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Samstag, 9. Juni 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 10.6.2018

"Ich halte es für extrem unfair und überaus verwerflich, einen unaufgeklärten Sexualmord für fremdenfeindliche Aktionen zu instrumentalisieren."(Tweet, 9.6.2018)

Diesen Satz postete ich heute Nachmittag, nachdem ich diverse Berichte in Zeitungen zum Fall "Susanna" gelesen hatte. 

Natürlich ist es sehr tragisch, was geschehen ist und  selbstverständlich ist jeder Sexualmord ohnehin einer zu viel. Wissen aber muss man, dass Sexualmorde hierzulande rückläufig, d.h. demnach keineswegs mit den Flüchtlingswellen der letzten Jahre angestiegen sind, (anbei die Statistik). Wer anderes verlautbaren lässt, der sagt die Unwahrheit. 

Die Hintergründe für die Tötung Susannas sind noch nicht bekannt. Bilder des dunkelhaarigen Mädchens wohl aber schon. Rein optisch könnte sie eine Irakerin oder Syrerin sein und eignet sich insofern vom Typ her eigentlich nicht für den rechtslastigen Feldzug zum Schutze der blonden, germanischen Frau, der gerade stattfindet. 

Selbst wenn die Aufklärung des Falls ergeben sollte, dass der Tatverdächtige diese Tötung begangen hat, wäre dies immer noch kein Anlass für fremdenfeindliche Aktionen. Sexualstraftäter gibt es auf der ganzen Welt. Leider! 

Untersuchungen zeigen, dass Psychopathen ihre Opfer instinktiv erkennen. Eine deutsche Schauspielerin schrieb dieses Jahr, dass sie von verschiedenen Männern in jungen Jahren vergewaltigt worden sei. Diese Frau war einst der Inbegriff einer Männerphantasie und dies scheint mir der springende Punkt zu sein. Wenn ein starker erotischer Ausdruck sich in einer Frau mit Naivität paart, dann kann das besonders für junge Mädchen problematisch werden. 

Bei allem sollte man aber wissen: Im Jahr 2017 wurden auf 100.000 Einwohner in Deutschland 13,7 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Nötigung polizeilich registriert. Insgesamt wurden 2017 acht Fälle von Sexualmorden in Deutschland polizeilich erfasst. Die aktuelle Bevölkerung hierzulande besteht aus 81 373 514 Menschen. 

Natürlich ist es unerträglich, dass es immer noch Männer gibt, die Frauen sexuell nötigen und vergewaltigen oder sogar töten. Es ist aber wie die Statistiken zeigen eine verschwindende Minderheit und diese Minderheit den Fremden zuzuordnen, ist mehr als infam. 

Was man seit seiner Bevölkerungsumfrage des Justizministeriums der Vereinigten Staaten weiß, sind  99 Prozent aller Sexualstraftäter Männer. Deshalb nun alle Männer an den Pranger zu stellen, wäre auch nicht sehr fair, oder?

Nachtrag 10.6.2018: Zwischenzeitlich ist der geflüchtete, mutmaßliche Täter Ali B. nach seinem Fluchtversuch in den Irak nach Deutschland zurückgekehrt und befindet sich in Untersuchungshaft. Der Polizeichef der nordwestirakischen Stadt Dohuk, Tarik Ahmad, ließ gegenüber der Nachrichtenagentur AFP verlautbaren,  dass Ali B. ausgesagt habe, er sei mit der 14 jährigen befreundet gewesen, sei mit  ihr in Streit geraten und habe sie erwürgt  und zwar aus Angst, sie werde die Polizei  rufen. Drogen und Alkohol seien im Spiel gewesen.Was man von dieser  Aussage zu halten hat, werden die nächsten Tage zeigen und wohl auch unter welchen Umständen das Geständnis zustande kam. Fest steht, noch ist nicht wirklich geklärt, wer das Mädchen getötet hat und auch nicht, ob die Tötung Folge einer Vergewaltigung war. Klar scheint aber bereits zu sein, dass hier kein Vergewaltiger hinter irgendwelchen Büschen einem jungen Mädchen auflauerte, sondern der mutmaßliche Täter und das  Opfer sich kannten, vielleicht sogar recht gut kannten.

Nachtrag: 11.6.2018: Zwischenzeitlich hat Ali B. gestanden, Susanna getötet zu haben. Er bestreitet allerdings eine mögliche Vergewaltigung. Wenn dies stimmt-  gewiss lässt sich das durch eine Untersuchung des Körpers des Opfers feststellen- , dann  handelt es sich hier nicht um einen Trieb- sondern um einen Angsttäter.

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Nietzsche sagte einst: "Drei Viertel alles Bösen, das in der Welt getan wird, geschieht aus Furchtsamkeit." Das sollte zu denken geben
  
Helga König

Sonntag, 27. Mai 2018

Helga König, Sonntagskolumne, 27.5.2018

Der Autor Raimund Schöll, dessen hervorragende Textsammlung "Alltagsfluchten" ich auf  "Buch, Kultur und Lifestyle" vor einigen Monaten rezensiert habe,  postete heute Morgen eine Sentenz von Hans Magnus Enzensberger. Sie lautet: 

"Alle reden von Kommunikation, aber die wenigsten haben sich etwas mitzuteilen." 

Diesen Satz zum Gegenstand der heutigen Kolumne zu machen, halte ich für interessant.  

Doch zuvor vielleicht  noch eine Anmerkung zum  Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger: Er hat  die deutsche Literatur seit den 1960er Jahren mitgeprägt. Bekannt wurde er durch seine zeitkritische Lyrik und seine politischen sowie medienkritischen Essays. Obige Sentenz stammt aus einem medienkritischen Interview, wie ich mich zwischenzeitlich kundig gemacht habe, welches Enzensberger 1994 dem Stern gab. (Besagtes Interview möchte ich allerdings heute nicht zum Thema machen, sondern den Satz kontextfrei reflektieren.)

