Anstand und Hemmschwelle. Mit "Diskurs" habe das alles nichts zu tun. Es gehe ums Niedermachen, um Nachtreten und – um Zerstörung Argumente gegen das Video würden da nicht weiterhelfen – sie würden niedergebrüllt. ***

Argumente gegen das Video würden gewiss weiterhelfen, wenn sie hieb- und stichfest das Gegenteil beweisen könnten. Solche Argumente scheinen aber nicht auf die Schnelle aus dem Ärmel gezaubert werden zu können. Zaubern war halt noch nie einfach. So bleibt eben nur ohnmächtiges Schimpfen. 

Wer Unrecht und Fehlverhalten benennt, macht nicht nieder, tritt nicht nach, zerstört auch nicht, sondern möchte Zerstörung aufhalten, möchte aufrütteln, einen vernünftigeren Weg zu gehen. Dieser ist möglich, am runden Tisch mit kompetenten, nicht korrupten Wissenschaftlern, und ebensolchen Politikern, aber auch mit jungen, intelligenten Menschen, speziell wenn es um die Lösung von Problemen geht, die deren Zukunft betreffen. 

Einander ernst zu nehmen, ist oberstes Gebot. Arroganz ist kein guter Berater. Reife Menschen sollten das wissen.

Im digitalen Zeitalter ist es nur normal, wenn digital aufgeklärt wird, denn nirgendwo sonst erreicht man so viele Menschen wie im Internet. Dabei sind die Klickzahlen weniger aufschlussreich, als die  Seitenaufrufe.

Wer für ein friedliches Europa wirbt, in dem die Menschen langfristig noch atmen können und die Natur nicht zerstört ist, kann kein Demagoge sein, wohl aber ein Humanist und ökologisch denkender Mensch. Solchen Menschen vertraut man die Zukunft gerne an, mit ihnen setzt man sich doch gerne an einen runden Tisch, oder?

Helga König

Samstag, 11. Mai 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 12.5.2019

Jährlich am 2. Sonntag im Mai wird der "#Muttertag" gefeiert. Dieser Brauch zu Ehren aller Mütter entstand Anfang des letzten Jahrhunderts in den USA. Dort ist dieser Tag seit 1914 Staatsfeiertag. 

In Deutschland feierte man den Muttertag erstmals im Jahre 1922. Damals wurde er als Tag der Blumenwünsche zelebriert. 

Dass die Nazis den Muttertag mit der Idee der "germanischen Herrenrasse" verbanden, gibt ihm noch heute einen ziemlich negativen Beigeschmack. Damals wurden besonders kinderreiche Mütter als Heldinnen des Volkes gefeiert, weil sie den "arischen Nachwuchs" fördern sollten. So manipulierte man die Frauen zum Kinderkriegen, um genügend "Menschenmaterial" in Kriegszeiten zum Verheizen zu haben. 

1933 wurde der Muttertag zum öffentlichen Feiertag erklärt und erstmals am 3. Maisonntag 1934 als "Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mütter" mit der Einführung des Reichsmütterdienstes in der Reichsfrauenführung begangen. Diese "Mütterweihen" wurden in Konkurrenz zu christlichen Feiern auf sonntags um 10 Uhr angesetzt. 1938 dann wurde zudem das Ehrenkreuz der Deutschen Mutter eingeführt. Dieses wurde 1939 am Muttertag erstmals verliehen*

Dass man die kultische Verehrung der Mutter, wie in der NS-Zeit üblich, zwischenzeitlich ad acta gelegt hat, ist sehr lobenswert, doch dass der Tag weiterhin ein gewinnversprechendes Event für den Kommerz ist, lässt sich nicht gerade bejubeln, bei all dem Kitsch, der genau für diesen Tag produziert wird. Muttertagsherzen soweit das Auge reicht. 

Jeder weiß, dass die Herzform hauptsächlich als Symbol für die Liebe gilt, kleine Kinder deshalb bereits begeistert Herzchen malen und diese mit roten Strahlen zum Leuchten bringen wollen. Dass liebende Herzen leuchten müssen, ist im kollektiven Bewusstsein seit Jahrtausenden gespeichert.

Doch ein gekauftes Kuchenherz mit rotem Zuckerguss ersetzt keine innige Umarmung und um diese geht es doch schließlich am Muttertag, oder? 

Auf Twitter sind seit Freitag bereits immer wieder Kuchen in Herzform gepostet worden und auch rote Rosen ganz ähnlich wie am Valentinstag. LIEBE ist eben mehr als ein Wort. Doch LIEBE ist nicht Kuchen.

Kinder müssen sich sehr verändert haben, wenn sie ihren Müttern solche Geschenke als Dankeschön machen wollen. . 

Wie sehr hat der Kommerz  die  kleinen Mädchen und Jungs mittlerweile im Griff?

Ich entsinne mich noch sehr gut als meine Lehrerin im dritten Schuljahr uns Kindern davon erzählte, wie sie selbst als kleines Mädchen Wiesenschaumkraut zum Muttertag pflückte, den Stuhl ihrer Mutter mit den Blüten schmückte und ihr voller Freude einen dicken Strauß dieser selbstgepflückten Blumen zum Ehrentag schenkte.  Ihre Botschaft war eindeutig. 

Die Lehrerin war zu diesem Zeitpunkt hoch schwanger, ging wenige Tage später in Schwangerschaftsurlaub. Sie strahlte eine unvergessliche Ruhe aus. Ich bin mir sicher, dass aus ihr eine sehr gute Mutter geworden ist, die ihren Kindern das vermitteln konnte, worum es im Leben eigentlich geht: um Herzenswärme. 

Diese Grundschullehrerin  sah ich danach nie mehr, doch genau wegen dieser Geschichte ist sie in meiner Erinnerung verblieben, denn sie vermochte in wenigen Worten zu vermitteln, worum es am Muttertag geht:  Der Mutter Freude zu schenken und sich bei ihr zu bedanken. 

Kommerz sollte außen vor bleiben, wenn Kinder in Sachen Liebe fürs Leben etwas lernen sollen.

PS: Es gibt nicht wenige Kinder, die nicht das Ergebnis von Liebe, sondern stattdessen von bloßem Sex oder gar Berechnung sind. Kinder, die vom ersten Lebenstag Ablehnung verspürten und von ihren Müttern belogen und betrogen wurden. Dankbar am Muttertag? Ja, den liebenden Müttern.

Helga König

* Wikipedia Muttertag


Sonntag, 5. Mai 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 5.5.2019

"Der Zustand der Dankbarkeit ist der Vorhof zum Paradies. Sagt er." 

Diese Sentenz von #Raimund_Schöll ließ mich gestern innehalten. Ich fragte mich: Wann befindet man sich im Zustand der Dankbarkeit? Wie schaut der Vorhof zum Paradies aus? 

Wikipedia definiert "Dankbarkeit* ist ein positives Gefühl oder eine Haltung in Anerkennung einer materiellen oder immateriellen Zuwendung, die man erhalten hat oder erhalten wird. Man kann dem Göttlichen, den Menschen oder sogar dem Sein gegenüber dankbar sein, oder allen zugleich."

Wenn man das Paradies als einen Ort der Glückseligkeit definiert, so dürfte der Vorhof dazu, ein Ort sein, der uns zumindest innere Zufriedenheit schenkt. 

Mir sind einige Male in meinem bisherigen Leben Menschen begegnet, die gänzlich undankbar waren und zwar tatsächlich allen ihren Mitmenschen gegenüber. Gemeinsam war allen eine unendliche Habgier, ein Phänomen, mit dem ich mich seither intensiv auseinandergesetzt habe. 

Alle betrachteten es als eine Selbstverständlichkeit, dass andere für sie ihren persönlichen Wohlstand mehrten, ihre Lebensenergie für sie verausgabten und ihnen immer und immer mehr zu Füßen legten. Allen gemeinsam war eine latente Übellaunigkeit, Hochmut und ein Mangel an Wertschätzung Dritten gegenüber

Keinen dieser armseligen Personen habe ich jemals wirklich herzlich lachen sehen und für alle war es undenkbar, aus tiefster Überzeugung DANKE zu sagen, weder im Hinblick auf kleine noch auf große Geschenke. Der Grund war, dass sie letztlich nicht verstanden haben, was eine Geschenk, bzw. eine Gabe ist, weder im materiellen noch im immateriellen Sinne. 

Von allem das größte Stück, möglichst natürlich alles, von allem das Allerbeste, davon möglichst immer mehr, dazu ewige Gesundheit und ewiges Leben als Selbstverständlichkeit für sie ganz allein, auch wenn der Rest sich völlig verausgaben und am Hungertuch nagen würde… Das ist das Prinzip dieser Haltung, das in unserer Gesellschaft übrigens häufiger vorkommt als man gemeinhin annimmt. 

Zufriedenheit gibt es bei diesem Personenkreis oder anders formuliert, bei dieser charakterlichen Deformation nicht, stattdessen ist ein nicht enden wollender Neid feststellbar. Genau dieser Neid  ist der Zustand im Vorhof der Hölle, wenn man die Hölle als Ort unstillbarer Süchte begreift, die die sich selbst dorthin Verbannten täglich erleiden müssen, dann dort allerdings andere dafür hassen, weil diese, gleichgültig wie viel sie ihnen schenken, ihre Süchte niemals befriedigen können. 

