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Freitag, 30. März 2018

Helga König, Osterkolumne, 30.3.2018

Mit dem Begriff "Heimat" assoziiere ich spontan Begriffe wie "Heimatvertriebene", "Heimaturlaub", "Heimatfilme" aber auch "Heimatmuseum" und habe ihn deshalb schon früh aus meinem aktiven Sprachschatz aussortiert.

Poesiealbumsprüche wie etwa "Vergesse nie die Heimat/Wo deine Wiege stand/ Du findest in der Ferne/ Kein zweites Heimatland" machen deutlich, welche Ideologie hinter diesem Begriff auszuloten ist. Der Ort, wo man geboren wurde und seine Kindheit verlebte, wird in diesem Vers eindeutig überhöht, ganz ähnlich wie man dies ansonsten vom Begriff der "ersten Liebe" her kennt. 

Wer das Alte vergisst, muss innere Leere erleben, denn im Neuen kann man nicht verwurzeln, so die Botschaft. Das Postulat, die Heimat nicht zu vergessen, will demnach letztlich eine geglückte Neuorientierung verhindern. 

Vor diesem Problem standen bereits viele Heimatvertriebene nach dem 2. Weltkrieg, wenn sie in die Falle dieses fatalen, sentimentalen Gedankens tappten. Das gedankliche Kleben an der "Heimat" als Ort der einzigen Glückseligkeit macht den Menschen, der den Ort seiner Kindheit freiwillig oder aufgrund von Zwang verlassen hat, unglücklich und verhindert eine entspannte Integration in neue Lebenskreise. 

In Regionen, wo man einen überzogenen Heimatkult betreibt, haben neu Hinzugezogene, gleichgültig, woher sie kommen, keine Chance. Dazu zu gehören, ist noch nicht einmal möglich, wenn man in einer solchen Region geboren wurde. Man muss- ganz wie bei den Nazis- beweisen, dass man ethnische Wurzeln dort hat. 

Das Heimatmuseum bewahrt in der Regel Utensilien ortsansässiger Familien aus den ersten 45 Jahren des letzten Jahrhunderts. Weiter zurück will man nicht gehen, sondern eigentlich nur dokumentieren, wer dazugehört und wer nicht. So hat der Begriff "Heimat" viel mit Ausgrenzung, Verweigerung, Sentimentalität, Dominanz und letztlich mit Schildbürgertum zu tun. Kurzum, es mangelt ihm an Weltoffenheit.

Sich irgendwo zuhause zu fühlen, die Besonderheiten von Regionen weltweit zu schätzen, sie zu bewahren und vielleicht auch zu verbessern, ist die Aufgabe aller, denen Kultur am Herzen liegt. Tradition sollte immer auch Neues zulassen und sollte sich als Lernprozess verstehen. 

Wer "Heimat" als Lernprozess begreifen möchte, muss weit gereist sein und mit Menschen aus vielen Regionen gesprochen haben, dann wird er gewiss nach neuen Begrifflichkeiten suchen, seine industriell hergestellten Sammeltassen nicht mehr ins Heimatmuseum tragen, sondern sich stattdessen bemühen, wirklich alte, regionale Kulturgüter zu bewahren und sie nicht der Beliebigkeit der Industrie opfern, wie dies mit so vielen  Dingen geschieht. 

Allen ein schönes Osterfest

Helga König

Sonntag, 25. März 2018

Helga König, Sonntagskolumne, 25.3.2018

Der Beitrag von "Buch, Kultur und Lifestyle"  zur  Bewahrung europäischer Trink- und Esskultur umfasst 5 Blogs.

Das Onlinemagazin "Buch Kultur und Lifestyle" besteht aus 36 Blogs zu unterschiedlichen Themenbereichen, diese sind auf der Hauptseite des Magazin aufgelistet. Zwei der Blogs befassen sich mit hochwertigen Weinen, Winzersekten aber auch mit Champagner von namhaften Weingütern, Sektkellereien und Winzergenossenschaften. Ein dritter, mit diesen beiden korrespondierender Blog enthält Bücher über Wein. Er deckt die theoretische Seite des alten Kulturguts Wein ab. Die Interviews mit den Wein- und Sektmachern, aber auch mit Weinbuchautoren sind im Hauptinterviewblog des Magazins zu finden. Dort gibt es wie in allen anderen Blogs - für jeden leicht erkennbar - das Suchfeld "Suchen", wo man sich schnell kundig machen kann, ob der, die oder das Gesuchte auf "Buch, Kultur und Lifestyle" vorhanden ist. 

Ein weiterer Blog enthält über 500 Kochbuchrezensionen. Auch hier wird ein altes Kulturgut –das Kochen- näher beleuchtet. Im Zusammenhang mit den Kochbüchern  werden mit hochdekorierten Sterneköchen immer wieder Interviews realisiert, um zu verdeutlichen, dass das Kochen auf ausgesuchtem Meisterniveau neben handwerklichem Können unendlich viel Sachwissen voraussetzt, das man nicht genug wertschätzen kann. 

Seit Anfang des Jahres nun wurde ergänzend zu den oben genannten Blogs ein weiterer aktiviert. Er nennt sich "Delikates aus Manufakturen". Hier werden hochwertige Lebensmittel aus nachhaltig arbeitenden Manufakturen vorgestellt. Es soll gezeigt werden, wie man in einem Europa der Regionen mit viel Vernunft und Sorgfalt altes Handwerk in einzelnen Regionen bewahrt und selbst einfache Genüsse, wie etwa eine "Hausmacher Wurst", mit viel Sachverstand auf hohem Niveau zubereitet werden können. 