Haben sich tatsächlich die wenigsten etwas mitzuteilen oder ist die Kultur des  Sichmitteilens - im Sinne von Miteinanderreden - durch den auf Egomanie gebürsteten Zeitgeist im Laufe der letzten Jahrzehnte fast vollständig ausgehöhlt worden? 

Wie oft erlebt man Tischrunden, wo die Menschen zwar reden aber dies keineswegs miteinander tun. Es werden Statements abgegeben oder es wird über Dritte hergezogen oder es wird sich schamlos selbst dargestellt.

Ein ernst gemeintes "Wie geht es Dir?" oder "Was denkst Du gerade?" oder auch ein "Womit beschäftigst Du Dich derzeit?", "Welche Probleme musst Du lösen ?", "Spürst Du bei allem noch die Leichtigkeit des Seins?", "Wonach sehnst Du Dich?" hört man selten. 

Weit mehr erlebt man, dass das Tun des anderen, speziell wenn es erfolgreich ist, vollkommen im Gespräch ausgeblendet wird und Probleme Dritter ohnehin tabu sind, es sei denn man kann darüber lästern. Zynismus ist ein schlimmer Gesprächskiller. Aus vielen Gesten oder lautem Schweigen tönt  nicht selten ein "Belästige mich nicht, es sei denn es bringt mir einen Nutzen."

Ein gutes Gespräch, ein Dialog eben, ist nur möglich, wenn man Mitgefühl besitzt und deshalb stets auch mit dem Herzen zuhört. Wir alle sind keine Roboter, haben deshalb gute und schlechte Tagesformen, sollten von daher auch nachsichtig sein mit anderen und mit uns selbst in dieser auf Perfektionismus und Selbstoptimierung ausgerichteten Welt, deren Ziel nicht das Interesse am Du, sondern dessen Ausbeutung ist.  Eine Kommunikation solcher Art, gilt es stets zu entlarven und sich  ihr zu entziehen, denn sie führt zu nichts Gutem.

Den höflichen Postboten aus Rumänien oder Kenia oder die nette koreanische Frau an der Kasse im Supermarkt oder den freundlichen Wurstverkäufer aus Sibirien zu fragen, was sie dazu veranlasst hat, ihr Land zu verlassen und wie sie sich jetzt fühlen, ist oft sehr aufschlussreich. Man hört nicht selten, wie wetterwendisch das Glück sein kann und lernt auf diese Weise Demut. 

Da wurde aus einer ukrainischen Architektin eine Haushilfe, aus einem sibirischen Philosophen ein Wurstverkäufer und aus einem kenianischen Lehrer ein Postbote in einem fremden Land, um so zunächst einmal ihre Familien zu ernähren. Gerne ist keiner gegangen, überall stand ein Zwang dahinter. Oft müssen all diese Menschen nun unsäglichen Hochmut  ertragen, von jenen, denen Mitgefühl fremd ist und die ihren Dünkel täglich mit Fleiß ausleben. 

Blickt man in die Augen des jungen Rumänen, der die Post-Pakete ausliefert, sieht man seine sprühende Intelligenz, redet man mit ihm, erfährt man, dass er eine gute Ausbildung hat und hier in Deutschland für eine gewisse Zeit arbeitet, um zuhause seine Träume verwirklichen zu können. Hakt man weiter nach, erfährt man, dass diese Menschen in ihrer Freizeit oft sehr gute Bücher lesen und ein Familienleben führen, das viele Wohlstandsbürger bei uns nicht mehr kennen, weil der Erwerb von und das Protzen mit Statussymbolen ihnen weit mehr bedeutet als der Dialog mit Menschen über das, was ein sinnstiftendes Leben wirklich ausmacht. 

Mir sind  nicht wenige Menschen in meiner Vergangenheit  begegnet, die sich nur über ihr Haben definierten, die Schönheiten von Landschaften und der Natur nichts abgewinnen konnten und  sich für andere Menschen nicht interessierten, sondern deren einziges Ziel der Erwerb von Luxusgegenständen war. Dabei wurde über die Arbeit und das Können, der Personen, die solche Gegenstände herstellten, niemals geredet. Die Wertschätzung des Du erwies sich als Fehlanzeige. 

Weißt Du wie viel Können in guten Manufakturarbeiten steckt? Weißt Du wie viel Herzblut ein Autor in sein Werk vergießt? Was gibt Dir das Recht darüber herzuziehen, nur weil Du übellaunig bist und die Möglichkeit hast, es zu tun? Was gibt Dir das Recht, Dich über andere und ihr Können zu erhöhen? Dein Geldbeutel? Dein grenzenloses Ego? Was glaubst Du, wer Du bist?

Wir leben in einer Kommunikationsgesellschaft und sollten uns in diese positiv einbringen, indem wir das Miteinander kultivieren und uns für andere wirklich zu interessieren beginnen, anstelle auf Munitionssuche beim Gegenüber zu gehen, indem wir dessen Suppe nach einem möglichen  Haar  unter die Lupe nehmen, um ihn dann dann verbal zu attackieren. Groß ist nicht der, der andere klein zu machen sucht, sondern groß ist der, der andere ohne Vorurteil achtet.

Helga König

Samstag, 19. Mai 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 20.5.2018

Alice Weidel rieb sich die Hände, bevor sie in dieser Woche in ihrer Rede im Bundestag ein Kleidungsstück, weibliche Kinder und durch wen auch immer unterstützte Männer, die sich offenbar durch nichts anderes als durch ein Messer definieren lassen, anprangerte, Taugenichtse zu sein, "die unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sicherten."

Händereiben suggeriert Selbstzufriedenheit und genau um die ging es Weidel wohl als sie sich vor großem Publikum darstellen konnte, wenn auch als Mensch, den man- außer vielleicht in ihren rechtslastigen Reihen-, als äußerst unsympathisch wahrnimmt. Wer kann schon einen Menschen mögen, der minderjährige Geschlechtsgenossinnen attackiert und im gleichen Atemzug angstbesetzte Habsucht öffentlich erkennen lässt?