Die Erwartungshaltung dieser extrem infantilen Menschen ist riesengroß und ihre Dankbarkeit gleich Null. Wer je solche Charaktere erlebt hat, weiß um das Glück dankbar sein und wertschätzen zu können, weiß wie schön es ist, mit anderen im Dank verbunden zu sein, weiß wie zufrieden es macht, die Leistungen und Geschenke, z. B. ein gütiges Lächeln, anderer, sichtbar anzuerkennen, sich darüber zu freuen und sich dafür vor allem auch ehrlich zu bedanken. 

Nichts auf dieser Welt ist selbstverständlich. 

Paradiesische Zustände sind stets das Ergebnis einer Gemeinschaftsleistung. 

Egibt nur einen Grund, weshalb einige wenige oder gar nur ein Mensch annehmen können, dass sie das, was die Gemeinschaft oft über Generationen geschaffen hat, für sich alleine haben und sogar undankbar mit Füßen treten können, indem sie, sofern sich die Gelegenheit bietet, die Ressourcen aller sinnlos verbraten, um ihren Größenwahn und ihre Gier auszuleben. Dieser Grund ist ihre verantwortungslose Infantilität, ihre Unreife als Mensch, selbst im hohen Alter noch, ihre Verweigerung sich tatkräftig und verantwortungsbewusst in die Gemeinschaft einzubringen, kurzum ihre selbstverschuldete Unmündigkeit.

Wer nur nehmen und nicht geben will, selbst ein Dankeschön oder ein kleines Lächeln anderen versagt, hat vom Menschsein nichts begriffen, für den ist der Vorhof des Paradieses nirgendwo zu finden, er bleibt unzufrieden bis ans Ende seiner Tage. 


Helga König

Wikipedia:

Sonntag, 28. April 2019

Sonntagskolumne Helga König, 28.4.2019

Die Schwedin Alice Marianne twitterte vor ein paar Stunden ein Werk des Malers und Illustrators #Norman_Rockwell (*3. Februar 1894 in New York; †8. November 1978 in Stockbridge, Massachusetts). 

Der Titel des Bildes lautet "Girl Running with Wet Canvas". Gemalt hat es der amerikanische Künstler im Jahr 1930. Da ich über Norman Rockwell bislang nichts wusste, habe ich mich zunächst auf die Schnelle bei Wikipedia über ihn informiert und bei Google Bild einige seiner Werke angeschaut. 

Im Zeitraum von 40 Jahren hat Rockwell insgesamt 322 Titelbilder für die Wochenzeitschrift "Saturday Evening Post" kreiert und allein schon deshalb einen hohen Bekanntsheitsgrad in den USA erlangt. 

 Norman Rockwell | 1894-1978
Girl Running with Wet Canvas | 1930
Bildnachweis: https://twitter.com/_Emmet_Emmet
Mir geht es bei meiner heutigen Kolumne nicht darum, mich mit der Biografie des Künstlers zu befassen oder darüber zu befinden, ob viele seiner Bilder tatsächlich kitschig waren oder aber auch nicht, sondern ich möchte mich nur mit dem geposteten und hier eingebundenen Bild beschäftigen, das mich spontan sehr angesprochen hat und dazu bewegte, inne zu halten und mich mit der Geschichte, die das Motiv erzählt, ein wenig zu befassen. 

Wir sehen eine junge Frau mit Nickelbrille, vermutlich eine Kunststudentin, deren farblich wunderbar aufeinander abgestimmte Kleidung und die Schuhe auf die Jahreszeit verweisen, die auf ihrem gemalten Bild, das sie in der rechten Hand trägt, dokumentiert wird. Es ist Frühling. 

Die junge Frau hatte sich schon am Vormittag mit ihrem Malzeug und der Staffel für die Leinwand in die Natur begeben, weil sie das Blütenmeer in hellen Farben festhalten wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie sich schon vorgenommen auf die Farbe Grün fast völlig zu verzichten, um auf diese Weise intensiv dem Licht zu huldigen, ganz so wie es einst die Impressionisten vor ihr taten. 

Norman Rockwell verrät durch die Rocklänge und die Frisur der jungen Malerin, dass  sie wenige Jahre  vor dem 1. Weltkrieg das Licht der Welt erblickte, in einer Zeit vollkommen anderer Stilrichtungen also aufwuchs.

Der Betrachter (m/w) vermutet vielleicht, dass die Künstlerin sich nun zu Anfang ihres Studiums in einzelnen Stilrichtungen üben wollte, um diese inhaltlich und von den Farben her im Detail besser nachvollziehen zu können und beginnt sich in die junge Frau und ihr Bild hineinzuversetzen.

Der zunächst sonnige Frühlingstag schien wie geschaffen für ein impressionistisches Bild, auf dem Azur und Weiß als Farben dominieren, unterbrochen von nur wenigen helllindgrünen Flächen. Das Werk war bereits vollendet als die junge Frau von einem Regenschauer überrascht wurde, denn wie man sieht, gibt es auf ihrem Gemälde noch keine grauen Wolken. 

Vielleicht wollte die Malerin ihr Werk noch ein wenig trocknen lassen und betrachtete es - in Künstlerträumereien versunken- verliebt, weil es ihr stilistisch sehr gut gelungen war. Damit konnte sie sich an der Kunstakademie sehen lassen.

Träumen kann gefährlich werden, wenn man dabei das, was um einen herum geschieht, vergisst. 

Als die junge Frau den Regen auf ihren Händen spürt, ist sie endlich erwacht und läuft mit der nassen Leinwand in ihrer rechten Hand im Eilschritt nach Hause, in der Hoffnung ihr Werk retten zu können. Ob es ihr gelungen ist, wissen wir nicht. 

Was wir aber  wissen,  ist, dass Norman Rockwell es für sie rettete,  indem er es in die Geschichte der jungen Künstlerin, die er auf seinem Werk erzählt, verewigt hat und sich auf diese Weise als Menschenfreund outet. 


Helga König

Freitag, 19. April 2019

Helga König, Sonntagskolumne 21.4. 2019

#André_Niedostadek twitterte am 16. April nachstehende Sätze: "Was diese Tür in #Halberstadt vielleicht alles für Geschichten erzählen könnte?! Von all den Leuten, die über die Türschwelle gegangen sind. Von Freude und Leid. // Licht und Schatten liegen oft nahe beieinander. An diesem sonnigen Morgen zeigt sich das eindrucksvoll ..." und postete dazu das Foto, das ich in meine heutige Kolumne eingebunden habe. 

Diese Tür macht neugierig, weil von innen offenbar irgendwann Holzbretter angenagelt wurden, um sie zu stabilisieren oder den Haupteingang des unbewohnten Hauses vor Einbrechern zu sichern. Das Glas in den kleinen Fensterchen ganz oben scheint nicht mehr vorhanden zu sein. Man hat es nicht erneuert. Weshalb nicht?

Die beiden Klingeln rechts deuten darauf hin, dass dort zumindest bis vor einiger Zeit noch Menschen gewohnt haben, auch das Bks-Schloss gut eine halbe Armlänge oberhalb des uralten Schlosses unter dem Türgriff sagt dies aus. Ob es sich um ein Fachwerkhaus handelt, kann man nur vermuten. Die Türschwelle aus Holz, sieht ganz danach aus. Weshalb ist dieses Haus noch nicht saniert worden?

 Foto: André Nidostadek
Halberstadt gilt als das Tor zum Harz. Der Ort ist weit mehr als tausend Jahre alt und war einst der Hanse angeschlossen, d. h. dieser Handelsplatz war demnach recht wohlhabend. Die Innenstadt wurde zu Ende des 2. Weltkriegs zu 80% zerstört, konnte ich Wikipedia* entnehmen und auch, dass die Fachwerkhäuser in der Altstadt, die die Bombenangriffe überlebt hatten, zu DDR-Zeiten dem Verfall preisgegeben wurden. Das dürfte auch das Schicksal des hier fokussierten Hauses gewesen sein. Ab 1990 dann wurde die Altstadt restauriert, allerdings scheint dieser Vorgang noch nicht abgeschlossen zu sein. 

Die Tür des Hauses, das André Niedostadek fotografiert hat, lässt vermuten, dass hier noch viel investiert werden muss. Vielleicht streitet sich eine Erbengemeinschaft, die weit verstreut an anderen Orten lebt oder der Eigentümer ärgert sich, dass das Gebäude unter Denkmalschutz steht, er eigentlich ein modernes Haus auf das Grundstück errichten wollte und sich nun mit dem Haus seiner Vorfahren  befassen soll, das ihn der Erinnerungen wegen geradezu erdrückt. 

Die beiden Klingeln lassen vermuten, dass das Haus maximal drei, vermutlich nur zwei Stockwerke hat. Ein Patrizierhaus aus der alten Hansezeit scheint es demnach nicht zu sein, denn dann wäre die Eingangstür breiter, wohl aber ein Haus von Halberstädter Bürgern, die seit Generationen dort lebten. Waren es vielleicht Halberstädter Juden? 

Seit Mitte des 13. Jahrhunderts haben sich immer wieder Juden in Halberstadt angesiedelt und dort Pogrome erlitten, sind vertrieben worden und sind, wenn es die politische Situation erlaubte, wiedergekommen, erfährt man auf der Website mit dem Titel "Juden im alten Halberstadt". 