Es geht auch darum, zu verdeutlichen, dass solche Manufakturen eine bestimmte Philosophie und damit auch eine  berufsbezogene Ethik vertreten, die es zu unterstützen gilt, damit alles nicht immer beliebiger wird und Viel- aber auch Sorgfalt im Bereich der Zubereitung von Lebensmitteln bewahrt bleiben. 

Der Verzicht auf Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker, Bindemittel, Aromen, Farbhaltestoffe etc bedeutet,  dass den Herstellern die Gesundheit ihrer Kunden wichtiger ist als der rasch verdiente Euro und dass Esskultur ohne Ethik ein ausgehöhlter Begriff ist, dem ein anständiger Handwerker nicht zuarbeitet. 

Käse aus Manufakturen, von Affineuren möglicherweise sogar noch veredelt, ist für Weingenießer natürlich eine Bereicherung und ebenfalls Ausdruck einer alten Kultur, die es zu bewahren gilt. 

Über solches Sachwissen zu schreiben und es zu kommunizieren, halte ich für wichtig. Denn was nützt es, Philosophie-, Ethik- und Wirtschaftsbücher zu rezensieren, wie dies auch auf "Buch, Kultur und Lifestyle" seit  über 7 Jahren bereits geschieht, sprich Bücher vorzustellen, die uns alle wachrütteln sollen, wenn nicht zugleich gezeigt wird, dass es Menschen gibt, die sich in ihrem Tun ethisch  verpflichtet sehen und diese Ethik auch im Rahmen einer Berufsethik, tagtäglich leben? 

Helga König

Sonntag, 18. März 2018

Sonntagskolumne Helga König, 18.3. 2018

"Es kann keine Freundschaft ohne Vertrauen, kein Vertrauen ohne Integrität geben." Samuel Johnson (1709 – 1784, englischer Schriftsteller) 

Der Verfasser obiger Sentenz ist nach William Shakespeare der meistzitierte englische Autor und war im 18. Jahrhundert die wichtigste Person im literarischen Leben Englands, vergleichbar mit Johann Christoph Gottsched in Deutschland*. 

Wie lange braucht man, um sich darüber klar zu werden, dass ein Mensch integer ist, ab wann kann man vertrauen? 

Wikipedia definiert: "Integrität ist eine ethische Forderung des philosophischen Humanismus nach möglichst weitgehender Übereinstimmung zwischen den eigenen Idealen und Werten und der tatsächlichen Lebenspraxis."**

Die Definition allein schon zeigt, dass es vieler Tage bedarf, um zu erkennen, ob beim Gegenüber Gedanken, Worte und Werke übereinstimmen und sich nicht blindes Vertrauen aufbauen lässt. Wenn man wenig über einen Menschen weiß und die Dialoge selten das Small-Talk-Niveau übersteigen, können wir uns kein Bild von der Integrität dieses Menschen machen. Einer solchen Person dann dennoch zu vertrauen und Ja zu einer freundschaftlichen Beziehung zu sagen, ist ein Wagnis, dass nicht wenige in Internetzeiten ohne Bedenken eingehen und dabei oft genug sehr schlechte Erfahrungen machen. 

Wie lebt ein Mensch? Welche Beziehungen pflegt er? Kommt es oft zu Beziehungsbrüchen und falls ja, worin bestehen die Ursachen?

Schwierige, eigenbrötlerische Charaktere sind oft sehr integer, werden aber nicht häufig von vielen gemocht, weil ihr Verhalten sperrig ist. Einen schwierigen Charakter einem Bruder Leichtfuß als Freund vorzuziehen, ist von daher nicht selten ein Zeichen von Klugheit und erspart viel Schmerz. 

Wie verhält sich ein Mensch in problembelasteten Zeiten? Steht er dann immer noch zu seinem Wort? Es gibt, wie jeder weiß, Persönlichkeiten, die das tun und das ist nicht abhängig vom Alter, sondern davon, wie vorteilsbezogen ein Mensch tatsächlich ist. 

Ideale und Werte haben allerdings keineswegs nur einen Sinn, wenn man sie auch lebt. Sie zu predigen und andere zu täuschen, schafft Freiraum, um seinem Egoismus ungestört zu frönen. 

Woran erkennt man solche doppelbödig agierenden Personen? 

Am falschen Blick. Falschheit wird je älter ein Mensch ist, in der Regel im Gesicht immer sichtbarer. Sehr abgefeimte Betrüger (m/w) schaffen es zwar dauerhaft, ihre Blicke zu kontrollieren, aber man erkennt sie letztlich an ihrem Pokerface. 

Leider ist es dann meist zu spät für jene, die arglos vertrauend, eine freundschaftliche Beziehung mit einer solchen Person eingegangen sind. Neben emotionalen Verletzungen, gibt es in solchen Fällen  auch anderes, oft sehr Leidvolles zu verschmerzen. 

Blicke, Gesten, die Stimme eines Menschen, seine Aura sind im Internet (Videoclips ausgenommen) nicht erfassbar und man weiß zumeist nur wenig über das reale Verhaltensmuster seiner Gegenüber, nimmt nur das Geschriebene oder Gesprochene, die Statements wahr. Darauf zu vertrauen, dass Worte mit Taten übereinstimmen, ohne auch nur einen geringsten Anhaltspunkt dafür zu haben, ist ein wirkliches Wagnis und bedeutet, blind zu vertrauen. 

Vielleicht sind wir Menschen derzeit in einem Stadium, Sensoren zu entwickeln, um unsere Gegenüber geistig abzutasten und so wahrzunehmen wie sie sich tatsächlich verhalten, an Orten, die wir nicht kennen, wo diese Gegenüber ihr Leben leben und erkennbar für Dritte beweisen, ob sie  doppelbödig agieren oder auch nicht. 

Der Dichter Matthias Claudius sagte "Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man zu ihm Vertrauen hat."