Gestern twitterte ich: "Denke seit Stunden über Weidels Wortschöpfungen (?) nach, auf die eigentlich nur gewiefte Anwälte kommen können und versuche auszuloten, was alles mit den Worten transportiert werden soll, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden."

Das Fanal ihres Satzes „Burkas, Kopftuchmädchen und alimentierte Messermänner und sonstige Taugenichtse werden unseren Wohlstand, das Wirtschaftswachstum und vor allem den Sozialstaat nicht sichern.“ bildet ein religiöses Kleidungsstück zur vollständigen Verschleierung des Körpers von Frauen. Es wird in Afghanistan und in Teilen von Pakistan von Musliminnen getragen. 

Weidel begann ihre Aufzählung mit diesem Kleidungsstück, um offenbar verdeckt, die Kette des dann angeprangerten Personenkreises - zum Teil jedenfalls-  näher zu spezifizieren. Um Muslime also ging es ihr demnach in erster Linie. Dass ein Kleidungsstück kein Taugenichts sein kann, ist allen klar, denen die deutsche Sprache geläufig ist, denn der Begriff "Taugenichts" bezieht sich auf  Menschen und nicht auf Dinge. 

Weil Weidel natürlich weiß, dass viele muslimische, mit einem Kopftuch bekleidete Frauen hierzulande in Arbeitsverhältnissen stehen und zu unserem Wohlstand und dem Wirtschaftswachstum beitragen sowie mithelfen den Sozialstaat zu sichern, sie insofern wegen Falschbehauptungen Probleme bekommen hätte, wenn sie von muslimischen Kopftuchfrauen gesprochen hätte, sprach sie von "Kopftuchmädchen" und ließ die Religionszugehörigkeit weg. 

Die Zuhörer allerdings hatte sie mit dem Begriff "Burka" bereits gedanklich auf muslimische Kopftuchfrauen gelenkt, wie man vielen Artikeln der Presse entnehmen kann, die ihren Ball aufgenommen haben.  Wen wundert es, dass die Wortberater von Frau Weidel sich vermutlich noch immer die Hände reiben? 

"Kopftuchmädchen" sind Kinder weiblichen Geschlechts, die ein Kopftuch tragen. Nehmen wir Frau Weidel ruhig beim Wort. Für sie sind solche Mädchen, die noch nicht in Arbeitsverhältnissen stehen, demnach Taugenichtse, sprich nichtsnutzige Menschen. 

Was ist daraus zu entnehmen? Ab wann hat für Weidel der Mensch einen Wert?  Macht nur Arbeit  frei, wie es zynisch an den Toren der Konzentrationslager von Ausschwitz, Dachau, Theresienstadt und Sachsenhausen stand?  Ist nur der Mensch, der zu unserem Wirtschaftswachstum beiträgt, kein Nichtsnutz?

Möchte Weidel die Kinderarbeit in Deutschland wieder einführen? Oder Kopftuchmädchen gar zur Zwangsarbeit verdonnern? Wundern würde mich das nicht.

Wie man mit Sündenböcken umgeht, wurde von Hitler und seinem braunen Gesindel allen Ewiggestrigen vorexerziert. 6 Millionen ermordete Juden waren das Ergebnis des damaligen Rassenhasses. Sind jetzt die Kopftuchmädchen angezählt? 

Was bitte sind alimentierte Messermänner? Worin besteht ihre Aufgabe, für die sie alimentiert werden? Diese Antwort ist uns Alice Weidel  auch schuldig geblieben. Was man allerdings auf der Begrifflichkeit herauslesen kann, ist, dass sie ein ziemlich schräges Bild von einem Teil ihrer männlichen Geschlechtsgenossen hat, wenn sie diese auf einen Gegenstand, den sie bei sich tragen, reduziert: Ein Messer. In der Tiefenpsychologie wird dies übrigens sehr gut  erklärt.

In Weidels Kopf aber geistern offenbar noch weitere, nach ihren Vorstellungen nichtsnutzige Personengruppen umher, die sie mit "anderen Taugenichtsen"  beschreibt. Man darf gespannt sein, wer das ist. Alte, Kranke? Ist die Euthanasie bereits wieder angedacht? 

Helga König

Sonntag, 13. Mai 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 13.5.2018

Zusagen und Versprechen werden heute sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft und privat immer häufiger nicht eingehalten bzw. gebrochen und zwar keineswegs im beiderseitigen Einvernehmen. 

Warum ist das so? Woran mangelt es? 

Ich vermute seit einiger Zeit, dass es vor allem an den dazu notwendigen Tugenden fehlt. Wer Zusagen nicht einhält und Versprechen bricht, weil sich die Umstände geändert haben und das Einhalten von Vereinbarungen mit persönlichen Nachteilen verbunden wäre, benötigt einen bestimmten Mangel an Tugenden, um Wortbruch überhaupt begehen zu können. 

Meines Erachtens gehören ein Mangel an Verantwortung und ein Mangel an Gewissen dazu, vielleicht zudem ein Mangel an Selbstachtung, an Nächstenliebe, natürlich an Fairness, an Ausdauer, an Ernsthaftigkeit und schlussendlich ein Mangel an Willensstärke. 

Nur der, dem bewusst ist, dass er für seine Handlungen verantwortlich ist und sich letztlich selbst stets Rechenschaft  ablegen muss, wird sehr genau überlegen, wann er etwas zusagt oder verspricht und wohl durchdachte Vereinbarungen nicht, wann es ihm gerade beliebt, brechen. 

Ein verantwortungsbewusster Mensch legt Wert darauf, wann auch immer, sich im Spiegel anschauen zu können und bei diesem Anblick nicht schreiend weglaufen zu müssen. Selbstachtung ist ein Wesensmerkmal verantwortungsbewusster Menschen aber auch Willensstärke.