Zu Beginn der Naziszeit gab es noch 706 Juden in der Stadt, die dort ihren Lebensunterhalt erarbeitet haben, 1939 waren es noch 239 Personen. 1938 schoben die Nazis einen großen Teil der aus Polen zugewanderten Juden in das Gebiet vor der polnischen Grenze ab. 1942 war das Todesjahr der noch in Halberstadt verbliebenen Juden. Sie wurden nach Warschau und Auschwitz deportiert. Keiner von ihnen also ist zurückgekommen.**  

Wenn das Haus einer jüdischen Familie gehört hat, die 1942  nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde, später dann in DDR-Zeiten von Menschen bewohnt war, die nach der Wende ihre Koffer packten und in den Westen gingen, könnte es auch durchaus sein, dass die Verwandten der rechtmäßigen jüdischen Eigentümer vor Kurzem erst ermittelt werden konnten und die Sanierungsarbeiten erst in den kommenden Jahren machbar sind, weil tausend Behördengänge davorstehen, die  alles andere als zum kreativen Tun  motivieren. 

Wem auch immer das Haus gehört haben mag, es steht heute offenbar leer. Die Tür führt demnach in Räume, die unzählige Erinnerungen in sich bergen. Es ist Geisterhaus, das Vorübergehende leise ruft, um deren Neugierde  zu wecken.

Gespräche längst vergangener Zeiten, nicht nur Liebesgeflüster, auch Streit, Versöhnungen,  Existenzängste, Freude, wenn Dinge glückten,  zudem immer wieder Tränen und Trauer, all das hat dieses Haus gespeichert. Es gleicht einer Therapie, wenn es jetzt eine Zeit lang unbewohnt, die Vergangenheit ausatmen kann. 

Sensible Menschen spüren das und fühlen auch, wenn es Zeit wird, das Gebäude zu erneuern, ihm sein altes Gesicht aber zu lassen, es dabei mit dem Zeitgeist von Morgen zu versöhnen und sich darüber zu freuen, dass man  es retten kann.

Häuser haben eine Seele. Das sollte man sich bewusst machen.

Helga König

* Wikipedia Halberstadt

Sonntag, 14. April 2019

Helga König: Sonntagskolumne, 14.4.2019

Die winzige Schmuckreparaturwerkstatt hier vor Ort wird von einer Äthiopierin betrieben. Nur einige Stunden in der Woche hat sie den Laden geöffnet, bringt neue Lederarmbänder an Uhren an, repariert gekonnt gerissene Halsketten oder auch Armbänder. 

Diesen Laden besuchte ich letzten Freitag, weil das Uhrband meiner Mutter erneuert werden musste. Der Bruder der Äthiopierin half an besagtem Tag aus und so kam ich mit ihm ins Gespräch. Er sprach sehr gut Deutsch, das machte mich neugierig. 

Ich fragte ihn wie lange er schon hier lebe und was er früher in seiner Heimat gemacht habe, ob er ein Uhrmacher sei. Er berichtete, dass er vor der Wende in Russland Bauingenieurwesen studierte, jedoch während der Perestroika sein Studium abgebrochen habe und nach Berlin gegangen sei, weil er in Freiheit leben wollte und hoffte hier weiter studieren zu können. Daraus aber sei nichts geworden, denn er habe sich um seinen Broterwerb kümmern und erst einmal die deutsche Sprache erlernen müssen. All das sei nicht unproblematisch gewesen, weil zunächst keiner ihm half. Doch dann habe er eine Schreinerlehre machen können und in diesem Beruf lange gearbeitet bis er krank geworden sei.

In Hessen und in Berlin seien die Menschen stets fair mit ihm umgegangen. In Sachsen hingegen habe er weniger gute Erfahrungen gemacht und sich oft geärgert, weil man ihn aufgrund der Tatsache, dass er eine dunkle Hautfarbe habe, vorverurteilte, er im Zug stets seine Fahrkarte vorzeigen musste, während die weißen Fahrgäste das nicht brauchten. Das habe ihn gekränkt. Dass Ehrlichkeit keine Frage der Hautfarbe sei, scheine manchen Leuten offenbar nicht bewusst zu sein. 

Während er das neue Uhrband an der Uhr befestigte, meinte er, dass junge Menschen ja kaum noch Uhren tragen würden, weil sie die Zeit im Smartphone oder im Iphone checkten. Die meisten Kunden seiner Schwester kämen aus den hiesigen Altenwohnheimen. Nach seiner Ansicht waren Armbanduhren ein Auslaufmodell wie so vieles andere auch seit es das Internet gibt. Irgendwann in naher Zukunft würden die Maschinen alles übernehmen. Vielleicht sei ja auch der Mensch ein Auslaufmodell... 

Auf meinem Nachhauseweg dachte ich an die Änderungsschneiderei hier vor Ort. Sie wird von einer freundlichen Bulgarin betrieben, auch an den Schuster aus Marokko, den Konditor aus Syrien und andere sehr gute Handwerker  aus fremden Ländern mehr. All diese Menschen kommen aus Welten, die keine Wegwerfgesellschaften sind. Ihr handwerkliches Können lässt sie selbst schwierige Zeiten überstehen, weil sie sich zu helfen wissen. 

Wie sollen Menschen problematische Zeiten überleben, die noch nicht mal mehr wissen, wie man Kartoffeln oder Tomaten pflanzt oder ein paar Kräuter zieht? 

Beim türkischen Obst- und Gemüsehändler trifft man auf türkische, syrische und marokkanische Frauen, die noch wirklich gut kochen können und mit den vielen Gewürzen, die dort angeboten werden, tatsächlich fachgerecht umgehen können. 

All das macht die Überlebensfähigkeit aus, die in Wohlstandgesellschaften immer mehr verloren geht, zugunsten einer gefährlichen Bequemlichkeit, die im Grunde demonstriert, dass der Zenit dieser Gesellschaften überschritten ist. Auf die Gnade der Maschinen zu hoffen,  scheint mir töricht zu sein, denn Maschinen sind bekanntermaßen seelenlos. 

 Helga König

Sonntag, 7. April 2019

Helga König: Sonntagskolumne 2- 7.4.2019

#André_Niedostadek fragt in seinem heutigen Nostalgie-Tweet, womit man das weiter unten abgebildete Zehnpfennigstück assoziert.

Spontan fiel mir beim Anblick dieser Münze der kleine Tante- Emma-Laden wieder ein, der auf meinem Schulweg lag, als ich die dritte und vierte Klasse besuchte. Das Geschäft wurde von einer pensionierten Handarbeitslehrerin und ihrer Schwester betrieben. Diese beiden älteren Damen waren überaus herzlich und wurden deshalb von allen Kindern geliebt. 

Schulhefte, bunte Heftschoner aus Plastik, Blei- sowie Buntstifte, Füller mit türkisfarbenen Tinten-Patronen aber auch Wolle, Perlgarn, Strick- sowie Nähnadeln konnte man dort kaufen und es waren Kinder- sowie Jugendbücher, zudem winzige Stoffrosen als Geschenk zum Muttertag  hier zu haben. All das hatte natürlich mehr als 10 Pfennig gekostet. 

 Foto: André Niedostadek
Doch dann gab es da noch die dicken Gläser mit silbernem Schraubverschluss auf dem Tresen, gefüllt mit steinharten Himbeerbonbons oder mit bunten Gummibärchen oder mit Lakritzschnecken oder mit zahnunfreundlichen Karamellen oder  auch mit Brausewürfeln. 

Zwanzig Gummibärchen kosteten zehn Pfennig, zwei Brausewürfel ebenso viel. Die Brausewürfel prickelten auf der Zunge. Deshalb entschied ich mich zumeist für sie. Sie belustigten mich also und so kicherte ich mich am frühen Morgen in den Unterricht.

Es gab noch einen weiteren Tante-Emma-Laden, der öffnete aber erst um acht Uhr. Dort konnte man Eis am Stiel kaufen. Ein kleines Eis kostete damals zwanzig Pfennig. Am Eingang dieses Ladens war ein Kaugummiautomat angebracht, der kleine Mädchen sehr interessierte, weil man mit etwas Glück neben einer Kaugummikugel auch noch einen Ring erwerben konnte, den man seiner besten Freundin schenkte als Zeichen dafür, dass man sie sehr liebte. Der Einsatz dieses Glückspiels betrug zehn Pfennig.

Ein Schokokuss kostete ebenfalls zehn Pfennig. Den gab es in beiden Läden. Damals hieß er noch "Mohrenkopf". Der Hersteller von der Bergstraße veräußerte diese Schaumteile fünfzig oder hundert stückweise in einem braunen Karton, der mit einem Gesicht eines farbigen Kindes mit schwarzen Löckchen und dicken Lippen illustriert war, an die Händler, die die Schokoküsse, dann einzeln an kleine Mädchen und Jungs weiterverkauften. Der Begriff "Mohr" war bei Kindern damals so positiv besetzt, dass sich viele kleine Mädchen einen Sarotti-Mohren als Dekoration für ihr Kinderzimmer wünschten. Eine solche schwarze Puppe mit rot-blauem Turban gab es auf dem Jahrmarkt am Süßwarenstand zu sehen. Dort konnte man übrigens auch Süßigkeiten für  zehn Pfennig erwerben. So etwa  türkischen Honig in einer Muschel oder auch Schaumwaffeln. 

Über die Gefahren von Zucker dachte damals  noch kaum einer nach, denn Süßigkeiten gab es selten und nur in kleinen Mengen. Zehn Pfennig in Süßigkeiten zu investieren, war für Kinder gewissermaßen noch ein Ereignis, das man nicht so schnell vergaß. 