Ein integerer Mensch, weiß dies zu schätzen, ein Mensch, für den Werte und Ideale bloße Worthülsen darstellen, die er beliebig, um Vorteile zu erheischen, nutzt, lacht über einen solchen Satz und missbraucht entgegengebrachtes Vertrauen ohne jegliches Schuldgefühl. 

Helga König

*Wikipedia:Samuel Johnson
** Wikipedia Integrität

Sonntag, 11. März 2018

Sonntagskolumne Helga König, 11.3.2018

Der Zeitgeist plagt im Hier und Jetzt nicht nur die Damenwelt mit Angeboten zur Bildbearbeitung, zu Botox und Lifting. Eine ganze Reihe von männlichen und weiblichen Personen scheint ein großes Problem mit optischen Alterungsprozessen zu haben. Das darf man allein schon aus den unzähligen Fotobearbeitungen schließen, mit denen man täglich in den sozialen Netzwerken konfrontiert wird.

Hier scheint es hauptsächlich darum zu gehen, Falten und kleine Linien zu retuschieren. In welchem Maße das tatsächlich möglich ist, sieht man zumeist auf Messen oder anderen Veranstaltungen, wenn man Personen, die man zuvor nur von geschönten Fotos her kannte, dann live erleben darf. 

Auf Vernissagen und anderen gesellschaftlichen Zusammenkünften begegnet man öfter gelifteten Frauen, oder solchen, die sich ihre Falten für eine gewisse Zeit mit Botox haben wegspritzen lassen und hört sie zumeist klagen, dass etwas schief gelaufen sei. Maskenhaft sieht das Gesicht bei fast allen aus und jünger erscheint tatsächlich keine, gleichwohl gestresster und das gibt zu denken.

Woher kommt diese Angst vor Altersspuren- bei einigen schon mit 30- in unserer Gesellschaft, in der doch Menschen heute fast problemlos 90 oder gar 100 Jahre alt werden können und  bis ins hohe Alter zum Teil sehr agil sind? Müsste mit Altersspuren nicht eher kokettiert werden, wenn zugleich erkennbar ist, dass ein Mensch noch wahnsinnig fit  zu sein scheint?

Womit werden Falten assoziiert? Mit unserer Vergänglichkeit? 

Wird ein Gesicht durch Lachfalten unattraktiver? Wohl kaum. Weshalb  dann werden selbst diese  hübschen Sonnenfältchen retuschiert? Vor allem, was macht das mit Menschen, die sich im Grunde immer weniger äußerlich so akzeptieren können, wie sie gelebt haben? Macht es sie depressiv? 

Entsteht durch das Bildbearbeiten irgendwann der Wunsch durch Botox und Facelifting sich  auch real  seinen virtuellen Fotos anzupassen?  Fast scheint es so.

Was kann einen Menschen dazu bringen, sich lähmendes Nervengift ins Gesicht spritzen zu lassen und was, sich sogar freiwillig unters Messer zu legen, ohne sich hundertprozentig sicher zu sein, wie man nach einem solchen chirurgischen Eingriff am Ende tatsächlich ausschaut? Oft genug wird davon gesprochen, dass die Operierte "furchtbar verschnitten" aussähe...

....und schließlich: Was hat das Thema mit Ethik und Kultur zu tun? 

SEHR VIEL, denn im Grunde geht es beim Retuschieren und Schnippeln um die Verletzung der eignen Würde, auch um Täuschung und um das Aushebeln der Kultur des entspannten Älterwerdens. 

Es sind ja nicht nur Frauen, sondern auch immer mehr Männer, die ein erhebliches Problem damit haben, dass sie nicht mehr jung ausschauen, die nicht akzeptieren wollen, dass ihr gelebtes Leben optische Spuren hinterlassen hat . Woran kann das liegen? 

Eine zufriedenstellende Antwort habe ich diesbezüglich noch nicht gefunden. Hängt es mit dem Gedanken, mit der diffusen Angst, nicht zu genügen zusammen? Stellt sich die Frage wem?

Oder hängt es eher damit zusammen, dass man es nicht ertragen kann, wie man gelebt hat?

Oder ist von allem etwas dabei?

Die Infantilisierung der Gesellschaft zeigt sich auch darin, dass der Mensch die Vergänglichkeit des Lebens nicht mehr wahrhaben möchte. Das sollte zu denken geben.

 Helga König

Sonntag, 4. März 2018

Sonntagskolumne Helga König: 4.3.2018

"Die Gier ist das Muttertier vom Goldenen Kalb." © Manfred Hinrich (1926 - 2015).

Weshalb ich immer und immer wieder in meinen Tweets gegen die Gier  anschreibe? 

Weil dieses Verhalten, besonders in seiner Ausformung Habgier, Sensationsgier, Spielsucht, Nikotin-, Alkohol- aber auch Zuckersucht zu unsäglichem Leid weltweit führt. 

Allein zum Thema Gier gibt es nach dem Stand vom 4.3. 2018 32.600.000 Einträge. Gier zählt nach der buddhistischen Ethik neben Hass und Verblendung  übrigens zu den drei Geistesgiften.

Dabei sollte man festgehalten, dass die Habgier in Zeiten des Neoliberalismus alles andere als  geächtet wird. Niemals zuvor gab es so viele Fälle von Korruption und Mobbing wie in den letzten beiden Jahrzehnten. Dabei war das Wort "Mobbing"hierzulande vor 20 Jahren noch kaum einem bekannt. Mittlerweile findet Verdrängung mit brachialsten Mitteln aufgrund von Habgier allerorten statt, selbst in Familien und hier auch immer öfter. 