Ein solcher Zeitgenosse löst nicht einseitig Verträge auf, betrügt und belügt auch nicht sein Gegenüber, um sich einen Vorteil zu erschleichen oder Unredliches durchzusetzen. Ein verantwortungsvoller Mensch verfügt über ein intaktes Gewissen, das ihn davor schützt, aus Eigennutz, Zusagen und Versprechen nicht einzuhalten. Dieses Gewissen nämlich würde ihn plagen und seine Lebensfreude mindern. So beißt er lieber in den sauren Apfel und steht auch, wenn die Bedingungen sich für ihn unerfreulich geändert haben, zu dem, was er zugesagt hat. 

Der verantwortungsvolle Mensch ist vor allem fair, weil er fair sein möchte und Illoyalität ebenso ablehnt wie unsolidarisches Verhalten. Er hat einen Anspruch an sich, dem er gerecht werden möchte, der darin besteht, sich selbst nicht mehr zu lieben als seine Nächsten. 

Wir leben in einer hochgradig narzisstischen Gesellschaft, in der die Selbstliebe an erster Stelle steht, in der Menschen wenig ausdauernd sind, wenn es nicht um eigene Vorteile geht und den raschen persönlichen Erfolg langen Durststrecken, die sich aus Versprechen ergeben können, vorzieht.

Dieser Tatsache ist es geschuldet, dass verantwortungsvolles Handeln dem Anderen gegenüber immer weniger ernst genommen wird. Gewissenskonflikte: Fehlanzeige. Alles ist Spaß, Ernst ist etwas für  moralinsaure Leute.

Deshalb kann man sich auf kaum mehr etwas verlassen, noch nicht einmal auf schriftlich gegebene Zusagen. Doch das bedeutet keineswegs, dass die Institution des Versprechens zwingend verschwinden muss, sondern wohl eher, dass Tugenden wieder mehr kultiviert werden sollten.

Warum nicht mit der Tugend der Besonnenheit beginnen,  die jeder Zusage und jedem Versprechen vorausgehen sollte?



Helga König

Samstag, 5. Mai 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 6.5.2018

"Redefreiheit endet dort, wo Beleidigungen und Verleumdungen beginnen. Auch im Internet." 

Angeregt durch eine Dokumentation des ZDF über das Trollwesen im Internet und durch die kürzlich ausgestrahlte Diskussion in der ARD bei Maischberger mit dem Titel  "Man wird ja wohl noch sagen dürfen. Wie diskriminierend ist Sprache? postete ich gestern obigen Satz auf Twitter und  auf Facebook.

Ein User kommentierte meinen Tweet: "Nein, Redefreiheit ist Redefreiheit, Beleidigungen und Verleumdungen muss man aushalten oder vor Gericht gehen", woraufhin ich mich zunächst erst einmal schwer wunderte und dann antwortete: "Auch Redefreiheit hat Grenzen. Sie sind gesetzlich geregelt. Eine mündige Gesellschaft hält sich an Gesetze, weil sie deren Sinn erkennt und entlastet damit die Gerichte.“ 

Schaut man sich die Dokumentation im ZDF über das Verhalten und die Argumentation von Trollen oder oft sogar organisierter Trollbanden an und vergegenwärtigt sich die Rechtfertigungsversuche von Rappern wie Bushido, wird klar, dass in unserer Gesellschaft offenbar manchen nicht mehr bewusst ist, welche Wirkung Sprache haben kann und man deshalb Sprachtätern leider vieles viel zu lange durchgehen lässt.

Sprache, die hochaggressiv, menschenverachtend und in diesem Zusammenhang rassistisch ist, muss von keinem ausgehalten und geduldet werden bis das Gericht einen Maulkorb verhängt, sondern es liegt an uns allen, diesen Wortentgleisern durch Spracherziehung Einhalt zu gebieten, weil eine rüde Sprache das Denken der Zuhörer auf Dauer verändern kann und damit leider auch die gesellschaftlichen Verhaltensmuster immer unzivilisierter werden können. 

Rücksicht wird auf diese Weise zum Auslaufmodell im zwischenmenschlichen Verhalten. 

Gewaltverherrlichende, rassistische und frauenabwertende Texte oder Zynismus im Hinblick auf Holocaustopfer wie sie in Rappertexten vorkommen, dürfen nicht hinter dem Begriff Kunst versteckt werden, um dann ihr Unwesen in den Köpfen junger Zuhörer treiben zu können. Das Gleiche gilt für unterirdische Beleidigungen im Rahmen von Satire, auch diese sind für eine mündige Gesellschaft ein NOGO. Es ist nicht notwendig einen Menschenverachter persönlich zu beleidigen, um sein unakzeptables Tun satirisch erkennbar zu machen.

"Freiheit der Kunst" bedeutet nicht, dass man als verbaler Berserker alle Grenzen zivilisierten Verhaltens durchbrechen und hämisch grinsend sich sicher sein kann, dass ein nicht nachvollziehbares Kunstverständnis die verbalen Entgleisungen auch noch prämiert. 

Alle Welt beklagt das Verhalten von Mobbern, Stalkern und Trollen im Netz. Doch es geschieht kaum etwas,  um diesen Personen Einhalt zu gebieten, weil sowohl die Betreiber von Plattformen wie auch die Polizei und die Gerichte offenbar überfordert sind mit dem Problem. Begründet ist dies dadurch, dass sich diese Rüpel immer neue Accounts zulegen  oder sich gar über Server aus anderen Ländern oder Kontinenten ins Netz einwählen. Sie fühlen sich schlau, sind aber in Wahrheit Analphabeten, was die Sozialverträglichkeit anbelangt. 

So wird im Großen und im Kleinen weiterdiffamiert, weiterbeleidigt und weitermanipuliert. So werden Menschen in Krankheiten oder gar in den Tod getrieben, weil Sprache dies möglich macht und Spracherziehung sträflich  vernachlässigt wird. 