Später konnte man mit zwei Zehnpfennigstücken im Telefonhäuschen stundenlange Ortsgespräche führen, wenn man ungestört mit seinen Freundinnen sprechen wollte, so als würden sie am anderen Ende der Welt leben.  Zu berichten gab es immer viel. Zumeist über Verliebtheiten.

..und dann kam der Ärger mit der Parkuhr. Zwei Zehnpfennigstücke reichten selten. Doch das war schon eine andere Zeit.

Helga König.

Samstag, 6. April 2019

Sonntagskolumne Helga König, 7.4.2019

Nachstehenden Tweet habe ich zu Beginn dieser Woche gepostet: "Hat man früher in Ernährungssendungen übers Abnehmen gesprochen, geht es heute um Gesundheit generell. Siehe gestern bei Maischberger. Man spricht leider immer noch nicht offen genug über den Killer Nr. 1: Zucker. Die Zuckerlobby verhindert dies."

Prof. Dr. Andreas Michalsen, dessen Buch "Mit Ernährung heilen" ich kürzlich rezensiert habe, schreibt  "70 Prozent aller chronischen Erkrankungen haben ihre Ursache auch in falscher Ernährung". 62 Prozent aller erwachsenen Männer in Deutschland sind übergewichtig* und dies hängt  fast immer mit falschen Ernährungsgewohnheiten zusammen. 

Eine Fülle von Kochbüchern mit  zumeist einem jeweils sehr guten Warenkundeteil, hervorragende Ernährungsfibeln und aufklärerische Kochsendungen haben in den letzten Jahren leider nicht bewirkt, dass die Konsumenten Vernunft angenommen haben. Warum bloß?

Die Folge von zuckerbedingten Stoffwechselentgleisungen sind chronische Erkrankungen wie Diabetes, Arteriosklerose, Depressionen, Reizdarmsyndrome, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom, neurodegenerative Krankheiten (Multiple Sklerose, Alzheimer, Demenz, Parkinson) chronische Müdigkeit, Burnout-Syndrom bis hin zu Herzsuffizienz, Herzinfarkt und Krebs.**

Die Deutsche Diabeteshilfe lässt die Leser wissen, dass es in Deutschland aktuell mehr als 6 Millionen Menschen mit Diabetes und jeden Tag fast 1.000 Neuerkrankungen gibt. Mehr als 90 Prozent der Betroffenen leiden an Typ-2-Diabetes.  Jede Stunde sterben drei Menschen an dieser Krankheit. 40.000 Amputationen pro Jahr  sind eine Folge von Diabetes und jedes Jahr erblinden 2.000 Menschen neu durch sie. 30 bis 40 Prozent Diabeteskranker haben Nierenschäden. Dabei werden jedes Jahr mehr als 2.000 Patienten durch Diabetes neu dialysepflichtig. Diabetes erhöht das Schlaganfall-Risiko um das Doppelte sogar bis Dreifache.*** 

Das alles sollte zu denken geben.Wann endlich geht man gegen den offenen und versteckten Zucker in Industrielebensmitteln staatlich vor? Hat man immer noch nicht begriffen, dass wenig geschulte und alte Menschen beim Einkauf ihrer Lebensmittel oftmals überfordert sind?

Todesursache Nr. 1 sind in Deutschland allerdings nach wie vor Herzkrankheiten. Wie Prof. Dr. Andreas Michalsen, schreibt, liegt zumeist schon über viele Jahre eine chronische Erkrankung der arteriellen Blutgefäße, eine Arteriosklerose, einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zugrunde. Werden Risikofaktoren wie erhöhte Blutfette, Bluthochdruck, Übergewicht, Stress und Rauchen nicht abgebaut, sollte jedem klar sein, was dann früher oder später folgt.**** 

Ja, es gibt präventive und heilende Ernährung für Herz und Gefäße, bei Bluthochdruck, bei Diabetes Typ 2, für Nierenkranke, bei Arthrose, bei Rheuma, bei Hauterkrankungen, bei Allergien und Asthma. Sogar dem oft tödlich verlaufenden Krebs lässt sich durch Ernährung vorbeugen, doch nicht mit Fastfood, nicht mit denaturierten Nahrungsmitteln, nicht mit Transfetten, vor allem nicht mit Zucker, dem Killer Nr. 1. Zucker übersäuert den Körper, lässt ihn schneller altern, macht ihn dick und krank. 

Eine neue Esskultur für alle ist angesagt; weg von dem krankmachenden Fastfood, weg vom Zucker, weg vom Weißmehl und von Transfetten. Ein Hin zu mediterraner Küche sei allen geraten- das kann man nicht oft genug herunterbeten- vor allem sollte man täglich Knoblauch, Chilischrot, Ingwer und viele frische Kräuter, gekochte Tomaten und kaltgepresstes Oliven oder Rapsöl zu sich nehmen, sich  aktiv an gemeinsamen Tischgesprächen beteiligen (dabei das Lachen nicht vergessen), sich beim Arbeiten  Ruhepausen gönnen und täglich 1/2 Stunde spazieren gehen. Dies alles tut gut und ist gesundheitsfördernd, schont das Herz und die Psyche.

Was noch? Energievampiren sollte man den Rücken kehren, selbst wenn sie uns lukrative materielle Vorteile bieten, denn diese können die gesundheitlichen Nachteile niemals aufwiegen.

Helga König

Sonntag, 24. März 2019

Sonntagskolumne Helga König, 24.3. 2019

"Phantasie haben heißt nicht, sich etwas ausdenken; es heißt, sich aus den Dingen etwas machen." (Thomas Mann) 

Um sich aus den Dingen etwas zu machen, ist es notwendig, sie zunächst bewusst anzusehen und zu bestaunen. 

Etwas Eigenes aus dem, was man schätzt oder liebt, zu kreieren, macht nicht nur den Künstler aus. Nur wer Phantasie hat, kann sich weiterentwickeln und den Schwierigkeiten, die jede Zeit mit sich bringt, trotzen. 

Positive Phantasie aller zu fördern, bedeutet, Menschen das Rüstzeug mitzugeben, das sie in die Lage versetzt, jede Wüste in ein Paradies zu verwandeln, auch wenn dies mitunter mehrere Generationen in Anspruch nehmen kann. 

Wer sich aus den Dingen nichts macht, ist gleichgültig, vertut seine Zeit, konsumiert das, was ist und lebt im "Nach-mir die Sintflut-Modus". 

Steinwüsten in Städten nicht länger hinzunehmen, hat Architekten, die den gesundheitlichen Nachteil für die Bewohner begriffen haben, dazu gebracht, Häuser zu begrünen und zwar so, dass das Grün bei Sturm kein Risikofaktor darstellt. Ein Häuserbauer, der sich aus Häusern nichts macht, sondern sie baut, weil der Großvater bereits Häuser baute, wird ebenso wenig inspiriert sein, sie den Problemen der Zeit anzupassen, wie ein Bauer, der auf der Scholle seiner Vorfahren arbeitet, jedoch das Stück Land und das, was er anbaut, nicht wirklich liebt. 

Man muss für eine Sache brennen, wenn sich Phantasie entwickeln und mit ihr ein Schaffensprozess in Gang gesetzt werden soll, der uns Freude schenkt und das, was ist, in irgendeiner Form erblühen lässt. Deshalb sollten Eltern auch die Begabungen ihrer Kinder fördern und beruflich ihren Weg gehen lassen, anstatt sie in Berufe zu zwängen, die sie selbst gerne gehabt hätten oder die das Kind ausführen soll, um den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Zwänge bewirken, dass die menschliche Phantasie alles unternimmt, um dem Ungeliebten auszuweichen oder es zu zerstören. 

Begnadete Köche stellen aus Produkten, die von ihrer Art geschmacklos sind, Köstlichkeiten her, weil sie gelernt haben, diese raffiniert zu würzen. Lustvolle Lernprozesse – wie der gekonnte Umgang mit Gewürzen- sind nur dann möglich, wenn man  die Dinge schätzt, wenn man mehr über sie erfahren und etwas - möglicherweise spektakulär Neues -  damit kreieren möchte. So verhält es sich  natürlich  auch in der Musik, in der Kunst, beim Texten und bei vielem anderen mehr. 

Ein sprachbegabter Mensch mit einer Ader für Poesie wird irgendwann Gedichte schreiben, weil seine Phantasie ihm den Weg dazu eröffnet. Je weniger der Perfektionismus-Anspruch (Zwang) ihn heimsucht, umso größer ist die Chance, im Tun zu reifen und wirklich Bemerkenswertes auf den Weg zu bringen. Alles, was den kreativen Fluss in seinem Verlauf stört, ist kontraproduktiv

Wenn ein Mensch sich aus Dingen etwas macht, die ihn oder andere zerstören, wird er bei entsprechender technischer Begabung, leider Dinge entwickeln, die für friedliebende Zeitgenossen unvorstellbar in ihrer zerstörerischen Kraft sind. Deshalb sollte man Begabungen stets so fördern, dass sie sich nicht an Destruktivem phantasievoll entzünden. 

Wer das Gute, Wahre und Schöne liebt, hat eine wirkliche Chance, sein ganzes Leben hindurch Glücksmomente zu kreieren -  für sich und alle anderen - und wird auf keinen Fall im gelangweilten "Nach-mir-die Sintflut-Modus" leben, der Freude, - das Lebenselixier aller Menschen- nicht zulässt.

Helga König.