Helfen und Teilen sind zwischenzeitlich nur noch Verhaltensmuster jener Menschen, die eine unverbrüchliche, ethische Grundhaltung besitzen. Dass man solche Menschen verlacht oder als Spinner abtut und voller Zynismus abfällig als "Gutmenschen" bezeichnet, ist die mittlerweile  gängige  Methode von Egomanen, um besagte menschenfreundlichen  Verhaltensmuster in Misskredit zu bringen. 

Die Habsucht bezieht sich nicht nur auf Dinge. Trauer und Freude werden ebenfalls immer seltener geteilt. Dieses sonderbare Sich- Einverleiben-Wollen von allem in vielen Bereichen entwürdigt jedoch den Menschen, der weder edel, hilfreich und gut sein möchte, sondern sich primär fixiert auf immer mehr und mehr und mehr für sich. 

Der französische Ökonom Prof. Dr. Thomas Piketty gelangte aufgrund der Untersuchung empirischer Daten zu dem Ergebnis, dass in westlichen Staaten seit den 70er Jahren die soziale Ungleichheit zunimmt. Nicht die persönliche Leistung führe zu Reichtum, sondern Herkunft und Vermögen. In seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" verbindet er seine vorangehenden historischen Forschungen zur Einkommens- und Vermögensverteilung mit einer Theorie des Kapitalismus. Er schreibt, dass nicht regulierter Kapitalismus unweigerlich zu steigender Vermögenskonzentration führe. Starke Vermögenskonzentration wiederum führe zu einer stagnierenden Wirtschaft und sei eine Bedrohung für die Demokratie.* 

Ungezügelte Gier geht zumeist mit Gleichgültigkeit im Hinblick auf das Wohl anderer einher, auch mit einer ablehnenden Geisteshaltung, so meine jahrelangen Beobachtungen, die sich mit buddhistischen Denkmustern  in diesem Fall decken.

Ignoranz und Ablehnung sind geradezu Bedingungen, um ungezügelte Gier, speziell die Habgier ausleben zu können. 

Die Sensationsgier sei eine Besessenheit der Moderne, schreibt WikiYoga**. Gaffer, die mit ihren Handys bei Unfällen Aufnahmen machen und Einsatzkräfte beim Helfen behindern, zeigen wie weit diese Gier gediehen ist, dokumentieren aber auch die Ignoranz den Hilfsbedürftigen gegenüber. 

1.210.000 Einträge bei Google zum Thema Spielsucht, Stand 4.3.2018 und 107.000 Einträge zum Thema Zuckersucht, 128.000 Einträge zum Thema Nikotinsucht und 391.000 Einträge zur Alkoholsucht am gleichen Tag zeigen, dass Gier ein mehr als ernst zu nehmendes Thema ist, dass sehr viel Leid dadurch bewirkt wird und diesem zwanghaften Verhalten, das letztlich allen schadet, nun endlich Einhalt geboten werden muss, möglichst durch Aufklärung. 

Die Ursache aller Gier sei ein Mangel, liest man immer wieder: ein Mangel an Liebe und  auch ein Mangel an Mitgefühl. Das sollte zu denken geben.  Das sollte uns alle dazu bewegen, Lösungen  zu finden, um dieses wirkliche  Menschheitsproblem rasch zu lösen und zwar gemeinsam.

Helga König

*Wikipedia: Thomas Piketty
** Wiki Yoga: Sensationsgier

Samstag, 24. Februar 2018

Sonntagskolume Helga König: 25.02.2018

"Il faut avoir l’esprit dur et le cœur tendre" ("Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben") Jacques Maritain 

Am 20.2.1810 wurde der polnische Komponist Fréderic Chopin geboren, am gleichen Tag, im gleichen Monat beging 1942 der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig Selbstmord und ein Jahr später wurde die Widerstandskämpferin Sophie Scholl von den Nazis enthauptet. 

Fréderic Chopin verstarb im Alter von 39 Jahren an einer Herzbeutelentzündung. Sein Musiklehrer Joseph Elsner- er war Direktor des Warschauer Konservatoriums- stellte im Hinblick auf seinen Schüler fest: "Er meidet die ausgetretenen Pfade und gewöhnlichen Methoden, aber auch sein Talent ist ungewöhnlich."* 

Galt dies nicht auch für die beiden anderen, hier genannten Persönlichkeiten, die Jahrzehnte später an einem 22. Februar verstorben sind? 

Stefan Zweig  studierte Philosophie und wurde mit einer Dissertation über "Die Philosophie des Hippolyte Taine bei Friedrich Jodl" promoviert.  Er mied  eindeutig ebenfalls ausgetretene Pfade und gewöhnliche Methoden und auch sein Talent war - wie alle Zweig-Leser wissen - ungewöhnlich. 

Seine Erfahrungen zu Zeiten des ersten Weltkriegs veranlassten ihn zu der Entscheidung,  nun seinen "persönlichen Krieg zu beginnen: den Kampf gegen den Verrat der Vernunft an die aktuelle Massenleidenschaft."