Eine gute Spracherziehung ist  vor allem eine geglückte Sprachsensibilisierung, die einhergeht mit Höflichkeit, weil sie auf ein gelingendes Miteinander ausgerichtet ist. Eine solche Spracherziehung scheint in den letzten Jahren vernachlässigt worden zu sein, denn ansonsten müssten wir die vielen Entgleisungen nicht beklagen. 

Spracherziehung endet nicht mit der schulischen Ausbildung. Sie sollte zu einem Akt der Selbstdisziplinierung bis ins hohe Alter werden und damit zum Gradmesser des eigenen kulturellen Niveaus. 

Helga König

Sonntag, 29. April 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 29.4.2018

Nachdem ich mir in den letzten Tagen immer wieder Dokumentationen über die Muster und Ursachen von psychopathischem Verhalten angeschaut habe, ist mir bewusst geworden, dass die Verhaltensmuster solcher Menschen, - bei Führungskräften sollen übrigens 14,5% psychopathisch ausgerichtet sein-, nicht durch gute Worte, ja noch nicht einmal durch Psychotherapien beizukommen ist, weil es sich bei diesem abgründigen Verhalten offenbar um einen Defekt des Empathiezentrums im Gehirn handelt.

Dadurch auch erklären sich die spürbare Kälte, die von solchen Leuten ausgeht und zudem der bloß gespielte Charme, auf den Personen ohne Menschenkenntnis leicht hereinfallen können. Dieser dient dazu, das Gegenüber einzulullen und gefügig oder im idealsten Fall hörig zu machen. 

Der Defekt im Gehirn kann offenbar angeboren oder eine Folge eines Kindheitstraumas sein, das von Vernachlässigung, Vergewaltigung oder Kindheitsmisshandlung herrührt. 

Mir sind im Laufe meines Lebens einige solcher Männer und Frauen begegnet, deren Verhalten mir lange Zeit nicht zufriedenstellend erklärbar erschien. Eines hatten diese Personen gemeinsam: eine geradezu atemberaubende Egomanie, erkennbar durch mangelnde Rücksichtnahme, Habsucht, niederträchtige Verhaltensmuster, selbst ihren Nächsten gegenüber und offensichtlich keinerlei Schuldgefühle. 

Psychopathen schrecken, wie man erfährt, weder vor Lug, Betrug noch Mord zurück, wenn es ihrem Vorteil dient, gehen jedes Risiko ein, weil sie keine Angst kennen, da diese mit einem intakten Empathiezentrum in Zusammenhang steht. 

Noch zu Studienzeiten erlebte ich ein Familiendrama hautnah mit. Opfer eines Psychopathen war eine damals bildschöne, sehr intelligente Geschäftsfrau. Sie war zu diesem Zeitpunkt Ende 40. Der  15 Jahre jüngere Psychopath, der ihr erfolgreich zusetzte, gewann über subtile Charmeoffensiven Macht über sie. Sie finanzierte ihn fortan, während er sie pausenlos betrog und sie so einkochte, dass sie nur noch der Schatten ihrer selbst war. Dennoch schaffte sie es nicht, die Hörigkeit zu überwinden, zumal er sie immer mehr von ihren Freunden und ihrer Familie isolierte. 

In einem anderen Fall ging das gleiche Spiel zwischen einem Mann und einer Frau und deren Sohn ab. Auch hier spielte  mit den Jahren immer mehr  die Isolation des Opfers eine Rolle. Die Frau und ihr Sohn waren Psychopathen und zerstörten aus Habsucht das Lebenswerk des Mannes. 

In beiden angeführten Beispielen waren die Opfer auffallend narzisstisch und insofern verstärkt von Anerkennung abhängig. 

Spontan kann ich noch gut 50 Fälle dieser Art anführen, wo stets Psychopathen mit Narzissten in Symbiosen gegangen sind und Drama stets das Ergebnis war. Es gibt Untersuchungen, wonach Psychopathen binnen Sekunden ihre Opfer erkennen und zwar an deren Körperhaltung und Gesten. 

Durch den Erziehungsratgeber von Johanna Harrer wurde in der Nazi-Zeit versucht, eine ganze Generation zu gefühlskalten Psychopathen abzurichten, weil die Kinder ohne Zärtlichkeit erzogen und auf diese Weise kalt gemacht werden sollten. Empathielose Menschen eigneten sich besser für das Kriegshandwerk, für die Jobs in den Konzentrationslagern und für die Ausbeutung anderer Völker. 

Die Kulturantrhopologien Magret Mead zeigte am Beispiel der Südsee-Stämme Arapesh und Munugumor, welche Folgen eine liebevolle oder im Gegensatz ein aggressionserzeugende frühkindliche Erziehung hat, lange bevor man wusste, was dadurch im Kopf lahmgelegt wurde. Ist das Empathiezentrum erst einmal gestört, gibt es für das Ego kein Halten mehr.

Merke: Werte und Emotionen sind Psychopathen fremd. 

Deshalb auch hat ein solcher Mensch keine Schuldgefühle und empfindet sich keinen Werten verpflichtet. Werte sind ihm einfach egal. Macht, Status und Geld sind die erklärten Ziele von Psychopathen. Diese versucht er sich als Parasit anzueignen, indem er andere einlullt oder aber er macht Beute durch Lug, Betrug und grausamste Gewalt. Der Sklave, der Zwangsarbeiter oder Menschen, die freiwillig Leistungen gratis erbringen, sind  das Ideal für einen Psychopathen, denn so kann er sich hervorragend bereichern, ohne selbst etwas leisten zu müssen.

Ein solcher Mensch kann Millionen oder gar Milliarden besitzen und hat kein Problem damit, ein Kind verhungern zu sehen, weil er das Leid überhaupt nicht wahrnimmt. Mir hat ein Opfer berichtet, dass er als Kind aufgrund eines Unfalls am Auge schwer geblutet und seine psychopathische Mutter ihm nicht geholfen habe, obgleich sie sah, was geschehen war. Die gleiche Frau besuchte ihren Ehemann nach über 60 Jahren Ehe nicht im Krankenhaus, obschon sie wusste, dass er schwer krank war. Sie hatte ihn zu diesem Zeitpunkt bereits materiell restlos ausgeweidet. Der kranke Mann interessierte sie deshalb nicht mehr. Es gab nichts mehr abzukassieren. Dabei verhinderte sie, dass Menschen, die ihn wirklich schätzten, besuchen konnten. Drei Wochen später verstarb er dann isoliert im Krankenhaus.