Sonntag, 17. März 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 17.3.2019

Am 12. März schrieb ich folgenden Tweet: "Was ist wirklich wichtig im Zusammenhang mit Kommunikation? Ich fang mal an und bitte Euch fortzufahren mit der Liste: 
1. Entspanntheit "

Genannt wurden: 
4x Zuhören 
4x Respekt 
3x Offenheit 
2x Empathie 
2x Vertrauen
2x Ausreden lassen, ohne zu unterbrechen
2x Entspanntheit 
1x Demut, im Sinne von „sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten.“ 
1x Neutralität 
1x Emotionale Ausgeglichenheit 
1x Meinungsoffen sein… Perspektive wechseln 
1x Wertschätzung 
1x Augenhöhe 
1x Herzlichkeit 
1x Miteinander lachen können
1x Mitdenken, wenn der andere redet. 
1x Ehrlichkeit 
1x Absolute Ehrlichkeit 
1x Interesse 
1x Fairness 
1x Toleranz 
1x Aufmerksamkeit 
1x Konzentration 
1x Präsenz 
1x Mimik und deutliches Mundbild. 

"Wikipedia lässt seine Leser wissen: #Kommunikation (lateinisch communicatio ‚Mitteilung‘) ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedenen Arten (verbal, nonverbal) oder verschiedenen Wegen (Sprechen, Schreiben) stattfinden kann. 

"Information" ist in diesem Zusammenhang eine zusammenfassende Bezeichnung für Wissen, Erkenntnis, Erfahrung oder Empathie. Mit "Austausch" ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen gemeint; "Übertragung" ist die Beschreibung dafür, dass dabei Distanzen überwunden werden können, oder es ist eine Vorstellung gemeint, dass Gedanken, Vorstellungen, Meinungen und anderes ein Individuum "verlassen" und in ein anderes "hineingelangen". Dies ist eine bestimmte Sichtweise und metaphorische Beschreibung für den Alltag – bei genaueren Beschreibungen des Phänomens Kommunikation wird die Anwendung dieser Metapher allerdings zunehmend schwieriger."* 

Was ist wirklich wichtig, um Kommunikation glücken zu lassen? Diese Frage sollten wir uns in Zeiten der #Kommunikationsgesellschaft immer wieder stellen und uns die einzelnen relevanten Punkte bewusst machen, um auf diese Weise fruchtbaren, geistigen Austausch zu mehren. 

Die Liste, eine Momentaufnahme, - freilich ohne statistische Aussagekraft- habe ich bewusst mit dem Verhaltensmuster der Entspanntheit, sprich emotionalen Ausgeglichenheit begonnen, weil ein diesbezüglicher Mangel zu vorschnellen Äußerungen, mitunter sogar zu unbedachten Beleidigungen führen können- speziell in den sozialen Netzwerken, wo Mimik und ein deutliches Mundbild ja bekanntermaßen nicht vorkommen, es sei denn ein User postet Clips von sich oder anderen. Die Folgen sind dann in der Regel, verbale Scharmützel, Verschnupftheit, Shitstorm und Kontaktabbruch, die keiner braucht. 

#Zuhören und #Respekt sind neben #Offenheit die Verhaltensarten, die am meisten genannt worden sind. 

Dem Zuhören zugeordnet werden können Aufmerksamkeit, Konzentration, Präsenz, Zugewandtheit und Entspanntheit.

Dem Respekt zugeordnet werden können Ausreden lassen, ohne zu unterbrechen, Wertschätzung, Demut, im Sinne von sich selbst nicht für das Maß aller Dinge halten, Augenhöhe, Fairness, Mitdenken, wenn der andere spricht, Interesse, Zugewandtheit, Ehrlichkeit, absolute Ehrlichkeit, Präsenz, Neutralität, Empathie und Toleranz. 

Der Offenheit zugeordnet werden können meinungsoffen sein…Perspektive wechseln,  Ehrlichkeit,  absolute Ehrlichkeit, Toleranz, Entspanntheit, Herzlichkeit und Lachen.

Eine Userin hat drei emojis gepostet, die für Entspanntheit, Herzlichkeit und Lachen stehen. Um Kommunikation angenehm zu gestalten, halte ich dieses Verhalten übrigens auch für sehr wichtig, weil sie Offenheit und auch Zugewandtheit dokumentieren. 

Neutral zuzuhören und mitzudenken, wenn der andere redet, bedeutet sich selbst nicht für das Maß aller Dinge zu halten und zum Perspektivwechsel bereit zu sein, unter Umständen seine Meinung zu ändern und vor allem nicht zu verhärten. Verhärtungen sind das Aus für geglückte Kommunikation.

Woran scheitert Kommunikation endgültig? Nach meiner Erfahrung am mangelnden Vertrauen in bestimmte Eigenschaften des Gesprächspartners, allen voran Fairness, Ehrlichkeit und Respekt, an mangelnder Toleranz anderen Meinungen gegenüber und an der Nichtbereitschaft, auf gleicher Augenhöhe sich auszutauschen. 

Kurzum: Kommunikation scheitert selten an Inhalten, sondern fast immer an unliebsamen Verhaltensmustern.  So sind Borniertheit, Arroganz und Unehrlichkeit  m. E. die Totengräber für geglückte Kommunikation. 

Wer ein geschätztes Mitglied der Kommunikationsgesellschaft sein möchte, sollte das Lachen nicht verlernen und sich in Empathie üben, dann sind Toleranz, Respekt und Offenheit nämlich kein Problem, dann auch hört man anderen gerne entspannt zu und akzeptiert - nicht sauertöpfisch-, dass Konsens nicht immer und überall möglich ist.


 Helga König

Wikipedia: Kommunikation 

Samstag, 9. März 2019

Sonntagskolumne, Helga König, 10.3.2019

#André_Niedostadek@niedostadek twitterte gestern das eindrucksvolle Foto unten links und merkte an: "Einen passenden Text dazu darf sich jede*r selbst ausdenken."  

Mir fiel heute Nacht folgende Geschichte dazu ein:

Die Worte "Panta rhei" ("Alles fließt") erlernte Marten als Kind schon im Lateinunterricht. Deshalb überzeugte er sich damals jede Woche auf dem Damm, ob der Strom, den er von dort aus sah, sich noch immer Richtung Meer bewegte. Vom Meer träumte er stets. Er wusste, dass von dort die Schiffe in alle Welt fuhren und man als Passagier viel erleben und sehen konnte. Abenteurer zu werden, war sein Kindheitstraum.

Seitdem waren Jahrzehnte vergangen. Sein Haar war schütter geworden in all der Zeit, wo er weit gereist, oft sehr gute Geschäfte getätigt hatte und von nicht wenigen, wirklich schönen Frauen begehrt wurde. Nun war er müde, auch krank und die Erinnerungen plagten ihn. 

Twitter- Foto: André Niedostadek
Der Satz "Panta rhei" fiel ihm erst wieder ein, als er erneut den Fluss seiner Kindheit sehen wollte. Jetzt gab es eine Treppe, die zum Damm hoch führte und die Gemeinde hatte eine Bank aufstellen lassen für ältere Menschen, die von dort aus das Treiben auf dem Fluss beobachteten. Wie banal, dachte er. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe…! 

Spontan entschied er sich, den Nachmittag auf der Bank zu verbringen, um seine Gedanken fließen zu lassen, während sein Blick, den Verlauf des Flusses zu erfassen suchte. War er bereits ein älterer Mensch? War er auch schon so begrenzt in seinen Interessen?

Diese Fragen gefielen ihm nicht. Er schob sie weg, wie er stets alles ihm nicht Angenehme zur Seite schob, solange er auf der Überholspur zu leben meinte und alles andere als fair zu seinen Mitmenschen war, wenn sie seine Kreise störten. 

Das, was er lange Jahre als Erfolg betrachtete, hatte seinen Preis. Es kostete ihn seine Mitmenschlichkeit, machte auf Dauer sein Herz krank. Er lebte zu lange ein Leben, dass nicht seinem wirklichen Wesen entsprach. Dafür hasste er sich, gleichwohl machte er immer weiter so. Der Erfolg gab ihm Recht, bis irgendwann- völlig unerwartet - sich Fortuna verabschiedete, zunächst im Beruf, dann auch privat. 

Was war das? 

Es wollte nicht aufhören, kam Schlag auf Schlag. Jetzt als er auf der Bank saß und sich selbst bemitleidete, fiel ihm ein weiterer Satz ein, den er als Kind gelernt hatte "denn mit des Geschickes Mächten, ist kein ewiger Bund zu flechten". Das hatte er nicht geglaubt. 

Alles, was er erreicht hatte, war  nur seinem Können und natürlich seinem Charme geschuldet. Dieses Bewusstsein ließ ihn selbstherrlich und immer unsympathischer werden.

Was sollte er tun? In den Fluss springen, um dort zu ertrinken. Ein letztes Mal Fülle erleben? Die Fülle des Wassers? Nein!

"Alles fließt." Es würde wieder besser werden, wenn er all das, was er im Laufe seiner Jahre weggeschoben hatte, verarbeiten würde, dachte er plötzlich. Dann könnte sein Leben erneut fließen, dann könnte er wieder gesund werden.   

Einmal noch geliebt zu werden und endlich wiederzulieben..., kam ihm  nun in den Sinn. Er begann, was ihn irritierte, zu weinen, - ließ es zu-. Jetzt wollte er nicht mehr Abenteurer sein. Es gab für ihn ein neues Ziel und das hieß, lieben zu lernen. 

Den Fluss besuchte Marten fortan stets aufs Neue, denn dieser wurde sein Lehrmeister auf seine alten Tage.