Was den 1. Weltkrieg anbelangte schrieb er: "Von Anfang an glaubte ich nicht an den "Sieg" und wusste nur eines gewiss: dass selbst wenn er unter maßlosen Opfern errungen werden könnte, er diese Opfer nicht rechtfertige. Aber immer blieb ich allein unter all meinen Freunden mit solcher Mahnung, und das wirre Siegesgeheul vor dem ersten Schuss, die Beuteverteilung vor der ersten Schlacht ließ mich oft zweifeln, ob ich selbst wahnsinnig sei unter all diesen Klugen oder vielmehr allein grauenhaft wach inmitten ihrer Trunkenheit**

Ähnlich wie Frederic Chopin wunderbare Musik komponierte, die ihn überdauerte, schrieb der jüdische Autor Stefan Zweig herausragende Bücher, die in der NS-Zeit auf die Liste der Bücherverbrennungen gesetzt wurden. 1935 schließlich wurde Zweig in die Liste verbotener Autoren aufgenommen und 1941 wurde ihm sein Doktorat aberkannt. Als engagierter Intellektueller trat er mit Nachdruck gegen Nationalismus und Revanchismus ein und warb für die Idee eines geistig geeinten Europas.Von 1934 bis zu seinem Tode lebte er im Exil.*** 

Chopin lebte übrigens ebenfalls im Exil. Er verließ als 20 Jähriger Polen, ging aus politischen Gründen auf Drängen seines Vaters nach Frankreich und so wurde Paris von da an  der Mittelpunkt seines Lebens und Schaffens. 

Beide hochsensiblen Persönlichkeiten begriffen sich als Europäer und zeigten durch ihre Werke, dass der Weltgeist  sie nicht nationalstaatlich fesseln und engen wollte. 

Sophie Scholl, die dritte große Persönlichkeit im Bunde hatte Biologie und wie Stefan Zweig auch Philosophie studiert. Was aus ihr geworden wäre, wenn die Nazis sie nicht ermordet, sondern sie stattdessen  hätte in die Schweiz fliehen können,  bleibt nur zu vermuten.  Gewiss ist,  dass sie  sich im Nachkriegsdeutschland für ein geeintes demokratisches  Europa engagiert hätte. Ihr klarer Geist hätte nichts anderes zugelassen.

Das Bewundernswerte an Sophie Scholl ist u.a auch, dass sie es schaffte, trotz ihrer Schulzeit im Nazideutschland und der ideologischen Manipulationen in der Hitlerjugend, eine Abwehrhaltung gegen das Nazis-Regime zu entwickeln. 

Sie orientierte sich an den augustinischen Schriften und entschied sich für den Widerstand gegen das NS-Regime. Dass ihr dies zum Verhängnis wurde, wundert nicht. 

Sophie Scholl zitierte in ihren Briefen häufiger den französischen Philosophen Jacques Maritain. Dieser sagte: Il faut avoir l’esprit dur et le cœur tendre ("Man muss einen harten Geist und ein weiches Herz haben".**** 

Wer ausgetretenen Pfade und gewöhnlichen Methoden meidet, benötigt einen harten Geist und wer für andere etwas Wahres, Gutes oder Schönes leisten möchte, braucht in erster Linie ein weiches Herz, denn nur dann, ist man bereit, anderen etwas zu schenken. 

Fréderic Chopin, Stefan Zweig und Sophie Scholl schenkten uns allen mehr als wir zu begreifen in der Lage sind. 

Helga König

Samstag, 17. Februar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 18.2.2018

"So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln."(Sophie Scholl, am Tag ihrer Hinrichtung, 22. Februar 1943) 

Am 18. Februar vor genau 75 Jahren wurde das Geschwisterpaar Hans und Sophie beim Auslegen von Flugblättern in der Ludwig- Maximilians- Universität München von deren Hausmeister Jakob Schmidt überrascht und bei der Gestapo denunziert. Die beiden gehörten, wie allseits bekannt sein sollte, der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an, die gewaltfrei das NS-Regime bekämpfte, indem sie mit insgesamt sechs Flugblätter von zuletzt bis zu 9000 Exemplaren versuchte, Aufklärung zu betreiben. Darüber hinaus bemalten die Mitglieder der Widerstandsgruppe in nächtlichen Aktionen öffentliche Fassaden in München mit Parolen gegen Hitler und die NS-Herrschaft. 

Bereits wenige Tage später, am 22.2. 1943 wurden die Geschwister Scholl und ihr Freund Christoph Probst von den Nazis hingerichtet. Es folgten weitere Verhaftungen und Hinrichtungen von Mitgliedern der "Weißen Rose" und Verhaftungen von Sympathisanten. Ganz so wie das üblich ist in Terrorregimen, in denen Kritiker brachial mundtot gemacht werden, damit sich kein weiterer Widerstand bilden kann. 

Die 21 jährige Sophie Scholl sagte am Tag ihrer Hinrichtung "So ein herrlicher Tag, und ich soll gehen. Aber was liegt an unserem Leben, wenn wir es damit schaffen, Tausende von Menschen aufzurütteln und wachzurütteln". 

Als ich diese Worte vor Jahrzehnten das erste Mal kurz vor meinem Abitur las und zwar im Rahmen der Recherche zu einer Jahresarbeit, deren von mir gewähltes Thema "Der Widerstand in der NS-Zeit" war, hatte ich den Eindruck, dass dieser teuflische Spuk sich nicht mehr wiederholen könne in unserem Land, dass nun alle wachgerüttelt waren, denn der Zeitgeist war damals sozial-liberal und  speziell junge Leute waren enorm freiheitsliebend und neugierig auf alles Fremde. 

Unvorstellbar war, dass irgendwann eine rechts-populistische Partei bei einer Umfrage 15% der Stimmen erhalten würde, unvorstellbar auch,  dass ausgebildete Menschen mittleren Alters plötzlich wieder Fremdenhass schürten, ganz so wie Nationalisten der Großelterngeneration es auch schon vor der Machtergreifung  der Nazis im Jahre 1933 taten.

Bei der Reichstagswahl 1928 hatte die NSDAP 2,6% der Stimmen,  zwei Jahre später waren es schon 18.3% wiederum zwei Jahre später waren es 37.3% und 1933 im Jahr der Machtübernahme waren es 43,9%. 