Man kann solche Menschen nicht wachrütteln, weil der Defekt im Kopf es nicht zulässt und er  bislang auch nicht heilbar ist. 

Deshalb bleiben Psychopathen bis zu ihrem Ableben abgründig, kontrollieren andere ununterbrochen, um bis zum letzten Atemzug und über ihren Tod hinaus, ihre Macht auszudehnen, bzw. zu manifestieren. Der Mitmensch ist ihnen niemals Ziel, sondern stets nur Mittel und Kants kategorischer Imperativ ist für sie eine Zumutung über die sie sich selbstverständlich empören. Zeuge einer solche Empörung wurde ich vor Jahren tatsächlich selbst einmal.

Helga König

Samstag, 21. April 2018

Helga König, Sonntagskolumne, 22.4.2018

Es ist unendlich wichtig, an die Schandtaten der Nazis zu erinnern, denn erneut haben wir Nazis in diesem Land. Sie werden wieder morden und rauben, wenn man ihnen keinen Einhalt gebietet, weil es ihrer Natur entspricht. Sie sind unverbesserlich. #noNazis, #noAfD 

Diesen Tweet postete ich heute Morgen, nachdem ich einige Artikel in den großen Tageszeitungen zu dem Aufstand im Warschauer Ghetto, der gestern vor 75 Jahren begann, gelesen hatte. Die Nazis erschossen damals Tausende von jüdischen Ghettobewohnern oder deportierten sie in die Todeslager. 

Woher kommen diese unsägliche Niedertracht und die Kälte, die der Motor für solche kollektiven Schandtaten ist? 

Wie entseelt sind Menschen, die anderen furchtbares Leid zufügen, sie foltern und ermorden aus ideologischen oder religiösen Motiven oder aber weil sie grenzenlos habsüchtig sind? 

Die Publizistin Gräfin Dönhoff, eine Zeitzeugin des Nationalsozialismus,  sprach davon, dass das deutsche Volk damals auszog, die Fleischtöpfe Europas zu erobern und verweist mit dieser unmissverständlichen Aussage auf das Phänomen der Habsucht, die all diesen Schandtaten zu Grunde lag. 

Über Massenpsychologie ist es möglich, die Schattenseiten des Menschen  immer und immer wieder erneut hervorzuholen und dafür zu nutzen, dass eine kleine Clique von machtbesessenen, habsüchtigen, ideologisch oder religiös verwirrten Personen sich für eine gewisse Zeit unglaubliche Privilegien sichert und in der Regel ihren Größenwahn auslebt, indem sie der Masse Mangel einredet und aus ihr eine reisende Bestie macht. 

Das Gefühl nicht genug zu haben, um sich und seine Familie ernähren zu können, lässt Menschen, denen ethische Werte systematisch abtrainiert oder ausgeredet worden sind, zu allen inhumanen Mitteln greifen, um sich Dinge anzueignen. Es wird diffamiert, es werden die Ellenbogen ausgefahren, es wird gefoltert und ermordet, um zu rauben und sich gewissermaßen maßlos zu "sättigen". 

Dabei sind es nicht die Ärmsten, die sich  einreden lassen,  aufgrund von Mangel den Bruder  töten zu müssen, sondern  jene, die, sofern sie im Konsumrausch leben,  meinen,  eigentlich nie genug zu haben und deshalb berechtigt zu sein,  zu rauben und zu killen. 

Es ist das gefräßige Ego, was sich immer extremer auszuleben beginnt und selbst dann noch glaubt, im Mangel zu leben, wenn es sich Millionen oder gar Milliarden angeeignet hat. 

Niedertracht und Kälte nehmen in dem Maße zu, je mehr die Raubzüge eingebracht haben und selbst das letzte Hemd wird dem ausgeguckten Feind noch entrissen, um das habsüchtige Ego zu befriedigen. 

Neoliberalismus und Rechtpopulismus bilden leider ein ideales Paar, das sich, was die Schattenseiten der Menschen anbelangt, gegenseitig erfolgreichst befruchtet und zu immer brutaleren Mitteln greift, um diese auszuleben. 

So bleibt festzuhalten, dass man sich mit diesen Schattenseiten dringendst und ernsthaft befassen muss, um sie in ihrer Wirkung unschädlich zu machen und vor allem genau beobachten sollte, welche Absicht jemand verfolgt, wenn er Mangel predigt. Oft genug geht es nur darum, sich grenzenlos zu bereichern und selten darum, Menschen, die in Not sind, zu helfen. 

Helga König

Sonntag, 15. April 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 15.4. 2018.

"Ein Haus ohne Bücher ist arm, auch wenn schöne Teppiche seinen Boden und kostbare Tapeten und Bilder die Wände bedecken." - Zitat von Hermann Hesse. 

Das Zitat von Hermann Hesse liest man immer mal wieder in den sozialen Medien. Diese subjektive Betrachtung Hesses wird zumeist vielfach angeklickt. Doch kann man sich dieser Meinung wirklich bedenkenlos anschließen? 

Das Adjektiv "arm" steht für: 1a ohne [genügend] Geld zum Leben, …1b. wenig habend, aufweisend oder hergebend, …2. unglücklich, bedauernswert, beklagenswert.*

Es ist anzunehmen, dass Hesse das Wort "arm" entweder im Sinne von "unglücklich" oder "bedauernswert" oder "beklagenswert" in seinem Satz verwendet hat. 