Helga König.

Sonntag, 3. März 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 3.3.2019

Auf #Twitter und #Facebook posten Tag für Tag zahllose User Zitate berühmter Persönlichkeiten. Die Zitate stammen teilweise aus Büchern, die die User gerade lesen oder gelesen haben oder aus Zitate-Sammlungen. Nicht immer kann - selbst bei Zitate-Sammlungen, die als Buch verlegt worden sind - , im Anhang ermittelt werden, wann und in welchem Zusammenhang ein Satz von einer bestimmten Person erstmals gesagt oder geschrieben worden ist, auch bei virtuellen Zitate-Sammlungen ist das nicht immer mühelos nachvollziehbar. Doch muss es dies eigentlich sein, wenn man nicht gerade die Absicht hat, eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen? 

Sofern durch ein Zitat dem vermeintlichen Verfasser nicht geschadet wird, man ihm nicht bewusst Böses in den Mund legt, sondern man sofort erkennen kann, dass der Inhalt des Zitats seiner Geisteshaltung entspricht, halte ich die nicht wissenschaftliche Vorgehensweise für nicht besonders tragisch. 

Viele kennen das Zitat "Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben!", das sowohl #Sophie_Scholl als auch #Che_Guevara in Zitate-Sammlungen zugeordnet wird, weil beide den Satz irgendwann öffentlich geäußert haben und damit ihre geistige Haltung dokumentierten. Offenbar haben sich beide mit dem französischen Philosophen #Jacques_Maritain befasst, denn von ihm stammt diese Sentenz ursprünglich wie man zwischenzeitlich allerorten lesen kann. Es geht den beiden erkennbar nicht darum, sich mit fremden Federn zu schmücken, sondern  darum, durch diesen Satz eine persönliche Einstellung zum Ausdruck zu bringen, nach der sie auch erkennbar gehandelt haben. 

Es gab Zeiten, da mussten Schüler im Lateinunterricht noch lateinische  Zitate auswendig  lernen. Mit diesen Sentenzen gingen dann sich abgrenzen wollende, dünkelhafte, alte Akademiker gerne hausieren, ohne zu wissen, welcher Philosoph die Sätze einst gesagt hatte, ohne zu ahnen, dass dessen Lebensphilosophie möglicherweise der eigenen vollkommen entgegengesetzt war. In solchen Fällen ging es nicht darum, die eigne geistige Haltung in die Nähe der Haltung des Urhebers zu bringen, sondern meiner Erfahrung nach nur um ein dümmliches Sich-aufblasen mit dem Fakt, vor Jahrzehnten Latein  als Unterrichtsfach gehabt zu haben.

Wenn eine Sentenz dem sogenannten "Volksmund" zugeordnet wird, - solche Aussagen sind oft schon Jahrhunderte alt und können demjenigen, der sie zuallererst geäußert hat, nicht mehr zugeordnet werden, weil die Quelle verloren gegangen ist- , dann müsste diese Sentenz m. E. im Grunde nicht mehr gekennzeichnet werden, weil sie definitiv Allgemeingut geworden ist. Das Wort "Volksmund" könnte man sich in den entsprechenden, platitüdenschwangeren Tweets  dann eigentlich ersparen. 

Wie schaut es nun aus, wenn man in den sozialen Netzwerken einen Satz postet, wie etwa "Mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben."? Sophie Scholl hat diese Aussage im Rahmen eines längeren  Satzes geäußert. Sie wird nicht die einzige gewesen sein, die diese klare Position als Satz  formulierte. Muss jeder, der diese Feststellung postet, auf Sophie Scholl verweisen oder genügt in diesem Fall das eindeutige Bekenntnis, das ja alles andere als ein individuelles Bonmot darstellt? 

Zitate sind knappe, häufig sehr knappe Aussagen, die, wenn sie getwittert werden, oft nur einen Teil der möglichen Tweetlänge ausmachen. So fand ich eben gerade in einer Zitatensammlung nachstehenden klugen Satz von dem deutschen Aphoristiker © Fred Ammon. "Jeder kann von jedem lernen, aber einer muss den Anfang machen". Dieser Satz hat, wie ich finde, Allgemeingültigkeit. Nach meiner Ansicht genügt es, diesen Satz unter Nennung des Namens des Aphoristikers  zu posten. Wer weiter forschen möchte, dem steht dies frei. 

Klartext: Es scheint mir ethisch vertretbar, dem in Zitate-Sammlungen genannten Verfasser nicht schadenden Zitate unter dessen Namensnennung als Tweet oder Beitrag auf Facebook entspannt zu posten. Ich halte es für nicht notwendig, für einen solchen Tweet weitere Quellenforschung zu betreiben. Man kann es mit der Urheberschaftsforschung einzelner Sätze auch übertreiben. 

Die Frage ist doch, was möchte man bezwecken? Goethe soll gesagt haben "Mit dem Wissen wächst der Zweifel". Postet man diesen Satz unter Namensnennung von Goethe, ohne nachzuforschen, ob er tatsächlich dieser Urheber ist, geht es dem Poster vermutlich weniger darum, dass speziell Goethe es gesagt hat, das nimmt er, weil es in der Zitatensammlung so steht, als gegeben hin, sondern in erster Linie darum aufzuzeigen, dass Wissen  nicht nur Freude ist.

"Irren ist menschlich, aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch." Hieronymus; Seneca, Epistulae morales VI,57,12; Cicero, Orationes Philippicae 12,2. Dieser Satz sollte  beherzigt werden. Wer Irrtümer suchen möchte, sollte es sich zur Aufgaben machen. Wenn die Irrtümer aufgedeckt sind, sollte derjenige, der sich irrte, nicht weiter auf seinem Irrtum beharren, sondern ohne zu maulen berichtigen und gut ist´s .

Helga König

Samstag, 23. Februar 2019

Sonntagskolumne Helga König, 24.2.2019

"Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen." Karl Theodor Jaspers (* 23. Februar 1883- 26. Februar 1969) 

Der von mir überaus geschätzte, hochgebildete Gelehrte #Karl_Theodor_Jaspers wurde 1916 zum Professor der Psychologie und 1922  zum Professor der Philosophie in Heidelberg ernannt. Die Nazis erteilten ihm 1933 hierzulande Lehrverbot. Nach der unheilvollen braunen Zeit dann unterrichtete er von 1948-1961 als Professor Philosophie in Basel. 1967 schließlich wurde er Schweizer Staatsbürger und zwar als Reaktion auf die Wahl des ehemaligen NSDAP-Mitglieds Kurt Georg Kiesinger zum Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland als auch der Verabschiedung der Notstandsgesetze 1968. 

Karl Theodor Jaspers war vor der NS-Zeit mit dem Philosophen #Martin_Heidegger befreundet, doch dieser stand nicht mehr öffentlich erkennbar zu ihm als die Nazis Jaspers mit Sanktionen belegten. 

Nach dem Krieg versuchte Heidegger im Rahmen eines Briefwechsels erneut Kontakt zu Karl Jaspers aufzunehmen und schrieb 1950 an Karl Jaspers: "Ich bin seit 1933 nicht deshalb nicht mehr in Ihr Haus gekommen, weil eine jüdische Frau dort wohnte, sondern weil ich mich einfach schämte."

Karl Jaspers antwortet: "Die unendliche Trauer seit 1933 und der gegenwärtige Zustand, in dem meine deutsche Seele nur immer mehr leidet, haben uns nicht verbunden, sondern stillschweigend getrennt. Das Ungeheure, das etwas ganz anderes ist als nur Politik, hat in den langen Jahren meiner Ächtung und Lebensbedrohung kein entsprechendes Wort zwischen uns laut werden lassen. Als Menschen sind wir uns ferngerückt." 

Mit #Hannah_Arendt teile ich die Meinung, dass Martin Heideggers Verhalten charakterlos war. Insofern hatte Karl Jaspers guten Grund zum Kontaktabbruch. 

"Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen."

Was veranlasst  uns dazu, nicht mehr miteinander zu reden? 

Am Beispiel der beiden Philosophen wird ersichtlich, dass die Motive sehr unterschiedlich sein können. Im Falle Heideggers glaube ich nicht an das nachgeschobene Argument der Scham, sondern vermute als Verhaltensgrund  eher das Verhindern von möglichen Nachteilen.

Ein Mensch, der zu seinen Schattenseiten steht, ist in der Lage, diese ad hoc offen zu bekennen. Ich denke, Karl Jaspers hätte die Schwäche verstanden und sie Heidegger verziehen. Anders aber verhält es sich  mit der 1950 nachgeschobenen Begründung. 

Freundschaft verträgt keinen Verrat. 

"Dass wir miteinander reden können, macht uns zu Menschen." 

#Funkstille zu rechtschaffenen Menschen einzuläuten, weil einem durch das Bekennen der Beziehungnähe empfindliche Nachteile entstehen könnten, das ist unmenschlich und führt zu nicht wiedergutzumachenden Kränkungen. 

Helga König

vgl: zu Karl Theodor Jaspers: Wikipedia
vgl: zu Martin Heidegger: Wikipedia

Sonntag, 17. Februar 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 17.2. 2019

#Abgrenzung hat, je intensiver sie vollzogen wird, #Isolation zur Folge. Ihr Gegenstück ist #Distanzlosigkeit. Nicht selten fällt auf, dass Menschen, die sich extrem abzugrenzen suchen, geradezu unverschämt mit anderen umgehen und die Distanz, die sie von anderen einfordern, diesen gegenüber auf keinen Fall zu wahren bereit sind. 