Die rechts-populistische AfD hatte zum Vergleich  im Jahre 2013 4,7 % der Stimmen und bei der Bundestagswahl 2017 schon  satte 12,6%. Wenige Monate später, jetzt im Februar werden ihr bereits 15% der Stimmen zugeordnet und wenn nun nicht massiv Aufklärung betrieben wird und auf die Veränderungen des Arbeitsmarktes durch die Digitalisierung jetzt blitzschnell reagiert wird, werden wir in Kürze ähnliche Verhältnisse in diesem Land haben wie zu Ende der Weimarer Republik. Um dies festzustellen, muss man kein Prophet sein.

Hört man sich die jüngsten rassistischen Reden einiger AfD-Poliker an, wird sehr schnell klar, dass nun wirklich umgehend etwas getan werden muss, denn es handelt sich nicht um bloße verbale Entgleisungen, sondern offenbar um Strategien, Unfrieden zwischen Menschen unterschiedlicher ethnischer oder religiöser Herkunft zu säen und das war einst bei den Nazis auch gängige Methode.

Wo soll der neuerliche Fremdenhass dieses Mal enden? Wieder in Konzentrationslagern? Was geschieht, wenn die AfD einen weiteren Stimmenzuwachs zu verzeichnen hat? Werden dann in Deutschland Andersdenkende auch wieder verfolgt? Wird es eine neues Geschwisterpaar Scholl geben, das  man wegen gewaltfreiem Widerstand  brutal hinrichtet?

Ich befürchte das genau dies geschehen wird, wenn man jetzt dem rechts-populistischen Treiben nicht kategorisch Einhalt gebietet.


Helga König


Samstag, 10. Februar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 11.02.2018

Am vergangenen Samstag wurde bei einem nächtlichen Faschingsumzug in Eppingen (Kreis Heilbronn) in Baden Württemberg eine 18 jährige Frau von Zuschauern  maskierten Karnevalisten, die an dem Umzug teilgenommen haben, übergeben. Ob dies mit einem scherzhaft gemeinten Auftrag verbunden war oder einfach kommentarlos geschah, konnte man bisherigen Presseberichten nicht entnehmen. Die maskierten Karnevalisten- eine 20 köpfige Narrengruppe-, denen die Frau ausgeliefert wurde, hatten einen holzbefeuerten "Hexenkessel" mitgebracht, der angeblich zum Faschingsbrauchtum der alemannischen Fastnacht dazugehört. 

Genau in diesen brodelnden Kessel wurde die junge Frau von den verrohten Karnevalisten offenbar hineingestellt, was zu schweren Verletzungen ihrer Beine geführt hat. Unverständlich ist, dass ein solcher Kessel als Utensil des Umzugs von der zuständigen Behörde überhaupt genehmigt wurde. Noch weniger zu verstehen ist, dass Zuschauer die junge Frau der Gefahr aussetzten, mit dem kochend heißen Wasser in Berührung zu kommen und mehr als schockierend ist die Tatsache, dass maskierte Personen das Mädchen diesem siedenden Wasser ausgesetzt haben, wo doch jedes Kind  bereits weiß, was dann geschieht. 

Über diese unsägliche Brutalität muss jetzt in Talk-Shows gesprochen werden, denn sie ist mittlerweile in unserer Ellenbogengesellschaft ein erschreckendes Phänomen, das allerorten in seelischer oder körperlicher Quälerei seinen Ausdruck findet, vermutlich weil Mitgefühl immer mehr verkümmert. 

Dass es angeblich keine Bilder von dem Vorfall gibt, wundert nicht. Wie der Presse zu entnehmen ist, wurde die schreiende Frau von den brutalen Karnevalisten auf der Straße abgelegt und sich selbst überlassen. Zu behaupten "Ich denke nicht, dass irgendjemand die junge Frau mit Absicht in den Kessel mit heißem Wasser gestellt hat", wie lt. Stuttgarter Nachrichten der Leiter des Eppinger Polizeireviers es tat, ist eine weitere Ungeheuerlichkeit. 

Ohne es zu wollen, setzt keiner einen anderen  siedendem Wasser aus, das dazu noch befeuert wird. Hier wurde keinem alemannischem Karnevalsbrauch gefrönt, sondern es wurde spontan ein perverses mittelalterliches Spektakel aufgeführt: als Hexen verkleidete Hexenbrenner folterten eine junge Frau, ganz so wie es einst in Deutschland im Rahmen von Hunderttausenden von Hexenprozessen geschah und damit  zum grausamen Alltag eines unaufgeklärten Volkes gehörte.

Nach mittelalterlichen Vorstellungen stellten sogenannte "Hexen", das waren Frauen, denen man unterstellte, mit dem Teufel im Bunde zu sein, in "Hexenkesseln" angeblich Zaubertränke her, mittels denen sie viel Unheil anrichteten. Man ordnete besagten Frauen überirdische Kräfte zu,  projizierte eigene Schlechtigkeit auf die Angeprangerten, verleumdete, folterte oder tötete sie letztlich aus Sexualangst, Neid oder Missgunst. 

Der "Hexenkessel" in Eppingen wurde  m.E. zur spontanen Folter einer jungen Frau missbraucht, weil die Täter und auch die Zuschauer, die das Mädchen den als "Hexen" verkleideten Karnevalisten auslieferten, offenbar  ad hoc etwas auslebten,  was sich in unserem kollektiven Bewusstsein tief eingegraben hat: der unglaublich abgründige Hexenwahn in Deutschland . 

Eine junge Frau wird vom Volk den Hexenbrennern übergeben und diese verrichten ihre Arbeit, ganz so wie in der  anfänglichen Neuzeit, als es Hunderttausende von Hexenprozessen gab. Diese "Arbeit" hieß  damals zunächst Folter. Man kann im Internet viel über die Tortur lesen, der damals die als  Hexen bezichtigten Frauen ausgesetzt waren. Die einzelnen Methoden werde ich an dieser Stelle nicht auflisten. Folter mit kochenden Wasser gehörte nachweisbar dazu, wie die Dokumente über Hexenprozesse im Amt Rothenburg  im Bistum Verden verdeutlichen. 

