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Samstag, 30. Januar 2016

Helga König: Sonntagsgedanken, 31.1.2016

In Zeiten wie diesen gibt es täglich Grund zu staunen und sich über Äußerungen seiner Mitmenschen zu wundern. Der Philosoph Rüdiger Safranski, auch der Dramatiker Botho Strauß und nun zu allem Überfluss der Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk singen, wie man den Medien entnehmen kann, ein Loblied auf die Grenze und machen damit, ob gewollt oder ungewollt die Geisteshaltung der AfD in intellektuellen Kreisen hoffähig. 

Von "Überflutung" und "Überrollung" ist die Rede. Diese Begriffe lassen aufhorchen, erinnern sie doch an Schlagworte aus der rechten Szene. 

George Bernhard Shaw soll einmal gesagt haben "Hüte dich vor alten Männern, denn sie haben nichts mehr zu verlieren". Vielleicht hatte Shaw Männer ab 90 im Auge als er die Sentenz formulierte, nicht aber jene um die 70, die ihren Wohlstand noch mehr als zwei Jahrzehnte genießen möchten und dabei weder gestört oder gar "überrollt" werden wollen... 

Die AfD- Chefin Frauke Petry fordert, dass man Schusswaffen an der Grenze einsetzen soll, schreibt ZEIT online heute. Durch ein Postulat dieser Art outet sich die in der DDR aufgewachsene Politikerin als antidemokratisch und inhuman. 

Wer einen "territorialen Imperativ" in die Welt posaunt, wie es der Karlsruher Kulturwissenschaftler letzte Woche getan hat, muss sich nicht wundern, wenn nach Mitteln gesucht wird, diesen an den Grenzen erfolgreich umzusetzen. 

An der innerdeutschen Grenze wurden bis zum Mauerfall 872 Flüchtlinge ermordet, gottlob nicht von Grenzschützern der Bundesrepublik, doch leider von jenen der DDR. Frauke Petry, die  ihre Kindheit in der Niederlausitz verbrachte, beweist durch ihre Aussage wie sehr alte DDR- Denkstrukturen sich in ihrem Kopf eingenistet haben. Doch was dokumentieren bislang als liberal eingestufte Intellektuelle aus der 1968er Zeit hierzulande, wenn sie den "territorialen Imperativ" als ihr neues Goldenes Kalb ausgemacht haben, das nun erst mal gefüttert werden muss? 

Der Friedensnobelpreisträger Willy Brandt sah einst die Zukunft in einem europäischen Haus. Dabei dachte er gewiss nicht an einen "territorialen Imperativ" und schon gar nicht an Schusswaffen, mittels denen man Menschen an Grenzen tötet, weil deren Not als Bedrohung empfunden wird. 

Heinrich Böll sagte 1981: "Ich bin der Meinung, dass man Menschenleben retten soll, wo man sie retten kann. Und keine Institution, die Leben zu retten vermag, darf auf offener See Selektion betreiben. Das hieße ja, Menschen willkürlich zum Tode zu verurteilen." 

Intellektuelle im Hier und Jetzt sollten sehr vorsichtig sein, wenn sie bestimmte Begriffe in den Raum setzen und sollten stets bedenken, dass ihre Worte zur Legitimation von Taten genutzt werden können, die sie so vielleicht niemals billigen würden.  

Im Zweifelsfall ist es immer sinnstiftend, sich bei dem Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer Rat zu holen, der eine klare Sprache sein eigen nannte:

"Das Fundament des Rechts ist die Humanität."

Helga König

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