So werden Mauern und Eiserne Vorhänge unter fadenscheinigen Vorwänden errichtet und bestimmte Wohndistrikte als Festungen gestaltet, zugleich jedoch werden Menschen, ja ganze Völker von solch neurotischen Abgrenzern, sofern sie die Macht dazu haben, in all ihren Handlungen kontrolliert, überwacht und im schlimmsten Fall verfolgt, gefoltert oder gar getötet. 

Kontrollsüchtige Abgrenzer schufen nicht zuletzt in braunen Zeiten den Beruf des Blockwarts und am Eisernen Vorhang den Grenzsoldaten, der selbst auf seine flüchtenden besten Freunde oder Anverwandeten schießen sollte, um sie an ihrer freien Willensentscheidung, ihrer Wege zu gehen, zu hindern. 

Was kontrollsüchtige Abgrenzer demnächst in Übersee entwickeln werden, bleibt abzusehen. Manchmal gibt es ja eine Ausnahme von der Regel. Bleibt zu hoffen, dass es sich hier um eine Ausnahme handelt und man nicht restlos vergisst, dass jede Demokratie der Humanität verpflichtet ist. 

In Gesellschaften, in denen harsche Abgrenzung Programm ist, fällt #Diskriminierung als üble Begleiterscheinung sofort ins Auge. Wo diskriminiert wird, steht bekanntermaßen stets #Unfairness auf der Tagesordnung und ist  #Chancengleichheit niemals ein anstrebenswertes Ziel. 

"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" lautet die Losung abgrenzender Eltern aus höheren Gesellschaftsschichten. Auf diese Weise wird sich bemüht, Durchlässigkeit in der Gesellschaftshierarchie oder gar deren Auflösung zu verhindern und alles dafür zu tun, dass nicht die Fähigkeiten Einzelner, sondern nur der festbetonierte Status der eignen Familien für die individuelle Wohlstandvermehrung von Bedeutung ist. 

Neurotische Abgrenzung hat viel Borniertheit und unglaubliche Arroganz im Rucksack, führt zu Parallelgesellschaften und bei immer krasseren Zuspitzungen zu Revolutionen, Bürgerkriegen, ja sogar zu Weltbränden. Die Belange anderer nicht sehen zu wollen und nur seinem dummen Ego zu frönen, zeugt von einer unterentwickelten Persönlichkeit.

Familien, in denen Abgrenzung die Norm ist, zerbrechen früher oder später ganz ähnlich wie sich neurotisch abgrenzende Gesellschaften. Was nicht gelernt werden kann, ist der vernünftige, spielerische Umgang mit Freiheit, die zwar auch Grenzen kennt, aber stets verhandel- und veränderbare, in denen für Rigidität  absolut kein Platz ist. 

Der aufgeklärte Mensch, weiß wie wichtig für den Fortbestand aller der Austausch von Kulturtechniken, die Vielfalt und die Nachhaltigkeit ist. Wer hier die Schotten dicht macht, hat das Leben an sich nicht begriffen und ist langfristig zum Untergang geweiht. Welcher, vor allem junge Mensch kann das wollen?

Helga König

Sonntag, 10. Februar 2019

Sonntagskolumne Helga König, 10.2.2019

"Unfairness im Umgang mit Mitmenschen ist an der Tagesordnung, es möchte aber niemand auf seine Unfairness angesprochen werden. Gerade deshalb sollten wir das viel öfter tun. #Zivilcourage" (#Thomas_Knorra). 

Als ich ein Kind war, besaßen hierzulande Erziehungsberechtigte noch das #Züchtigungsrecht an den ihnen Anvertrauten. Seit dem  Jahre 2000 gilt die Körperstrafe an Kindern hierzulande gottlob als barbarisches Relikt vergangener Zeiten. Kinder haben jetzt das Recht auf eine #gewaltfreie_Erziehung. Leider scheint sich dies noch immer nicht überall herumgesprochen zu haben.

Dass das Züchtigungsrecht abgeschafft wurde, hängt mit der #Zivilcourage von all jenen Menschen zusammen, die sich öffentlich gegen den unsäglichen Prügelparagraphen gestellt haben. 

Ich selbst war als Vierjährige nur ein paar Tage im Kindergarten und weigerte mich fortan, diesen horriblen Ort nochmals aufzusuchen. Der Grund war eine sehr schmerzhafte Ohrfeige. Eine Kindergartenhelferin in einem evangelischen Kindergarten  schlug auf alle Kinder hemmungslos ein, die sich weigerten, nachmittags zu schlafen, weil sie lieber mit anderen Kindern spielen wollten. Aus heutiger Sicht war dies eine Ungeheuerlichkeit. Ich empfand es damals schon als ungeheuerlich.

Kinder sollten durch Prügel in Angst und Schrecken versetzt werden, damit sie ohne aufzumucken "gehorchten". Was dabei herauskam, waren nicht selten Duckmäuser oder Menschen, die zu lügen anfingen und denen später kein Mensch mehr trauen konnte. 

Dass die Kindergartenhelferin einen nationalsozialistischen Hintergrund hatte, erfuhr ich erst viele Jahre später. Gewundert habe ich mich darüber nicht.

Auch in der Grundschule erlebte ich nochmals eine Gewaltattacke seitens einer Lehrerin (vormals Mitglied der NSDAP, wie ich vor kurzem erst erfuhr). Sie schlug auf meine Tischnachbarin und mich ein, weil wir miteinander leise sprachen- aus Langeweile übrigens, da wir mit unseren Übungen schon längst fertig waren. Das war im 2. Schuljahr. 

Ich wurde Zeugin wie meine einst beste Freundin (damals 5 Jahre alt) von ihrer Mutter (ebenfalls mit Nazihintergrund) mit einem Handbesen verprügelt wurde, weil sie das Frühstücksgeschirr auf ihr Geheiß nicht gespült hatte, sondern wir stattdessen mit den Legosteinchen Häuser bauten. Natürlich erzählte ich, was ich erlebt hatte, völlig aufgelöst meinen Eltern. Ergebnis: Ich durfte wochenlang die Freundin nicht mehr besuchen, weil mein Vater nicht wollte, dass ich weitere Szenen dieser Art mit an sah. 

Keiner konnte etwas gegen diese Gewalttätigen ausrichten, denn prügeln galt - wie schon erwähnt-    gesetzlich als erlaubt. 

Interessanterweise hatte das verprügelte Mädchen die Prügelarien vergessen als ich sie einige Jahrzehnte später, kurz vor ihrem frühen Ableben, nochmals traf. Dieses Phänomen fiel mir auch bei anderen schwer Gezüchtigten auf. Sie hatten erstaunlicherweise alles vollkommen verdrängt, sich also damit nicht auseinandergesetzt. Allerdings hatten die einen noch als Erwachsene im fortgeschrittenen Alter Stimmen wie Kinder oder eine kindliche Schrift, die anderen starben extrem jung, oft depressiv und besonders schwer Gezüchtigte wurden zu krassen Lügnern und Betrügern, zu Menschen also, die andere nicht wert zu schätzen wussten. 

Jungs wurden von ihren Vätern, speziell jenen Vätern, die in Russland zuvor als Soldaten die Zivilbevölkerung abgeschlachtet hatten, brutal misshandelt, weil diese Männer durch den Krieg restlos verroht waren. Im Grunde war nahezu ganz Deutschland brutalisiert. Eine veränderte Geisteshaltung trat erst Ende 1960er Jahre allmählich ein. Meine Skepsis  gegenüber zwei vorangegangenen Generationen in Deutschland ist von daher bis heute geblieben.

Während meiner Studienzeit unterrichtete ich oft Nachhilfeschüler, die noch Ende der 1970er Jahren  mit Idiotenlehrern zu tun hatten, für die Pädagogik ein Fremdwort war. Noch immer wurden Kinder auf die Eselsbank gesetzt, wenn sie nicht "spurten", noch immer wagten sich nur wenige Eltern gegen solche Lehrkräfte  aufzustehen.

Weshalb ich davon spreche? Weil Zivilcourage nicht von Ungefähr kommt. Sie setzt eine Kindheit und Jugend voraus, in der der Mensch sich frei entwickeln kann, in der er lernt, Gut und Böse zu unterscheiden. Sie setzt einen emanzipierten Menschen voraus, der die sogenannte Obrigkeit und ihr Tun hinterfragt und vor allem mutig ist.

Wie soll ein Kind Fairness und Zivilcourage erlernen, wenn mit ihm immerfort unfair umgegangen wird, kein Erwachsener ihm beisteht und in seinem Beisein keiner unfair Handelnde zur Rede stellt? 

Zu hinterfragen, ob ein eigenes Tun fair und damit gerecht ist, setzt Selbstkritik voraus. Je narzisstischer der #Zeitgeist ist, umso weniger ist diese Selbstkritik allerdings zu erwarten. 

Wir leben erneut in einer sehr empathielosen Zeit. Der faire Umgang mit Kindern und alten Menschen lässt mehr als zu wünschen übrig. Heute geht es nicht mehr um Schläge, sondern um emotionale Verwahrlosung aufgrund von extremer Ichsucht. Kein guter Zeitgeist, denn er ist der Nährboden für die Rechtsradikalen. 

Helga König

Sonntag, 3. Februar 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 3.2.2019

"Alles, was dir begegnen wird, ist leider nicht zu vermeiden."  #Søren_Kierkegaard 

Diese Sentenz twitterte heute Vormittag der Autor #Raimund_Schöll, mit dem ich auf "Buch, Kultur und Lifestyle" bereits zwei Interviews realisieren konnte. 