Es gibt alte Bräuche, die für aufgeklärte Menschen tabu sein sollten. Dazu gehört  u.a. der Hexenkessel in der alemannischen Fastnacht, die Beschneidung von Mädchen in Afrika und die Steinigung von Ehebrecherinnen im Iran. 

Für die Täter von Eppingen gibt es keine Exkulpation. Schwere Körperverletzung ist kein Spaß und die Gaffer, die möglicherweise Fotos gemacht aber verschwinden  haben lassen, um nicht wegen unterlassener Hilfeleistung vor Gericht zu kommen, sollten Manns genug sein, die  Bilder der Polizei zukommen zu lassen, damit der Tathergang visuell nachvollzogen werden kann. 

Die spontane Tortur des Mädchen von Eppingen  sollte  uns alle innehalten lassen und wachrütteln: Mehr Mitgefühl und weniger Gaffertum kann solche Geschehnisse verhindern. Je fremder der Mensch dem Menschen wird und das ist das Grundübel der narzisstischen Gesellschaft, um so weniger spürt er den Schmerz des anderen, um so weniger hört er dessen Schreie.

Zu behaupten, "Hexen" hätten das Mädchen dem siedend heißen Wasser ausgesetzt, ist eine  Verdrehung von Tatsachen. Es waren üble Zeitgenossen, die durch ihre Tat,  sich an dem Leid des Mädchens und all der Frauen, die als Hexen jemals gefoltert wurden, geweidet haben. 

Samstag, 3. Februar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 4.2. 2018

Spiegel-Online titelte am 1.2.2018 im Rahmen der Sexismusdebatte "Museum in Manchester hängt Gemälde ab"*. Was war geschehen? 

Die "Manchester Art Gallery" hat das Waterhouse-Gemälde "Hylas und die Nymphen" aus dem Jahre 1896 abgehängt und den Museumsbesuchern den leeren Platz für Diskussionsbeiträge zur Verfügung gestellt. 

Damit hat die Kuratorin Clare Gannaway m.E. das Gemälde zum Zwecke einer Debatte über Sexismus instrumentalisiert und die eigentlichen Bestimmung des Werkes, als Kunstgegenstand unantastbar zu sein und von Museumsbesuchern im Rahmen der Öffnungszeiten- wann auch immer- bestaunt zu werden, missachtet. 

Der Spiegel schreibt, dass das Abhängen des Werkes offenbar Teil einer eigenständigen Kunstperformance im Museum in der vergangenen Woche gewesen sei und dabei teilweise von den derzeitigen Debatten über Sexismus, wie  jenen unter dem Schlagwort #MeToo, inspiriert worden sei.

Ein Kunstwerk in einem öffentlichen Museum abzuhängen und es für einen bestimmten Zweck zu instrumentalisieren, wenn auch nur für ein paar Tage, ist m.E. bereits Zensur und schafft Argumentationsspielraum für Zensuraktivitäten im Hinblick auf  beliebige Kunstgegenstände in anderen Museen auf der ganzen Welt, wenn auch für einen zunächst befristeten Zeitraum. 

Heute sind es Debatten über Sexismus, morgen vielleicht Diskussionen über Religion, Tierschutz oder beispielsweise über bestimmte Ethnien, die dazu führen, dass Museen Bilder für eine gewisse Zeit im Keller verschwinden lassen, die dann, wenn der Zeitgeist es will, dort für lange Zeit verbleiben müssen. 

Der britische Maler John William Waterhouse (1849- 1917) war ein Präraffaelit. Auf seinem Gemälde "Hylas und die Nymphen" sieht man sieben wunderschöne, barbusige Nymphen im Seerosenteich. Sie bewundern den attraktiven jungen Hylas im blauen Gewand, der am Teichrand vor den Nymphen kniet, um ein wenig mit ihnen zu plaudern und den sie, so die Mythologie, daraufhin zu sich ins Wasser ziehen. 

Hylas war laut griechischer Mythologie der Geliebte von Herakles, demnach ein Homosexueller. Die Nymphen konnten also unbefangen, sogar mit entblößten Brüsten mit dem bildschönen Hylas plaudern und ihn dabei wie ein Kunstwerk bestaunen. Zu behaupten, sie hätten versucht, Hylas zu betören, ist nicht sehr freundlich. Homosexuelle sind für Frauen keine Sexualobjekte, sondern "bloße" Gesprächspartner, mit denen man vor allem entspannt reden kann, weil Sexualität kein Thema ist. Man kann mit  ihnen problemlos aufs Hotelzimmer gehen oder mit ihnen vergnügt ein erfrischendes Bad nehmen, so wie die Nymphen es einst taten. Alles bleibt im grünen Bereich. 

