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Samstag, 23. September 2017

Sonntagskolumne Helga König: 24.9.2017

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen.  Wie heißt der neue Hitler in wenigen Jahren?

Vor mehr als zwei Jahrzehnten las ich ein Buch über latenten Faschismus in unserem Lande. Als ich mit Bekannten über das Thema sprechen wollte, winkte man desinteressiert ab. Für sie war Faschismus eine Angelegenheit, die dem Gestern angehörte. Damals auch rief ich in einer örtlichen Zeitung zum Besuch der Wehrmachtsausstellung in der Paulskirche in Frankfurt auf, um sich auf diese Weise die Gräuel, die durch deutsche Soldaten in Russland verursacht wurden, bewusst zu machen. Durch diese Ausstellung und durch Daniel Goldhagens 1996 erschienenem Buch "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" wurde mir bewusst, worin der latente Faschismus hierzulande begründet war: Im Verschweigen eigener Schuld und im nicht Aufarbeiten der perversen Vergangenheit. 

Mein Aufruf zum Besuch der Ausstellung in der Paulskirche führte zu unglaublichen Beschimpfungen am Telefon seitens mir bis dahin fremden Menschen. In Diskussionen mit akademisch ausgebildeten Leuten meines Alters über die Wehrmachtsausstellung wurde mir klar, dass vielen nicht bewusst war, wie infiziert das deutsche Volk von der Nazi-Idee  einst war und dass sich die meisten nicht vorstellen konnten, dass ihre Väter zu solchen Gräueltaten wie die Menschen sie durch die Deutschen in ganz Europa erleiden mussten, fähig waren. 

Eine Lehrerin, deren Vater SS-Offizier war, flippte geradezu aus als ich sie fragte, ob sie glaube, dass ihr Vater sich in Leningrad keiner Verbrechen schuldig gemacht habe. Das Bild von der unschuldigen Wehrmacht durfte nicht hinterfragt werden. Die rund 80 Millionen Toten aufgrund von Kriegsverbrechen und Kriegsfolgen wurden zwanghaft unter den Teppich gekehrt. So blieb die Nazi-Ideologie wie alter Staub in unserem Land hängen, um nun neu hochgewirbelt, sich anzuschicken, einen Rechtsruck in der politischen Landschaft zu bewirken. 

Wie werden Menschen so brutal wie zu Nazi-Zeiten? Durch eine Erziehung wie sie in der Erziehungsfibel der Nazi-Autorin Johanna Harrer beschrieben worden ist und durch eine entsprechende faschistische Ideologie. Dazu aber gehört auch die Duldung  der Brutalität seitens einer Vielzahl von Bürgern eines Landes, die aus Angst, es könnten ihnen Nachteile entstehen, solche Strömungen nicht rechtzeitig eindämmen. 

1928 hat sich noch keiner in der Weimarer Republik vorstellen können, dass 17 Jahre später 6 Millionen Juden qualvoll den Tod erleiden und Andersdenkende außer Landes flüchten mussten, wenn sie dem KZ entgehen wollten, es rund 80 Millionen Kriegstote und unzählige Kriegsversehrte geben, das Land in Schutt und Asche liegen würde und es Millionen von Flüchtlingen und Vertriebenen zu verzeichnen gäbe. Noch ahnte keiner, dass über Generationen hinweg große Teile der Bevölkerung traumatisiert  sein würden. 

1928 hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen bei der Reichstagswahl erhalten. 1930 waren es bereits 18,3%. 1932 zählte die NSDAP 37,2% und 1933 als sie an die Macht kam, stimmten 43,9% für die Verbrecherbande. 

Am 1. Mai 1933 wurden in Deutschland seitens rechtsradikaler Studenten, Professoren und Mitglieder nationalsozialistischer Parteiorgane die Werke von ihnen verfemter Autoren in 21 Universitätsstädten verbrannt. Diese öffentlichen Bücherverbrennungen waren der Höhepunkt der sogenannten "Aktion wider den undeutschen Geist", die nach der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten, im März 1933, zur systematischen Verfolgung jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer oppositioneller oder politisch unliebsamer Schriftsteller führte.* Bücher von berühmten Autoren wie Heinrich Mann, Erich Kästner, Sigmund Freud, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky  loderten im Feuer, das jene entzündet hatten, die später ganz Europa in Brand steckten.

Man wollte die Vernunft niederknüppeln, sie verbrennen und vergasen, um anschließend ungehindert den für Nazis typischen Sadismus ungestört ausleben zu können. 

Vor 84 Jahren haben deutsche Wähler Hitler aufs Pferd geholfen. 5 Jahre zuvor hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen. 

Unsicherheit und Existenzängste, die durch die Digitalisierung entstanden sind und noch intensiver entstehen werden, sowie bewusst geschürter Fremdenhass geben im Hier und Heute den Rechtsradikalen Auftrieb. Tägliche Aufklärung, was den digitalen Umbruch anbelangt ist wichtig und auch ein klares NEIN  im Hinblick auf den damit verbundenen Raubtierkapitalismus.

Werden in 5 Jahren erneut Bücher in diesem Land verbrannt? Oder werden aufgrund der Digitalisierung überhaupt keine mehr gedruckt? Wird man dann hierzulande nur noch die Infos digital zugespielt bekommen, die der rechtradikalen Totalverblödung dienen? 

Müssen Andersdenkende und Andersgläubige wieder erneut fluchtartig das Land verlassen? Mit welchen Perversionen der Neuen Rechten müssen wir rechnen?  

Was  die Neue Rechte mit den Alt-Nazis verbindet ist die Eiseskälte, der Mangel an Mitgefühl, eine erschreckende Verbohrtheit und  ein Mangel an Weltoffenheit. Das sollte zu denken geben.

Noch ist es Zeit, drohendem Unheil Einhalt zu gebieten. Die neuen Juden der Neuen Rechten werden alte Menschen sein. Die Neue Rechte, sie hat sich in der Konsumgesellschaft ganz spezifisch entwickelt, wird in ihrer Gier zu allem fähig sein. Der Gierhals Göring wird zu ihrer Ikone aus vergangenen Zeiten stilisiert werden. Das prophezeie ich schon jetzt. 

Wählen Sie morgen bitte den Fortbestand unserer Demokratie und vergessen Sie das Jahr 1933 nicht. Es war das Jahr unsäglicher Dummheit.

Demokratie ist der einzige Garant für Frieden. Es gibt keine rechtsradikale Demokratie, sondern nur rechtsradikale Diktaturen. Möchten Sie zukünftig in einer Diktatur leben? Ich nicht.

 Helga König

vgl:  Wikipedia

Kommentare:

  1. In diesem Sinne: https://pbs.twimg.com/media/DKbrplCWkAAb_EZ.jpg😉💖

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    1. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen, liebe Caroline. Bin froh, dass es junge Menschen wie Dich gibt. Herzlich Helga.

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  2. Daniel Goldhagen: 'Hitlers willige Vollstrecke' - das Buch und die reale
    Gegenwart belegen: Gegen alle anders lautenden Beschönigungen ist die braune Vergangenheit nicht bewältigt. Ein zweites Weimar darf es nicht geben! Wolf Werda

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  3. Danke für den Kommentar, lieber Wolf. Bin völlig Deiner Ansicht. Beste Grüße Helga.

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