Mit dem dänischen Philosophen #Søren_Kierkegaard habe ich mich bislang noch nicht befasst und beziehe mich insofern bei meinen Überlegungen nicht auf dessen gedanklichen Hintergrund, sondern lasse das Zitat, das mir begegnet ist und dessen Lektüre nicht vermeidbar war, als ich mich dazu entschieden hatte, eine Zeit lang die sonntäglichen Tweets meiner Follower zu lesen, seitdem auf mich wirken. 

"Alles, was dir begegnen wird, ist leider nicht zu vermeiden." 

H`m? 

Zumindest dann nicht mehr, wenn man eine Entscheidung getroffen hat und in der Folge einen bestimmten Weg einschlägt, fiel mir spontan dazu ein. Entscheidungen sind zwar widerruf- oder veränderbar, doch was bleibt, ist das dann Unvermeidbare auf dem Weg, das wir nicht kennen und das dazu noch zufallsabhängig ist. 

Dieses Unvermeidbare ist der Preis, den jeder, der einen bestimmten Weg geht, zu zahlen hat. Es ist das Risiko mit dem wir leben müssen, dem wir uns nicht entziehen können.

Alles, was uns begegnet, hat einen ganz konkreten Einfluss auf unser Denken, Fühlen und auf unsere Entwicklung, lässt uns im Idealfall bewusster, doch keineswegs immer glücklicher werden. 

Wie geht man mit Unvermeidbarem um? 

Man stellt sich ihm sinnvollerweise, beobachtet es, sofern man genügend Zeit hat und fragt sich, ob man zulassen will, das es etwas mit uns macht oder wir etwas mit ihm tun möchten. Sobald wir entschieden haben, geschieht etwas mit uns. 

Bei Gedanken, die uns begegnen, wie im Falle des Kierkegaard-Zitates, können wir beispielsweise darüber nachsinnen und uns unter Umständen mit dem Zitateschreiber und seinem Werk näher befassen, was möglicherweise zu einem neuen Interessensgebiet führen kann. 

Begegnen uns Menschen auf einem Weg, zu dem wir uns entschieden haben, können es hilfsbereite Menschen sein, die uns den Weg erleichtern, zurückhaltende, die uns weder nützen noch schaden aber es ist auch möglich, dass wenig wohlwollende Personen uns Steine in den Weg legen oder gar mit Steinen nach uns werfen, weil wir ihnen im Weg stehen oder weil sie aus reiner Boshaftigkeit abgründig handeln.  In letzterem Fall neigt man dazu, seine Entscheidung zu bereuen, möchte sie rückgängig machen, weil sie Leid für uns bedeutet. Rückschritte allerdings machen uns selten erkenntnisreicher, sondern führen zu noch mehr Leid.  

Fragen sollte man sich deshalb, weshalb uns all die höchst unterschiedlichen Menschen auf den Wegen, zu denen wir uns im Laufe unseres Lebens entschieden haben, begegnet sind. In erster Linie wohl deshalb, weil sie sich zu den gleichen Wegen wie wir entschieden haben, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven und insofern irgendetwas mit uns gemeinsam haben müssen. 

Vielleicht ist es ein Lernprozess, der uns alle zur Erkenntnis bringen soll, dass paradiesische Zustände hier auf Erden es wohl nicht geben kann, solange nicht alle sich einer gemeinsamen Ethik verpflichtet sehen. 

Helga König 
Interviews mit #Raimund_Schöll:

Sonntag, 27. Januar 2019

Sonntagskolumne: Helga König, 27.1. 2019

"Der #Holocaust war der nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden. Deutsche und ihre Helfer führten ihn von 1941 bis 1945 systematisch, ab 1942 auch mit industriellen Methoden durch, mit dem Ziel, alle Juden im deutschen Machtbereich zu vernichten. Dieses Menschheitsverbrechen gründete auf dem staatlich propagierten Antisemitismus und der entsprechenden rassistischen Gesetzgebung des NS-Regimes. In der NS-Ideologie wurde der Völkermord an den Juden seit dem Überfall auf Polen als "Vernichtung lebensunwerten Lebens" gerechtfertigt und mit den NS-Krankenmorden der "Aktion T4" und der Kinder-„Euthanasie“ auf eine Stufe gestellt. Der endgültige Entschluss zur Ermordung aller Juden fiel in engem Zusammenhang mit dem Vernichtungskrieg gegen die UdSSR ab dem Sommer 1941.“* 

Wann haben Sie erstmals von diesem #Völkermord gehört? Im Elternhaus? In der Schule? Durch Freunde, Bekannte in jungen Jahren? Durch Bücher? Durch Fernsehberichte?

Ich hörte erstmals davon durch einen Offizier des 1. Weltkriegs als ich elf oder zwölf Jahre alt war. 

Der redselige alte Mann lebte im Nachbarhaus meiner Herkunftsfamilie und berichtete am Gartenzaun von den Bombenabwürfen in #Dresden. Das Zerbomben dieser und anderer Städte sei kein Racheakt wegen des Massenmords an den Juden gewesen, wie man in Dresden noch immer behaupte, sondern eine militärische Notwendigkeit, um das verblendete deutsche Volk endlich wachzurütteln, das damals dabei war, nicht nur andere, sondern auch sich selbst zu vernichten. Was er sagte, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich verstanden, es mir aber sehr wohl gemerkt. 

Mein Vorfahren waren Vertriebene aus Ostpreußen und Böhmen. Ihr Leid war ähnlich wie das Leid der Ausgebombten eine Folge der Machenschaften Hitlers und seiner willigen Helfer. Es war lange Jahre ein Tabu über dieses Leid zu sprechen, offenbar weil die Albträume dann in den Nächten den Schlaf raubten.

Mein Großvater mütterlicherseits war Sozialdemokrat seit 1923, gottlob kein williger Helfer. Mein Großvater väterlicherseits war an den Folgen einer Kriegsverletzung aus dem 1. Weltkrieg vor 1939 bereits gestorben und konnte sich nicht mehr schuldig machen. Meine Eltern waren zu jung, um sich an Kriegsverbrechen hätten aktiv beteiligen können. Wie sie sich entwickelt hätten, wenn Hitler länger an der Macht gewesen wäre, kann ich nur vermuten. Mein Großvater mütterlicherseits, Vorsitzender von 700 Flüchtlingen und Vertriebenen, gewiss nicht der Lieblingsmensch der alten Nazis  vor Ort, verstarb als ich 5 Jahre alt war. Er konnte mich nicht mehr aufklären. So herrschte lange Zeit Schweigen. Man wollte die Kinder verschonen aus unterschiedlichen Gründen.

Antisemitische Äußerungen habe ich in meinem Elternhaus nicht gehört. Dass es eine jüdische Synagoge an dem Ort, wo ich aufwuchs, einst gegeben hatte, erfuhr ich erst viele Jahre später durch die jüngere Schwester meiner Mutter, die sich mit dem Thema befasst hatte. Seit der Stolperstein-Initiative ist mir mittlerweile bekannt, dass die dort ansässigen jüdischen Familien 1938 deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden. Jahrelang wurde das von den Einheimischen verschwiegen. Diejenigen, die die Deportation zu verantworten hatten, lebten noch Jahrzehnte unbehelligt und gerierten sich als Biedermänner. 

Schon sehr früh fragte ich mich, warum es keinen nennenswerten Widerstand gegen dieses Unrechtsregime gegeben hat und als ich später meine Abitursarbeit über den Widerstand in der NS-Zeit schrieb, wunderte ich mich, dass es kaum griffbereite Literatur zu diesem Thema in den Buchhandlungen gab. 1968 gehörte auch schon wieder diverse Jahre dem Gestern an. 

Noch immer wurde geschwiegen. 

Seither hat sich zwar viel geändert diesbezüglich, aber es hat nicht zur Aufklärung aller geführt. Noch immer wabert der alte Größenwahn durch nicht wenige Köpfe und noch immer wird nicht von allen begriffen, was sich in Deutschland in der NS- Zeit an Gräuel zugetragen hat, speziell an  unsäglichem Gräuel im Hinblick auf die Juden. 

Auf Youtube hat jeder die Chance, sich zahllose  Dokumentationen über den Holocaust anzuschauen, sich mit dem nationalsozialistische Völkermord an 5,6 bis 6,3 Millionen europäischen Juden auseinanderzusetzen. Weshalb tun es nur so wenige? Warum nicht unser ganzes Volk?

In so mancher Familie mit nationalsozialistischem Hintergrund befinden sich noch gestohlene Wertgegenstände, die einst den Juden gehörten, die im KZ ´s qualvoll ermordet wurden und oft wissen die Nachfahren der Diebe ganz genau, was Sache ist. Habsucht wird offenbar genetisch weitergegeben.

Antisemitische Äußerungen hörte ich erstmals  hautnah  bei Tisch einer Familie als ich schon älter als 30 Jahre war.  Seither weiß ich, Schweigen bedeutet der Schlechtigkeit und dem Wiedererstarken der Nazis Vorschub zu leisten. 

Die sozialen Netzwerke geben allen Nazigegnern die Chance aufzuklären und Breitenwirkung zu erzielen. Diese Möglichkeit sollte jeder nutzen. Noch ist  das Zeitfenster offen.

Helga König.
Wikipedia: Holocaust