Ein vielleicht nicht uninteressanter Gedanke im Hinblick auf die #MeToo –Diskussion…

Zurück zur Zensur von Gemälden: 

Der Dominikanermönch und Bußprediger Girolamo Savanarola (1452-1498)  ließ im Februar 1497  fanatisierte Jugendliche und Kindern ("Fanciulli") durch Florenz ziehen, die "im Namen Christi" alles beschlagnahmten, was als Symbol für die Verkommenheit der Menschen interpretiert werden konnte. Dazu zählten u.a. pornographische Bilder, aber auch Gemälde namhafter Künstler. Der von den Predigten des Dominikanermönchs fanatisierte Maler Sandro Botticelli warf einige seiner Gemälde sogar selbst ins "Fegefeuer der Eitelkeiten".**

Durch den Bildersturm in der Reformationszeit im 16. Jahrhundert dann sind sehr viele Kunstgegenstände des Mittelalters unwiederbringlich verloren gegangen, weil auf Weisung reformatorischer Theologen und der Obrigkeiten, die die reformatorische Lehre angenommen hatten, Gemälde, Skulpturen, Kirchenfenster und andere Bildwerke mit Darstellungen Christi und der Heiligen sowie weiterer Kirchenschmuck − teilweise auch Kirchenorgeln − aus den Kirchen entfernt, teils verkauft oder beschlagnahmt, zerstört oder beschädigt wurden.*** 

Zu Anfang der 1930er Jahre gab es einen Erlass, der hieß "Wider die Negerkultur für deutsches Volkstum." Er richtete sich gegen "Moderne Kunst" und die liberale Kunstwelt. In dessen Folge begannen die Beschlagnahmungen und Gemäldeverbrennungen in der NS-Zeit. 

Der calvinistisch geprägte Neoliberalismus, von dem wir heute geplagt werden, hat zweierlei im Schlepptau: Prüderie und Rechtsradikalismus. 

Bleibt zu hoffen, dass die Me-Too-Debatten nicht für eine Wiedererweckung calvinistischer Lustfeindlichkeit instrumentalisiert werden. Dort nämlich, wo die Lustfeindlichkeit zuhause ist, folgt in der Regel die Kriegstreiberei Gewehr bei Fuß. Waffenhersteller und psychopathische Machtpolitiker reiben sich schon jetzt die Hände.

Vorsicht also mit Zensur von Kunst, gleichgültig zu welchen Zwecken. Kunst ist sich selbst genug und darf niemals ein Mittel werden.


Helga König
**  Savanarola

Samstag, 27. Januar 2018

Sonntagskolumne Helga König, 28.1.2018

"Machtbewusstsein ist fast schon ein sexuelles Gefühl." Henry A. Kissinger 

Als eine namhafte deutsche Wochenzeitschrift zu Beginn des Jahres damit begann über die Jahrzehnte zurückliegenden, mutmaßlichen sexuellen Übergriffe eines alles andere als unbekannten deutschen Regisseurs zu informieren, war ich zunächst skeptisch, denn es ist noch nicht allzu lange her, als man den Ruf eines nachgewiesenermaßen schuldlosen, prominenten Wettermannes durch Vorverurteilung zerstörte. 

Zwischenzeitlich werden im Falle der angeblichen, sexuellen Übergriffe des Regisseurs immer mehr Stimmen laut und man fragt sich wie es sein kann, dass im Laufe von rund 40 Jahren ein Verhalten wie es der promovierte Philologe immer und immer wieder an den Tag gelegt haben soll, zumindest auf Szenen-Partys nicht thematisiert wurde, weshalb Entscheider beim öffentlich- rechtlichen Fernsehen so blind gewesen sein sollen und weshalb all die Jahre nichts von allem, was man jetzt liest, an die  große Öffentlichkeit drang. 

Man fragt sich weiter, weshalb niemals hinterfragt wurde, wie dieser Mann, der seit Anfang der 1970er Jahre bis heute geradezu beeindruckend viele Auszeichnungen erhalten hat, mit seinen weiblichen Mitarbeiterinnen umgangen ist. Gemeint ist hier keineswegs "nur" die  mutmaßliche sexuelle Übergriffigkeit, sondern das gesamte angeblich rüde, wenig wertschätzende Auftreten, von dem die Presse jetzt berichtet. Wer so geehrt wird, den muss man zuvor doch ein wenig unter die Lupe genommen haben, oder? Ehre, wem sie gebührt.

Überall, wo Macht im Spiel ist, ist Machtmissbrauch möglich. Damit Missbrauch nicht stattfinden kann, bedarf es gestandener Persönlichkeiten, die sich durch Selbstdisziplin auszeichnen. Wer große Macht hat, hat, solange diese nicht brüchig ist, in der Regel Narrenfreiheit. Ursache hierfür ist  einerseits Angst und andererseits Obrigkeitsdenken.

Weil das so ist, ist es notwendig, dass Menschen in Machtpositionen immer wieder mal überprüft werden und dass man Hinweise bezüglich Machtmissbrauch von staatlicher Seite sehr ernst nehmen muss. 

Besonders erschütternd ist im Zusammenhang mit der mutmaßlichen Übergriffigkeit des Regisseurs der Fall einer Schweizer Schauspielerin, die sich aufgrund der  mutmaßlichen sexuellen Übergriffe eine Halswirbelverletzung zugezogen haben soll und stark traumatisiert worden sei, schockierend dabei ist, dass der Fall gut 40 Jahre von offizieller Seite angeblich unter den Teppich gekehrt wurde. Man wusste offenbar davon und schwieg. Wieso? 

Menschen, die Macht missbrauchen, verhalten sich gerne tyrannisch und setzen Regeln des friedlichen Zusammenlebens, wenn sie können, außer Kraft. Sie versuchen all jene zu unterwerfen, die von ihnen abhängig sind. Schon Kinder wissen, was es heißt, einem Persönlichkeitsgestörten ausgeliefert zu sein. Kinderhöllen gibt es zuhauf, wie jeder weiß, der nicht blind durch die Welt läuft.

Aus einem persönlichkeitsgestörten Kind, wird leicht ein persönlichkeitsgestörter Erwachsener. Drama entsteht dann, wenn zwei Persönlichkeitsgestörte aufeinander treffen.

Wie geht man mit einem Psychopathen um? NEIN sagen und gehen, auf eventuelle Vorteile verzichten, weil die Nachteile immer überwiegen.  Mehr lässt sich hierzu nicht sagen.

 Helga König