Einst lernte ich ein Haus mit einer großen Bibliothek kennen, dem es an schönen Teppichen und kostbaren Tapeten, auch Bildern an den Wänden nicht mangelte. Es war das freudloseste Haus, das ich je in meinem Leben erlebt habe, weil es immer nur ums Raffen und stets bloß um Lug und Betrug ging. Die Bücher waren letztlich nur Staffage. Es handelte  sich hierbei um Hunderte von seichten Romanen, mit denen die Sentimentalität der gefühlskalten Hausherrin bedient wurde, ferner um alte Bücher mit Nazi-Inhalt und um nicht aufgepackte, kostbare Bildbände, die Gäste zu Firmen-Jubiläen in die Villa anschleppten, weil sie von der Bibliothek, den Teppichen, den Bildern und von vielem anderen mehr geblendet waren. Keiner konnte sich vorstellen, dass dort beklagenswert intellektuelle Leere herrschte, weil tiefsinnige Gespräche bei Tisch per se unterbunden wurden und keiner die Bibliothek genauer unter die Lupe nahm. Das verbot allein schon die Contenance. 

Glücklich machen ja gute Bücher fast nie, doch sie schenken Erkenntnis, was oft schmerzhaft ist, weil man sich von alten Vorstellungen verabschieden muss. Loslassen ist für die meisten nicht einfach. Nicht grundlos gibt es eine Fülle von Ratgebern zu diesem Thema.

Bedauernswert sind alle Menschen, die aufgrund mangelnder Ausbildung oder Desinteresse vom Wissen ausgeschlossen sind und beklagenswert jene, die eine sehr gute Bildung haben, sich aber von abgefeimter Dummheit korrumpieren lassen, weil sie sich dadurch Vorteile versprechen. Ich kannte mal einen Pfarrer, der genau dies tat und so seinen Glauben verriet. 

Wer Bücher wirklich liebt, lebt mit ihnen, macht Notizen, steht auf diese Weise im Dialog mit den Autoren und gewinnt manchmal an wertvoller Erkenntnis hinzu. In Zeiten des Internets haben wir alle Gelegenheit, beinahe alles dort lesen und erfahren zu können, sodass Bücher fast nur noch des haptischen Reizes oder der liebevollen Erinnerung wegen eine Rolle in einem Haus spielen. 

Mein ganzes Leben hindurch habe ich Bücher gelesen, sammele sie, lebe mit ihnen und liebe sie. Doch bin ich dadurch glücklicher geworden? Eindeutig nein, wohl aber ein wenig erkenntnisreicher. Immerhin.

Je mehr mir durch meine tägliche Lektüre klar wird, wie diese Welt tickt, umso mehr erfasst mich der Ekel, dennoch höre ich nicht auf zu lesen.

Je mehr ich erkenne, dass aus der Geschichte nichts gelernt wird und angeblich gebildete Menschen nach wie vor irgendwelchen narzisstischen, verlogenen und kaltblütigen Neros oder Caligulas hinterher rennen, weil sie lieber seichte Romane verschlingen, anstelle sich mit Psychologie und Philosophie zu befassen und von daher realitätsblind sind oder weil sie sich mit menschenverachtender Ideologie zu dröhnen, anstelle ihren gesunden Menschenverstand zu benutzen, um so  mehr wird mir bewusst, dass nur  intensive Herzensbildung uns weiterbringt.  Leonardo da Vinci sagte einst: "Das wahre Wissen kommt immer aus dem Herzen". An dieser Tatsache hat sich bis heute nichts geändert.

Das Lesen von Büchern macht nur Sinn, wenn es dazu dient, humanistisch ausgereifter zu werden und entsprechend zu leben, d. h. den Menschenrechten zu dienen und  sich überall auf dieser Welt im Kleinen wie im Großen für sie stark zu machen. Die bildende Kunst, die Musik und die Poesie sind  hervorragende Mittel um das Herz zu weiten, damit menschenfreundliche Gedanken dort Platz  finden können. Wie notwendig das ist, sehen und erleben wir täglich.

Das Lesen von Büchern sollte niemals ein Mittel zur Flucht vor der Realität sein, sondern ein solches, sie positiv zu verändern.

Ein Haus ohne Bücher ist, sofern Güte und Herzenswärme dort zu finden sind, niemals immateriell arm. Es grenzt an Hochmut anderes zu behaupten.

Helga König

*Duden- arm

Samstag, 7. April 2018

Helga König: Sonntagskolumne, 8.4.2018

Der FAZ Net vom 6.4.2018 ist zu entnehmen, dass innerhalb der CDU ein "Konservatives Manifest" von Merkel-Gegnern formuliert worden sei. Es geht in dem Entwurf  u.a. darum, dass die Familie und das Leitbild "Vater, Mutter, Kinder" als die wichtigsten Grundlagen der Gesellschaft begriffen werden sollen. Zudem wendet man sich gegen eine weitere staatliche Förderung der "ideologisch motivierten Genderforschung" sowie gegen Quotenregelungen bei der Besetzung von Stellen. Stattdessen sollten "Kompetenz und Befähigung im Vordergrund stehen".* 

Des Weiteren wolle man eine "ungesteuerte Zuwanderung nach Deutschland und in unser Sozialsystem" abwenden und fordere einen besseren Schutz der Grenzen wie auch eine schnellere und konsequentere Abschiebung illegaler Einwanderer. Rechte, linke und islamistische Extremisten müssten kompromisslos bekämpft, liest man weiter, die doppelte Staatsbürgerschaft müsse abgeschafft und Arbeitnehmer von Sozialabgaben entlastet werden. Auch eine Wiedereinführung der Wehrpflicht werde postuliert, um die "Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wiederherzustellen und unserer europäischen und internationalen Verantwortung gerecht zu werden".** 

Bereits in der NS-Zeit stellte die Familie ideologisch die Keimzelle der Gesellschaft dar. Es ging dabei vor allem darum, dass das Volk wachsen, sich also vermehren sollte. Der Grund: Man benötigte "Menschenmaterial", um ganz Europa mit einem mörderischen Krieg zu überziehen. Der Einzelne und sein Glück interessierten die braunen Despoten dabei allerdings nicht.

Wer auf dieses Nazi- Leitbild zurückgreift und zugleich nach der Wiedereinführung der Wehrpflicht schreit, steht unter dem Generalverdacht über kurz oder lang nationalstaatlicher Größenwahn ausleben und sich der AfD als zukünftiger Koalitionspartner andienen zu wollen. 

Die Absicht die AfD rechts zu überholen, um auf diese Weise auf Stimmenfang im rechten Lager zu gehen, ist degoutant und fördert eine Ideologie, die für ein liberales gemeinsames Europa mehr als nur schädlich ist, denn wird das "Konservative Manifest" erst einmal gesellschaftsfähig,  driften vermutlich immer mehr Wackelkandidaten in diesen ideologischen Schwachsinn ab, der ja nicht nur frauen- sondern menschenfeindlich ist. 

Zu unterstellen, dass Frauen, die über Quote in eine Position gelangt sind, weniger kompetent und befähigt seien als Männer, die sich um besagte Position beworben haben, ist schon recht unverschämt, wo doch jeder weiß, dass Frauen immer noch ein Vielfaches leisten müssen, um in Top-Jobs überhaupt eine Chance zu haben.

Gerade in Deutschland, das im letzten Jahrhundert im Rahmen von zwei Kriegen die Verantwortung für 70 Millionen Tode zu übernehmen hat, sollte man seine Schwerpunkte auf friedensstiftende Maßnahmen weltweit legen. Die Wiedereinführung der Wehrpflicht, wie auch die Fremdenfeindlichkeit, die im Wunsch, sich immer mehr abzuschotten, erkennbar wird, gehören eindeutig nicht dazu. 

Wieso sollten Menschen nicht mehrere Staatsangehörigkeiten haben? Fördert dies nicht letztlich das globale Denken, das in unserer globalisierten Welt einfach notwendig ist, um weltweite Probleme in ihrer Tiefe zu erkennen und auch zu lösen?

Je mehr wir nationalstaatliche Verhaltensmuster mindern, umso höher wird die Chance, nicht nur europa- sondern weltweit im Frieden leben zu können und damit eine Basis für wirtschaftliche Blüte überall zu schaffen.

Mit den Ideologien der Vergangenheit lassen sich die Probleme von Heute und Morgen nicht lösen. Aufeinander zu gehen und mit den Lebensformen, die sich  in den letzten Jahrzehnten entwickelt haben, zurecht zu kommen und sie zu kultivieren, ist angesagt. Alles andere führt in eine Sackgasse.

Helga König


Freitag, 30. März 2018

Helga König, Osterkolumne, 30.3.2018

Mit dem Begriff "Heimat" assoziiere ich spontan Begriffe wie "Heimatvertriebene", "Heimaturlaub", "Heimatfilme" aber auch "Heimatmuseum" und habe ihn deshalb schon früh aus meinem aktiven Sprachschatz aussortiert.

Poesiealbumsprüche wie etwa "Vergesse nie die Heimat/Wo deine Wiege stand/ Du findest in der Ferne/ Kein zweites Heimatland" machen deutlich, welche Ideologie hinter diesem Begriff auszuloten ist. Der Ort, wo man geboren wurde und seine Kindheit verlebte, wird in diesem Vers eindeutig überhöht, ganz ähnlich wie man dies ansonsten vom Begriff der "ersten Liebe" her kennt. 

Wer das Alte vergisst, muss innere Leere erleben, denn im Neuen kann man nicht verwurzeln, so die Botschaft. Das Postulat, die Heimat nicht zu vergessen, will demnach letztlich eine geglückte Neuorientierung verhindern. 

Vor diesem Problem standen bereits viele Heimatvertriebene nach dem 2. Weltkrieg, wenn sie in die Falle dieses fatalen, sentimentalen Gedankens tappten. Das gedankliche Kleben an der "Heimat" als Ort der einzigen Glückseligkeit macht den Menschen, der den Ort seiner Kindheit freiwillig oder aufgrund von Zwang verlassen hat, unglücklich und verhindert eine entspannte Integration in neue Lebenskreise. 

In Regionen, wo man einen überzogenen Heimatkult betreibt, haben neu Hinzugezogene, gleichgültig, woher sie kommen, keine Chance. Dazu zu gehören, ist noch nicht einmal möglich, wenn man in einer solchen Region geboren wurde. Man muss- ganz wie bei den Nazis- beweisen, dass man ethnische Wurzeln dort hat. 

Das Heimatmuseum bewahrt in der Regel Utensilien ortsansässiger Familien aus den ersten 45 Jahren des letzten Jahrhunderts. Weiter zurück will man nicht gehen, sondern eigentlich nur dokumentieren, wer dazugehört und wer nicht. So hat der Begriff "Heimat" viel mit Ausgrenzung, Verweigerung, Sentimentalität, Dominanz und letztlich mit Schildbürgertum zu tun. Kurzum, es mangelt ihm an Weltoffenheit.

Sich irgendwo zuhause zu fühlen, die Besonderheiten von Regionen weltweit zu schätzen, sie zu bewahren und vielleicht auch zu verbessern, ist die Aufgabe aller, denen Kultur am Herzen liegt. Tradition sollte immer auch Neues zulassen und sollte sich als Lernprozess verstehen. 

Wer "Heimat" als Lernprozess begreifen möchte, muss weit gereist sein und mit Menschen aus vielen Regionen gesprochen haben, dann wird er gewiss nach neuen Begrifflichkeiten suchen, seine industriell hergestellten Sammeltassen nicht mehr ins Heimatmuseum tragen, sondern sich stattdessen bemühen, wirklich alte, regionale Kulturgüter zu bewahren und sie nicht der Beliebigkeit der Industrie opfern, wie dies mit so vielen  Dingen geschieht. 

Allen ein schönes Osterfest

Helga König